Grossvaters Markensammlung ist nur schwer verkäuflich

K-Geld 02/2012 vom | aktualisiert am

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Briefmarkensammlungen bringen beim ­Verkauf meist nur einen Bruchteil ihres ­Katalogwerts. K-Geld zeigt, wie Sie den ­besten Preis erzielen.

Eine K-Geld-Leserin hat der Redaktion ihre geerbte Briefmarkensammlung zur Verfügung gestellt. Sie enthält Schweizer Briefmarken ab 1855 bis in die Gegenwart. Die Sammlung soll insgesamt über 20 000 Franken wert sein – zumindest gemäss den Preisangaben der Philatelistenbibel – dem «Zumstein-Katalog» für Schweizer Briefmarken.

Doch eine Stichprobe bei elf Briefmarkenhändlern zeigt: Eine so hohe Summe ist beim Verkauf der Sammlung nicht zu erzielen.

Die höchste Schätzung für die Sammlung lag gerade einmal bei 4000 Franken. Das sind 16 000 Franken weniger als der «Zumstein» angibt. Das einzige Kaufangebot lag noch viel tiefer – maximal 700 Franken.

Bloss drei der elf Händler lieferten überhaupt eine Schätzung für die Sammlung. Die meisten Händler und Auktionshäuser lehnten eine Begutachtung ab oder reagierten gar nicht. Und das, obwohl ein K-Geld-Mitarbeiter den Händlern hochaufgelöste Fotos der Briefmarken per Mail zusandte und ihnen damit einen ersten Eindruck vermittelte.

Briefmarkenhändler lehnen den Kauf einer Durchschnittssammlung – in der Fachsprache auch «Grossvaterware» genannt – meist ab. Sie haben dieselben Marken bereits im Überfluss an Lager.

Selbst eine Begutachtung bzw. eine grobe Schätzung im Laden verweigern sie oft – oder nehmen sie nur gegen Gebühr vor. So verlangte der Händler Cyrill Walter aus Zürich 120 Franken für die 45 Minuten dauernde Durchsicht der Sammlung. Er schätzte deren Wert auf 2000 bis 2500 Franken. Kaufen wollte er sie aber nicht.

Profi Peter Rapp aus Wil SG lieferte den höchsten Schätzwert und wollte die Sammlung zumindest in seine Auktion aufnehmen. Er sprach unverbindlich von einem Wert von 3000 bis 4000 Franken. Beim Auktionshaus Schwarzenbach in Zürich schätzte man die Sammlung auf 1000 bis 1500 Franken in der Auktion. Bar auf die Hand wollte Schwarzenbach lediglich 500 bis 700 Franken zahlen.

Ein Grund für die tiefen Preisangebote: Der Sammlung fehlten besonders wertvolle Exemplare. Dazu zählen die sogenannten Kantonalmarken Zürich 4 und 6, Basler Dybli, Wappen von Genf sowie Lokal- bzw. Bundesmarken – sogenannte Rayons – aus der Zeit von 1843 bis 1852.


Der Markt für Briefmarken ist gesättigt

Viele Briefmarkensammler oder deren Erben machen dieselbe Erfahrung wie K-Geld: Ihre vermeintlichen Schätze sind auf dem Markt kaum gefragt und entsprechend wenig wert. Der Hauptgrund: Das Sammeln von Briefmarken war vor allem von etwa 1960 bis 1985 ein weit verbreitetes Hobby. Weil die damaligen Markensammler heute oft zu alt sind für ihre Liebhaberei, überschwemmen ihre Sammlungen nun den Markt mit vielen ähnlichen Marken. Denn die Sammler setzten alle auf dasselbe: klassische Schweizer Motive von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis Mitte der Achtzigerjahre des letzten Jahrhunderts. Die Sammler liessen die Marken meist abstempeln – am liebsten gegen Aufpreis am Ausgabetag auf speziell gestalteten Ersttagsbriefen.


Marken ab den 50er-Jahren fast wertlos

Gestempelte Marken aus der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts sind mittlerweile wegen des Über­angebots selbst auf einem Ersttagsbrief praktisch wertlos.

Gut zu wissen: Ungestempelt gilt für Marken ab Jahrgang 1960 (Pro Juventute und Pro Patria ab 1964) wenigstens noch ihr Frankaturwert. Sie können einem Brief somit eine persönliche Note verleihen.

Seit die grosse Sammelleidenschaft vorbei ist und die Markenauflagen der Post wegen der Konkurrenz durch E-Mails gesunken sind, hat sich die Situation für gewisse Marken wieder etwas verbessert – ab Jahrgang 2000 können sie sogar wieder an Wert gewinnen.

Ein herausragendes Beispiel dafür ist die 5-­Franken-Stickereimarke aus dem Jahr 2000. Sie wurde als 4er-Block nur 106 200-mal produziert und wird aktuell zu rund 200 Franken pro Block gehandelt. Wer beim Verkauf Höchstpreise erzielen will, muss aber Exemplare in Top-Qualität anbieten können (siehe Kasten).

Wer seine wenig spek­takuläre Sammlung nicht zu einem Tiefstpreis verhökern will, muss auf bessere Zeiten warten.

So wie die ältere Witwe, die K-Geld ihre vom Ehemann geerbte Sammlung für die Stichprobe zur Verfügung stellte: «Ich behalte die Briefmarken. Als Erinnerung sind sie mir viel mehr wert als einige hundert Franken.»


Verkauf der Sammlung: Das sind die erfolgversprechendsten Kanäle

  • Für eine durchschnittliche Sammlung empfiehlt sich der Verkauf auf eigene Faust an eine interessierte Privatperson.
  • Dafür eignet sich etwa die Online-Tauschbörse Delcampe.ch. Sie gilt unter Sammlern und Händlern als seriös und hat sich auf Münzen und Briefmarken spezialisiert. Bei einem erfolgreichen Verkauf verlangt Delcampe eine nach Umsatzhöhe abgestufte Provision. Wer zum Beispiel in einem Monat Marken im Wert von 700 Franken verkauft, zahlt dafür rund 39 Franken (5,5 Prozent) Kommission.
  • Kostenlose Anzeigen ohne Erfolgsbeteiligung bieten Internetportale wie Tradus.ch, Gratis-Inserate.ch sowie Piazza.ch. Auch über das am Kiosk erhältliche Sammlermagazin «Fundgrube» und Internet-Auktionsportale wie E-Bay und Ricardo lassen sich private Käufer finden.
  • Wertvolle Sammlungen mit vielen Raritäten erzielen in der Regel bei Auktionshäusern die besten Preise. Die Startpreise sind bei Versteigerungen in der Regel aber sehr tief angesetzt. Bei wenigen anwesenden Bietern gehen so im schlechtesten Fall auch wertvolle Marken zum Schleuderpreis weg. Käufer und Verkäufer müssen dem Auktionshaus zudem eine Kommission von 20 bis 25 Prozent zahlen. Eine Übersicht von anstehenden Versteigerungen und Auktionshäusern bietet das Webportal www.philasearch.com/de.



Zustand der sammlung: Käufer bevorzugen «perfekte Luxusware»


Briefmarkenhändler Cyrill Walter vom gleichnamigen Geschäft in Zürich weiss: «Das Angebot an Briefmarken ist so riesig, dass Sammler nur noch perfekte Luxusware kaufen.»

Und selbst dafür würden sie oft nur den halben Katalogpreis zahlen. Mit Preisabschlägen müssen Verkäufer von Briefmarkensammlungen rechnen, wenn bei den Briefmarken Mängel sichtbar sind:

  • Ein Falz, um die Briefmarke ins Album zu kleben.
  • Ein unleserlicher oder ein nachträglich angefügter Stempel.
  • Braune Feuchtigkeits­schäden an den Briefmarken – sogenannte Stock­flecken.
  • Fehlende Zacken. Schon ein einziger fehlender Zacken kann eine Marke wertlos machen.
  • Fehlender oder auch nur leicht beschädigter Leim auf einer ungestempelten Briefmarke.
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Kommentare

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von Karl Pfankuch & Co am
16.03.2018, 09:29

Physische Anwesenheit bei Auktionen - das stimmt schon lange nicht mehr!

Ich habe diesen etwas älteren Artikel im Netz gesehen und muss einen Punkt entscheidend korrigieren, da er nicht der Realität entspricht: Es wird geschrieben, dass bei Auktionen, sofern nur wenige Anbieter anwesend sind, die Marken zu "Schleuderpreisen" versteigert werden. Diese Aussage war bereits in 2012 falsch. Wir verfügen über einen jahrzehntelangen aufgebauten, internationalen Kundenstamm und versenden unseren Auktionskatalog, in dem die Ware dem Fachpublikum fachgerecht aufbereitet wird an über 5.000 Kunden, die zu 90% ihre Gebote schriftlich abgeben. In der Auktion werden diese schriftlichen Bieter dann so vertreten, als wären sie tatsächlich anwesend. Darüber hinaus bieten unsere Kunden - auch schon in 2012 - in unserem Online Katalog. Auch diese Gebote werden am "Versteigerungsvertrag" so berücksichtigt als wären sie anwesend. Besonders eifrige Bieter nutzen auch Kommissionäre, die mitunter in einer Person dann 30-40 Bieter vertreten. Also ist am Ende nicht entscheidend, wie viele Bieter im Saal physisch anwesend sind. Aus meiner Sicht stellt eine Einlieferung in eine Auktion weiterhin die erfolgreichste Verwertung von Briefmarken dar, da Sie einem erlesenen Fachpublikum auf der ganzen Welt gezeigt und aufbereitet werden. Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis. Hier werden Sie von etablierten Auktionshäusern fachgerecht, fair und kostenlos beraten. Bei uns sind die Gebühren bei rund 15%, dafür tun wir alles Ihre Marken gewinnbringend zu verkaufen. Für weitere Fragen stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung. Herzliche Grüsse Peter Sieberath, Auktionshaus Karl Pfankuch & Co (www.karl-pfankuch.de)

von Briefmarken Dreiländereck am
02.05.2016, 10:31

gut recherchierter Artikel!

Glückwunsch an Ktipp und Herrn Hämmerli an diesen gut recherchierten, gelungenen und informativen Artikel. Wir lehnen Durchschnittssammlungen beim Einkauf nicht durchweg ab, oft sind gerade in diesen Sammlungen auch gute Marken. Der Posthornsatz aus Deutschland zum Beispiel (Ausgabe 1951/52) wertet derzeit in einwandfreier postfrischer Qualität mit etwa 750 Euro Verkaufspreis). Es gibt auch beim "einfachen" Kunden immer wieder gute Marken. Begutachtungen bei uns sind kostenlos. Wichtig ist: Man sollte sich Zeit für seine Kunden nehmen und nicht nur den teuersten Marken... hinterherjagen...... Briefmarkenauktionshaus Dreiländereck e.K. aus Freiburg. http://briefmarken-ankauf-auktion.de

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