Lockvogel für Familien

K-Tipp 02/2012 vom

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Nur 200 Franken ­zahlen, und dann ­kostet die Zahnspange nichts mehr? Die Firma Selltec wollte dem K-Tipp nicht sagen, wie das funktionieren soll.

Ein Haushalt in der ­Gemeinde Mümliswil SO hatte Mitte November 2011 einen Werbebrief im Briefkasten – mit einem toll klingenden Angebot: Ein Entscheid des Bundesrates helfe den Familien (siehe Abbildung). Konkret: Wenn ein Kind «in absehbarer Zukunft» eine Zahnkorrektur brauche, solle die Familie mit der Firma Selltec GmbH Kontakt aufnehmen. Die Bemühungen der Selltec würden nur 200 Franken kosten. Resultat: «Wir ­helfen Ihnen, dass Sie in einem solchen Fall überhaupt nichts zahlen müssen.»


Angebot bei Kassen nicht bekannt

Das Dumme: Alle vom K-Tipp angefragten grossen Krankenkassen wissen nichts von einem solchen Angebot mit voller Übernahme der Kosten. Und auch ein entsprechender Beschluss des Bundesrats ist gänzlich unbekannt.

Zwar können Eltern bei den Krankenkassen eine entsprechende Zusatzversicherung abschliessen. Sie springt ein, wenn bei ­einem Kind ein Fehlstellung der Zähne zu korrigieren ist. Doch sämtliche Angebote haben hohe Selbstbehalte, sodass die Zahnspange und der Zahnarzt in der Regel höchstens zu vier Fünfteln bezahlt sind (siehe K-Tipp 8/10).

Wichtig ist übrigens: Wenn eine Korrektur der Kinderzähne «absehbar» ist, wie es im Werbebrief heisst, so ist es für den Abschluss einer solchen Versicherung schon zu spät. Eltern müssen diesen Zusatz frühzeitig versichern – am besten, bevor das Kind drei Jahre alt wird.

Ist nämlich eine Behandlung «absehbar», dürfen Krankenkassen auf dem Gebiet der Zusatzversicherungen die Aufnahme ohne Angabe von Gründen ablehnen – und das machen sie auch! Es ist schon oft vorgekommen, dass Eltern mit ihrem Versicherungswunsch abgeblitzt sind, weil die Fehlstellung der Zähne schon sichtbar war.


Für Krankenkassen «absolut schleierhaft»

Deshalb verwundert es nicht, dass die angefragten grossen Krankenkassen das Angebot der Selltec als «unseriös», «fraglich», «absolut schleierhaft» und als «Lockvogel» bezeichnen.

Erich Reutebuch von der Firma Selltec in Obergösgen SO hat die Fragen des K-Tipp nicht beantwortet. Auch gegenüber den Krankenkassen macht er keine exakten Angaben. Der Groupe Mutuel sagte er, das Angebot sei «mit ­einem Mitbewerber durchgeführt worden und mittlerweile ausgelaufen».

Übrigens: Für den Flyer hat die Selltec einen Cartoon von K-Tipp-Karikaturist Nicolas Bischof verwendet – ohne Erlaubnis. Dafür hat sie den Zeichner im Nachhinein entschädigt.


Vergleich: Das zahlen Zahnspangen-Versicherungen

Der «Gesundheitstipp» hat in seiner neusten Ausgabe (1/12) eine Übersicht über die Zusatzversicherungen für Kinder publiziert. Sie zeigt, welche der grossen Krankenkassen wie viel an die Korrektur von Fehlstellungen der Zähne zahlen. Der «Gesundheitstipp» ist am Kiosk für Fr. 3.50 erhältlich.

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