Lotterie beim Bio-Einkauf

saldo 06/2014 vom

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Wo Bio draufsteht, ist nicht immer Bio drin. Grund: Die Nachfrage nach Bio-Gemüse ist grösser als das Angebot. Also wird aus konventionellen Setzlingen Bio-Ware. Mit dem Segen von Behörden und Bio Suisse.

Konventioneller Keimling: Wird mit dem Segen der Behörden zum Bio-Setzling (Bild: Fotolia)

Konventioneller Keimling: Wird mit dem Segen der Behörden zum Bio-Setzling (Bild: Fotolia)

Pro Kopf gaben die Konsumenten in der Schweiz im Jahr 2012 rund 230 Franken für Bio-Produkte aus. Der Detailhandel erzielte mit ­einem Gesamtumsatz von 1,83 Milliarden Franken ­einen neuen Rekord. Dies zeigen die aktuellsten Zahlen von Bio Suisse, dem Dachverband der rund 5600 Schweizer Knospe-Betriebe. 

Die steigenden Umsätze sind auf die stets grösser werdende Nachfrage der Konsumenten nach biologisch erzeugten Produkten zurückzuführen. Daraus entstehen Engpässe. Oft ist nicht mehr genügend Saat- und Pflanzgut wie Knollen und Setzlinge in Bio-Qualität verfügbar. Von zahlreichen Sorten gibt es zudem gar kein geeignetes Bio-Saatgut.

Von der konventionellen zur Bio-Ware dank Ausnahmebewilligung

Für Landwirte lohnt sich ein Bio-Betrieb. Das zeigt ein Blick in den neusten Grundlagenbericht der eidgenössischen Forschungsanstalt Agroscope Reckenholz-Tänikon. Bio-Bauern in der Talregion verdienten von 2010 bis 2012 durchschnittlich 78 500 Franken pro Jahr. Landwirte mit konventioneller Produktion verdienten rund 12 000 Franken weniger. 

Bio-Lebensmittel sind meist deutlich teurer als konventionelle Produkte. Im Schnitt zahlen Konsumenten bei Migros und Coop 65 Prozent mehr für Produkte mit Bio-Auslobung. Das zeigte ein Preisvergleich des «K-Tipp» (14/2010).

Schweizer Bio-Landwirte umgehen den Engpass bei biologischen Samen und Setzlingen, indem sie auch konventionelle Samen und Setzlinge aus dem In- und Ausland für den Anbau verwenden. Aber sie wollen diese Ware auch mit einem Bio-Label verkaufen können. Das funktioniert: Es braucht dazu Ausnahmebewilligungen. 

Diese erteilt das Forschungsinstitut für biologischen Landbau in Frick. Coop unterstützt gemäss ­eigenen Angaben das Forschungsinstitut mit Millionenbeiträgen. 

Laut Bio Suisse stellten Bio-Landwirte letztes Jahr beim Forschungsinstitut rund 1000 Ausnahmegesuche für die Verwendung von konventionellem Saat- und Pflanzgut. Davon seien nur 5 abgelehnt worden. Die meisten Gesuche betrafen Kartoffeln, Zwiebeln und Knoblauch, Obst, Beeren, Getreide, Futterpflanzen und Gemüse. 

Wie gross dürfen Setzlinge aus konventioneller Landwirtschaft sein, um die Produkte später mit dem Prädikat Bio verkaufen zu können? Das Forschungsinstitut für biologischen Landbau sagt dazu nichts.  

Beim Saatgut ist der Unterschied zwischen bio und konventionell laut Bio Suisse klein: Saatgut darf generell nur mit von Bio Suisse zugelassenen Pflanzenschutzmitteln behandelt sein. 

Nur 10 bis 20 Prozent Bio-Gemüse stammen aus Bio-Saatgut

Dennoch besteht ein Unterschied. Amadeus Zschunke, Geschäftsführer der Bio-Saatgutfirma Sativa in Rheinau AG, erklärt: «Bio-Produkte aus konventionellem Saatgut benötigen unter Umständen mehr Pflanzenschutzmittel und Dünger als reine Bio-Produkte.» Grund: Bio-Saatgut sei besser an den Bio-Anbau angepasst. Zschunke schätzt, dass nur 10 bis 20 Prozent von dem in der Schweiz verkauften Bio-Gemüse tatsächlich aus Bio-Saatgut stammt.

Vor allem bei Kartoffeln ist das Angebot an Bio-Knollen knapp. Im Jahr 2011 bewilligte das Forschungsinstitut 509 Tonnen konventionelles Pflanzgut für den Bio-Anbau. Letztes Jahr waren es bereits 678 Tonnen. Demgegenüber stehen 712 Tonnen tatsächliche Bio-Kartoffelknollen. Diese gelangen in diesem Jahr in den Handel. 

Ähnlich bei Bio-Erdbeeren: 2013 hat das Forschungsinstitut Ausnahmegesuche für mehr als 170 000 Jungpflanzen bewilligt. Zwei Jahre vorher waren es noch 52 000 Jungpflanzen. 

Oft benötigen Landwirte nicht einmal eine Erlaubnis, wenn sie konventionelles Saat- und Pflanzgut in Bio-Ware verwandeln wollen. Laut Bio Suisse gilt eine «generelle Ausnahmegenehmigung», wenn für bestimmte Produkte das Angebot an biologischem Saatgut und Setzlingen zu klein ist und die gewünschten Sorten nicht in Bio-Qualität zur Verfügung stehen.

Das heisst: Die Produzenten wandeln bei vielen Gemüsesorten konventionelle Ware zu Bio um. Für die Anbausaison 2013/2014 sind das laut dem Forschungsinstitut für Landwirtschaft gewisse Sorten von Karotten, Nüsslisalat, Spinat, Erbsen, Blumenkohl, Broccoli, Gurken, Lauch, Spargeln, Peperoni, Tomaten und Zwiebeln. 

Das Bundesamt für Landwirtschaft sieht kein Problem. Barbara Steiner vom Fachbereich Qualitäts- und Absatzförderung: «Bei rund 6000 Bio-Betrieben sind 1000 Ausnahmegesuche ein Zeichen für eine gute Versorgungslage mit biologischem Ausgangsmaterial.» 

EU prüft verschärfte Vorgaben für Bio-Saat- und -Pflanzgut

Die EU-Kommission fordert jetzt strengere Vorgaben für die Verwendung von nicht biologischem Saat- und Pflanzgut: Landwirte und Händler sollen Produkte nur noch als Bio-Produkte etikettieren dürfen, wenn diese tatsächlich aus biologischen Samen und Setzlingen stammen. 

Laut Bundesamt für Landwirtschaft wäre ohne Ausnahmebewilligungen die Bio-Produktion in diversen Bereichen nicht mehr möglich: «Sollte die EU die Verschärfungen verabschieden, wird die Schweiz prüfen, wie weit sie diese übernehmen muss.»

Saatgut-Einkauf: Hohe Zuschläge für Bio-Qualität 

Konsumenten zahlen für Bio-Samen und -Setzlinge deutlich mehr als für konventionelle Produkte. Bei Hornbach kosten Kräuter­samen für die Petersilie Mooskrause Fr. 1.70. Mit dem EU-Bio-Label kostet das Säcklein Fr. 3.95 – 132 Prozent mehr. Beides sind Floraself-Produkte.

Bei Obi von der Migros kosten Samen für Gartenkresse pro 10 Gramm Fr. 1.95. Für Knospe-Produkte zahlen Hobbygärtner für Kresse Fr. 2.95. Abfüller beider Produkte ist Samen Mauser aus Winterthur.

Bei Coop Bau + Hobby kosten konventionelle Samen für den Kopfsalat Maikönig pro 10 Gramm Fr. 5.20. In Knospe-Qualität kosten die Samen pro 10 Gramm stolze Fr. 29.50 – und reichen laut Verpackung nur für halb so viele Pflanzen. Abfüller beider Produkte ist die Wyss Samen und Pflanzen AG aus Zuchwil SO. 

Gemäss Wyss ist die Produktion von Saatgut unter Bio-Knospe-Bedingungen schwieriger und kostspieliger als die Produktion von konventionellem Saatgut. Laut Samen Mauser gibt es weniger Bio-Produzenten, und die Anbaumengen sind geringer.

Bei Knospe-Produkten ist die Herkunftsangabe Pflicht. Doch Wyss und Samen Mauser geben einzig «CH, EU» an. Auf Anfrage gibt Wyss als Ursprungsländer Schweiz, Deutschland, Frankreich und Italien an. Samen Mauser bezieht gemäss eigenen Angaben auch Samen aus Holland.

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Kommentare

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von hildchen1 am
23.04.2014, 17:40

Lotterie beim Bio-Einkauf

Ich bin enttäuscht, dass so etwas bei Knospe-Produkten möglich ist. Die aus konventionellen Samen und Setzlingen gezogenen Gemüse könnte man mit einem bestimmten Wort kennzeichnen analog ui den "Umstellung"s-Waren ("IP"). Das wäre wenigstens ehrlich. H.K., Rüthi

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