«Ich würde nie mehr Eizellen spenden»

Gesundheitstipp 02/2014 vom | aktualisiert am

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Politiker und Ärzte wollen zulassen, dass Frauen ihre Eizellen kinderlosen Paaren spenden können. Doch die Spenderinnen riskieren, dass sie selber unfruchtbar werden. Eine Betroffene erzählt.

Angela Darcy war 29 Jahre alt und hatte kein Geld. Als Doktorandin für Chemie an einer Universität konnte sich die US-Amerikanerin kaum über Wasser halten. Da sah sie eine Anzeige einer Kinderwunsch-Klinik. Diese suchte junge Frauen, die Eizellen spenden wollten. Angela Darcy (Name geändert) meldete sich. «Ich hielt mich für so klug», sagt sie dem Gesundheitstipp rückblickend. Sie habe gedacht, sie könne verzweifelten Frauen helfen und gleichzeitig ihr Geldproblem lösen. Der Lohn: 2750 Dollar. 

Der Arzt gab Angela Darcy Hormone mit, die sie sich zu Hause in den Oberschenkel spritzen musste. Die Hormone sollten ihre Eierstöcke stimulieren, damit sie mehrere Eizellen gleichzeitig heranreifen liessen.

Nach ein paar Wochen setzte der Arzt Darcy unter Narkose. Dann führte er eine Hohlnadel durch die Scheide in den ­Eierstock und saugte damit 28 Eizellen heraus.

«Schlimmere Schmerzen als bei einer Geburt»

Die Patientin fühlte sich nach dem Eingriff gut – der Arzt schickte sie am selben Tag heim. Nach ­einer Woche wachte Darcy in der Nacht auf. Ihr Bauch war ganz dick. «Die Schmerzen waren schlimmer als bei einer Geburt», sagt sie. Als Darcy vom Bett aufstand, fiel sie in Ohnmacht. Im Spital sagte die Ärztin, es sei alles in Ordnung. Doch die Schmerzen hielten an.

Eine Woche später erbrach Darcy die ganze Nacht über Kot. Der Grund: Sie hatte einen Darmverschluss. Im Spital sah Darcys Arzt, dass der Eierstock so gross war wie eine Grapefruit. Er hatte sich verdreht und klemmte den Blutfluss ab. Schuld waren die Hormone, der Arzt hatte der jungen Frau zu hohe Dosen gegeben. Schliesslich musste er ihr den entzündeten Eierstock entfernen. Damit hat Darcy nur noch einen Eierstock. «Ich würde nie mehr ­Eizellen spenden», sagt sie heute.

In der Schweiz ist das Spenden von Eizellen ­verboten. Grund: Der Eingriff am Körper der Frau ist zu massiv. Auch das Importieren von Eizellen zur künstlichen Befruchtung ist nicht erlaubt. 

Für die künstliche Befruchtung ins Ausland

Doch nun wollen dies Politiker und ­Kinderwunsch-Ärzte ändern. Der Waadtländer CVP-Nationalrat Jacques Neirynck sagt, es gebe keinen Grund, zwischen Samenspende und der Spende einer Eizelle zu­ unterscheiden. Ähnlich argumentiert Bruno Im­thurn, Direktor der ­Klinik für ­Reproduktions-Endo­krinologie am Universitäts­spital Zürich. 

Der Schaffhauser Frauenarzt Peter Fehr findet es sogar «unfair», dass es für eine unfruchtbare Frau keine fremden ­Eizellen gibt, ein unfruchtbarer Mann mit seiner Frau aber zur Samenbank gehen könne. Fehr preist das Spenden der Eizellen bereits heute auf seiner Internetseite an: «Analog der Behandlung mit gespendeten Spermien ist auch der Einsatz von gespendeten Eizellen möglich.» Willige Paare schickt er nach Spanien. Imthurn und Fehr sagen, es seien Hunderte Ehepaare, die wegen einer künst­lichen Befruchtung jährlich ins Ausland reisten. Zahlen dazu gibt es ­allerdings nicht.

Kritiker der geplanten Gesetzesänderung argumentieren: Ärzte und Politiker würden den Eingriff für das Entnehmen der Eizellen verharmlosen. Es sei nicht das ­Gleiche, ob ein Mann den Samen oder die Frau ihre Eizellen zur Ver­fügung stellten. Franziska Wirz von der Frauenberatungsstelle Appella in Zürich sagt: «Eine Eizellen­spende ist näher bei einer Lebend-Organspende als eine Samen­spende.» 

Und die Frauenärztin und Leiterin des Zürcher Frauenambulatoriums, Theres Blöchlinger, kritisiert, Männer würden ihre Spermien quasi im Schlaf ejakulieren: «Doch um an die Eizellen einer Frau zu kommen, muss sie unter Narkose auf den Operationstisch.»

Ärzte sowie unfruchtbare Paare würden sich zudem sehr für Eizellen interessieren – doch weniger für die Gesundheit der Spenderinnen, so Blöchlinger weiter. Deshalb müssten Ärzte und Wissenschafter jetzt abklären, ­welche Risiken die Spenderinnen eingehen, so Blöchlinger. Denn zu den langfristigen Folgen des Eingriffs gibt es kaum Studien. «Die Spende der Eizellen in der Schweiz ist erst dann vertretbar.» 

Frauenärztin Blöchlinger würde zum jetzigen Zeitpunkt jeder Frau ab­raten, ihre Eizellen abzugeben: «Vor allem, wenn sie später selber Kinder will.» Denn man könne das Risiko nicht ausschliessen, unfruchtbar zu werden. Holländische und amerikanische Forscherteams haben über 150 Eizellenspenderinnen befragt. Jede Zehnte gab an, sie könne nicht schwanger werden. Die Gründe sind allerdings unklar. Evan ­Myers, Professor für Gynäkologie am Duke Uni­versity Medical Center (USA): «Wir wissen nicht, ob eine Spenderin ihrer Eizellen­reserve schadet – oder ob sie gar früher in die Wechseljahre kommt.» 

Besser erforscht sind die kurzfristigen Risiken: 8 bis 23 Prozent der Patientinnen vertragen die hohen Hormondosen nicht, so wie das bei Angela Darcy der Fall war. Als Folge leiden sie unter Bauchschmerzen, Übelkeit und Atemnot oder müssen erbrechen. Die Hormone könnten auch zu Blutgerinnseln oder Nierenversagen führen, wie Wissenschafterinnen vor vier Jahren in der amerikanischen Zeitschrift «Seminars in Reproductive Medicine»  schrieben.

Bei 4 von 1000 Eingriffen werden Gefässe verletzt

Auch der chirurgische Eingriff ist riskant. Die Saugnadel kann heftige Schmerzen verursachen. Ausserdem besteht die Gefahr, dass sie Gefässe wie die Harnleiter verletzt. Das kann zu inneren Blutungen führen. Laut einer Studie der Klinik Eu­gin in Barcelona (E) kommt das bei etwa 4 von 1000 Eingriffen vor.

Die Kinderwunsch-Ärzte sind sich ­dieser Risiken bewusst. Der Schaffhauser Arzt Peter Fehr etwa sagt: «Es ist ja logisch, dass diese ­Behandlung mehr gesundheitliche Risiken birgt als die ­Samenspende.» Für ihn ist klar, dass sich «keine Schweizer Frau ­frei­willig dieser ­Tortur unterziehen und Eizellen spenden würde». Wenn die Me­thode aber legal ­werde, könne man die ­Eizellen im Ausland einkaufen und in der Schweiz die künstliche Befruchtung durchführen. 

Bruno Imthurn vom Unispital Zürich bestätigt, dass eine Eizellenspende eine höhere Belastung darstelle als eine Samenspende. Darum müsste die Entschädigung auch ­wesentlich höher sein als bei einer Samenspende, bei der lediglich die Spesen gedeckt sind. Doch eine Über­dosis von Hormonen könne man heute mit sorgfältiger Be­treuung und Überwachung der ­Eizellenspenderin vermeiden.

Weitere Infos

Eizellenspenderinnen aus aller Welt erzählen ihre Geschichte (in Englisch).

  • «Der unerfüllte Kinderwunsch – wie gehen wir damit um?»

Gratis-­Broschüre der unab­hän­gigen Frauenberatungsstelle ­Appella, Zürich. Zu bestellen ­unter www.appella.ch.

Eizellenspende: In der Schweiz bald auch erlaubt?

In der Schweiz ist die Eizellenspende verboten. Nun will die wissenschaftliche Nationalratskommission das Verbot aufheben, wie sie Mitte Januar bekannt gab. Den Anstoss gab die parlamentarische Initiative des Waadtländer CVP-Nationalrats Jacques Neirynck. Er begründet seinen Vorstoss mit der Gleichberechtigung der Geschlechter: Es gebe weder einen biologischen noch einen ethischen Grund, zwischen Eizellen- und Samenspende zu unterscheiden. Und Letztere sei bereits heute erlaubt. 

Aufruf: Wie stehen Sie zur ­Eizellenspende? 

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