«Grüselfaktor» immer noch zu hoch

K-Tipp 13/2003 vom

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Eine zweite Laboranalyse mit Proben aus acht Bädern zeigt: Die Schwimmbäder haben ein Sauberkeitsproblem. Nun reagieren die Verantwortlichen mit Hygienekampagnen.

Eine K-Tipp-Stichprobe vom 1. Juni brachte es an den Tag: Im Kinder-Planschbecken des Freibades Geiselweid in Winterthur schwammen massiv zu viele Keime sowie Fäkalbakterien.

Schuld war nach Angaben der Verantwortlichen ein Defekt, der jetzt behoben sei. Das bestätigt die Nachmessung, die der K-Tipp am 20. Juli machte: An diesem Tag war das Badewasser in Ordnung (siehe Tabelle).

Bei dieser zweiten Stichprobe hat der K-Tipp jene Bäder untersucht, die beim ersten Mal unbefriedigend abgeschnitten hatten, dazu noch das Bad in Willisau LU sowie das Biobad Biberstein AG. Geprüft wurden jeweils sowohl das Kinder- als auch das Erwachsenenbecken.

Wiederum zeigte sich: Vielerorts enthält das Badewasser zu viel Harnstoff.

Alfred Besl, Bereichsleiter Wasser am Kantonalen Labor in Zürich, nennt den hohen Harnstoffgehalt den «Grüselfaktor». Der Harnstoff im Badewasser setzt sich zu je einem Drittel aus Urin, Schweiss und Sonnenschutzmitteln zusammen.

Von den bisher knapp 100 Wasserproben, die Besl selber im Kanton Zürich nahm, wiesen rund ein Drittel einen zu hohen Harnstoffgehalt auf. Ähnliche Werte haben die Behörden auch im Kanton Aargau festgestellt.

Die Bademeister reagieren darauf mit erhöhter Wasserzufuhr; Harnstoff lässt sich nur mit Frischwasser verdünnen. Eine Ozonierung oder der Einbau eines Aktivkohlefilters, mit dem sich Harnstoff abbauen lässt, sei zu teuer, heisst es. Und der Einsatz von Chlor nützt gegen Harnstoff nichts - nur gegen Keime.

«Ich musste Frischwasser zuführen, was die Anlage hergibt», sagte Marcel Müller, Bademeister im Gartenbad St. Jakob in Basel, am Abend des 20. Juli. Das «mehr» erreicht er, indem er zusätzlich Schläuche legt.

Eine SIA-Norm schreibt den Bädern vor, dass pro Badegast täglich mindestens 30 Liter Frischwasser nachgespült werden sollte. In Basel war es an diesem Tag mehr als das Fünffache.

Das sei ein ökologischer Unsinn und teuer dazu, klagt Bademeister Müller. Denn auch das zusätzliche Frischwasser muss chloriert - und bei kühlerem Wetter vorher gar aufgeheizt - werden.


Hygienekampagne im nächsten Jahr

Das Sportamt Basel sieht deshalb Handlungsbedarf. Die Behörden wollen in der nächsten Saison eine Hygienekampagne starten. Motto: «Duschen vor dem Baden!»

Auch für das Kantonale Labor in Zürich ist der Zeitpunkt zum Reagieren gekommen. Alfred Besl: «Wir werden auf die Problematik der mangelnden Hygiene im Freibad hinweisen.»

Duschen nützt zwar nichts gegen Leute, die ins Wasser pinkeln. Aber es bringt trotzdem viel, denn: «Die Badegewohnheiten vieler Gäste haben sich in nur wenigen Jahren stark verändert», erklärt Bademeister Müller. «Sie spielen Fussball und Beach-Volleyball, schwitzen stark und cremen sich ein. Doch vor dem Sprung ins kühle Nass verzichten viele auf die reinigende Dusche.»

Ein Problem sieht Müller auch in der Tatsache, dass viele männliche Jugendliche heute in Shorts und Unterhosen ins Wasser springen statt mit Badehose.

Kampagnen alleine führen allerdings nicht zum Ziel. Bademeister Müller aus Basel fordert deshalb auch bauliche Massnahmen. «Hecken am Poolrand könnten verhindern, dass Badegäste direkt ins Wasser springen», schlägt er vor. «An den Durchgängen müssten Duschen permanent in Betrieb sein, damit niemand trocken an den Pool kommt.»

Vielen Badegästen ist das Duschwasser allerdings zu kalt. Deshalb plant man im Schwimmbad in Willisau LU den Einbau einer solarbetriebenen Dusche.

Auch im Luzerner Landstädtchen waren die Harnwerte am Tag der Probenentnahme zu hoch (siehe Tabelle). Dieses Schwimmbad stösst also - wie andere auch - bei Grossandrang an seine technischen Grenzen.

In Willisau waren zudem die Keime ein Problem. Ungeduschte Körper tragen auch unzählige Keime mit ins Wasser. Das zwingt viele Bademeister, mehr Chlor einzusetzen - was für die Gesundheit problematisch sein kann (siehe K-Tipp 12/03).

Mit grosszügigem Einsatz von Chlor erreichte auch das Schwimmbad Geiselweid in Winterthur deutlich bessere Keimwerte als bei der letzten Probe.
Der K-Tipp hat bei diesem Durchgang auch den Chlorgehalt gemessen und festgestellt: Die Toleranzwerte für Chlor wurden sowohl in Winterthur als auch andernorts überschritten.

Hohe Chlorwerte sind aber für Urs Wunderlin, Bereichsleiter Sport der Stadt Winterthur, verkraftbar. Sie seien mit der Schwierigkeit der manuellen Chlordosierung erklärbar.


Problem im Biobad: Stäbchenbakterien

Unerfreulich fiel der Test für das Biobad Biberstein bei Aarau aus.

Das Familienbad wies einerseits den tiefsten Harnstoffgehalt aller getesteten Bäder auf. Bademeister Willi Hunziker führt das auf die Duschdisziplin der Gäste zurück und auf die Reinigungsfähigkeit der Wasserpflanzen im Klärteich. Im Gegensatz zu seinen Kollegen führt er nur so viel Frischwasser zu wie verdunstet.

Die Zahl der Keime andrerseits war im Bibersteiner Kinderbecken mit 7600 pro Milliliter relativ hoch - aber erklärbar: Wo Pflanzen sind, tummeln sich auch natürliche Keime. Zudem fanden sich 11 Fäkalbakterien (Kolibakterien) - wobei zu sagen ist, dass die Aargauer Bäderverordnung im Biobad 100 Kolibakterien zulässt.

Ein ernsthafteres Problem stellen hier aber die 24 Pseudomonaden pro Milliliter im Kinderbecken dar (in der Tabelle nicht erwähnt); erlaubt wären 10. Diese Stäbchenbakterien können zu Erkältungen, Mittelohrentzündungen und eitrigen Erkrankungen führen. Das Fazit des Labors zu diesem Wasser ist eindeutig: «Nicht i.O.»

Hunziker hofft auf Regen. «So bekommen wir Frischwasser, das nicht sofort von Badegästen verunreinigt werden kann.»
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