«Gleich hart wie Heroin-Entzug»

Gesundheitstipp 1/2000 vom

Peter Hornung, 44: Die Raucher-Pille Zyban half ihm, seine Nikotin-Sucht zu überwinden

27 Jahre lang rauchte Peter Hornung drei Päckchen pro Tag. Jetzt ist Schluss: Mit Zyban hat er den Ausstieg geschafft. Für ihn war der Entzug so hart, «wie damals vom Heroin loszukommen».

Pause. Das Licht geht an. Peter Hornung schält sich aus dem Kinosessel, strebt zum Ausgang. «Wie immer, wenn ich eine rauchen will.» Draussen schwatzen Leute, überall Glimmstengel. Qualm in der Luft. Erst jetzt fällt ihm ein, dass er neuerdings Nichtraucher ist. Und in der Tasche statt Zigaretten Gummibärchen hat. «Plötzlich stand ich irgendwie hilflos in der Menge. Wohin bloss mit meinen Händen?»

Hornung kämpft nicht nur im Kino damit. «Ich habe von morgens bis abends das Gefühl, die Hände beschäftigen zu müssen. Ich bin nervös, kaue auf den Nägeln herum. Und merke, wie ich ständig in der Tasche reflexartig das Zigi-Päckli suche. Die Gewohnheit hält mich gefangen.»

Peter Hornung war Kettenraucher, er qualmte drei Päckchen täglich, manchmal auch mehr. Vor zwei Monaten hörte er damit auf - mit Hilfe der Raucher-Pille Zyban, die im April auf den Schweizer Markt kommen soll. Hornung: «Meine Lunge machte die Qualmerei nicht mehr mit. Ich wollte nicht an der Sauerstoff-Flasche enden.»

Die ersten Tage nach der letzten Zigarette sind die härtesten. Fehlt der Nikotin-Kick, werden Raucher nervös. Frust kommt auf, einige bekommen Wutanfälle, können sich nicht richtig konzentrieren, sehen plötzlich unscharf. Die Rückfallquote ist deshalb hoch: 94 von 100, die ohne Hilfsmittel aussteigen wollen, schaffen es nicht. Sogar wenn Ärzte wegen Krebs den Kehlkopf operieren, rauchen 4 von 10 weiter.

«Die ersten Tage waren fürchterlich», bestätigt Hornung. «Jeden Morgen dachte ich zuerst an Zigaretten. Ich konnte die Lust kaum bändigen.» Die Päckchen, die zuvor in Küche, Wohnzimmer und Büro bereitlagen, hat er deshalb aus seinem Blickfeld verbannt: hinter Bücher auf dem obersten Regal.

Für Hornung ist es der erste Versuch, mit dem Rauchen aufzuhören. Aber nicht der erste Entzug von einer harten Droge. Als 25-Jähriger spritzte er Heroin - sechs Jahre lang. Dann unterzog er sich einer zweijährigen, stationären Therapie: «Ich wollte aus dem illegalen Leben rauskommen.»

Ist es schwieriger, von Heroin oder von Nikotin loszukommen? - «Beides ist gleich schwer», sagt Hornung. Ärzte bestätigen: Das Suchtpotenzial ist ähnlich wie bei Heroin oder Kokain. «Heroin fährt zwar stärker ein als Nikotin», sagt Hornung, «doch man spritzt es nur drei bis vier Mal pro Tag.» Zigaretten dagegen seien stärker in den Alltag integriert, man zünde sie sich ständig an. Deshalb sei es bei Nikotin «fast schwieriger, von der psychischen Abhängigkeit loszukommen».

Nach einigen Tagen ist der körperliche Entzug meist durchgestanden. Jetzt martert nur noch die Psyche das Raucher-Hirn. Die Zigaretten fehlen dort, wo sie vorher dazugehört haben: beim Telefonieren, nach dem Essen, in der gemütlichen Runde mit Freunden. Plötzlich ist da keine Glut mehr, keine Flamme, die Geborgenheit und Wärme vorgaukelt.

«Auch ein Süssholz oder ein Zahnstocher lässt sich zum Mund führen», sagt Christine Gafner, die seit Jahren in der Raucherentwöhnung arbeitet. Besser sei aber, sich diese Bewegung sofort abzugewöhnen. «Man kann die Hände mit chinesischen Kugeln beschäftigen oder mit einem Jojo spielen.»

Die Gewohnheit ist auch der Grund, weshalb Peter Hornung seine Ferien auf Gran Canaria verbrachte und nicht wie gewohnt auf der Insel Koh Samui in Thailand. Dort hat er in Bars und unter Palmen geraucht. Dort würden Gefühle und Erinnerungen hochkommen - und ihn vielleicht zum Rauchen verleiten. «Solche Orte meide ich. Denn ein einziger Zug genügt, und ich rauche wieder.» Ein anderer Schlüsselreiz ist Sex. «Ich habe danach meist eine geraucht. Jetzt bleibe ich liegen und versuche, möglichst schnell einzuschlafen.»

Seine Freundin lobe und ermutige ihn. Sie ist Nichtraucherin und «begeistert, dass ich nicht mehr wie ein abgebranntes Cheminée rieche», sagt Hornung. Auch die Finger sind nicht mehr gelb; Schleim von der chronischen Bronchitis komme aber immer noch hoch. «Dreck von tief unten, doch er lässt nach. Wenn ich aufs Tram renne, keuche ich nicht mehr so stark.»

Dass sich ein Rauchstopp auch nach Jahren noch lohnt, bestätigen Präventiv-Mediziner:

- Nach 2 Tagen verfeinert sich der Geruchs- und Geschmackssinn.

- Nach 3 Tagen verbessert sich die Atmung.

- Nach 3 Monaten verbessert sich die Durchblutung.

- Nach 1 Jahr ist das Risiko, dass Herzkranzgefässe erkranken, halb so gross.

- Nach 10 Jahren ist das Krebsrisiko gleich tief wie bei Nichtrauchern.

Wer das erreichen will, muss durchhalten wie Peter Hornung, der als Sozialpädagoge in einer Therapiestelle mit frisch entwöhnten Drogensüchtigen arbeitet. Seit er aufgehört hat zu rauchen, klopfen ihm die meisten auf die Schultern. Da und dort Bewunderung. Auch seine Freunde schauen neugierig hin. «Das spornt mich an und macht mich irgendwie stolz.»

Hornung tauscht sich auch mit ehemaligen Rauchern aus: in Chat-Rooms im Internet. Solche Kontakte sind laut Entwöhnungs-Spezialistin Christine Gafner wichtig: «Bei Freunden kann man Frust und Kummer ablassen und sich Motivation holen. Die Sucht zu bewältigen ist Schwerarbeit.» Hornung verspürt deshalb öfter die Lust, sich selbst etwas Gutes zu tun. «Nur zu, Belohnungen sind wichtig», meint Gafner. Ihr Tipp: Sich einen Blumenstrauss kaufen, ins Theater gehen oder mit dem gesparten Zigaretten-Geld eine schöne Reise machen.

Vorbei sind 27 Jahre Zigaretten. Für viele war Hornung «Peter der Raucher». Den Frosch im Mundwinkel - so hat man ihn gekannt. Jetzt ist Schluss damit. «Eine neue Identität muss her, ein neues Image.» Wie wärs mit: Peter der Gesunde? - Nein, dieser Name passe ihm nicht. Peter der Rauchfreie? - «Na ja.» Doch einen Spruch könne er jetzt nicht mehr bringen: «Lebe schnell und stirb jung.»

Thomas Grether



Erfahrungen mit Zyban: Drei Monate danach - Drei Raucher schafften den Ausstieg

Im April soll die Raucher-Pille Zyban auf den Schweizer Markt kommen. Sechs Leserinnen und Leser des Puls-Tip haben die Pille schon jetzt ausprobiert. Drei von ihnen mit Erfolg.

Drei Frauen scheiterten mit Zyban: Die Psycho-Pille hatte bei ihnen zu starke Nebenwirkungen. Zwei Männer und eine Frau haben es bis heute geschafft: Seit drei Monaten rauchen sie nicht mehr.

Markus Kellenberger, 40, hat den Ausstieg geschafft und ist froh, kein Zyban mehr schlucken zu müssen: «Zyban hat mich stark angeregt. Jetzt schlafe ich endlich wieder durch.» Regula Stettler, 30, hat keine Kopfschmerzen mehr, seit sie Zyban abgesetzt hat. Und Peter Hornung, 44, erzählt: «Ich habe mich an die Pille geklammert und sie immer zur gleichen Zeit genommen.» Eine symbolische Handlung, die ihm über Krisen hinweggeholfen habe. «Ob die Pille oder mein Wille genützt hat, weiss ich nicht.» Positiv: Alle wollen vorläufig keine Zigarette mehr anrühren.

Zyban alleine bringe aber keinen Erfolg, erklärt Celia Winchell von der amerikanischen Medikamenten-Zulassungsstelle FDA. «Die Motivation und die Unterstützung der Familie sind unerlässlich.»

Die Raucher-Pille Zyban ist in den USA seit 1997 zugelassen. Der Hersteller Glaxo Wellcome verspricht hohe Ausstiegsquoten: 30 Prozent sollen laut einer Glaxo-Studie nach einem Jahr noch immer nicht rauchen. Mit einem Nikotin-Pflaster gelang dies nur 16 Prozent. Eine Wirkung erzielen in der gleichen Studie allerdings auch Scheinmedikamente: Stattliche 15 Prozent hörten mit Rauchen auf, obwohl sie statt Zyban ein Placebo erhalten hatten. «Solange Langzeitstudien fehlen, lässt sich über den Erfolg von Zyban nur spekulieren», sagt der Präventivmediziner Felix Gutzwiller. Zyban wirke verglichen mit anderen Ausstiegshilfen nur leicht besser. «Bei Nikotin-Kaugummis und -Pflastern liegt die Quote immerhin auch bei 20 Prozent.»
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