Chemikalien- Empfindlichkeit - «Ich blickte dem Tod ins Auge»

Gesundheitstipp 12/2000 vom

Therese Pfister leidet an MCS: Ihr Körper reagiert auf Stoffe aller Art überempfindlich

Ärzte nahmen sie nicht ernst, hielten sie für psychisch gestört. In Wirklichkeit aber war Therese Pfister todkrank - durch Umweltschadstoffe. Erst nach Jahren erhielt sie die richtige Diagnose: MCS.

Thomas Grether thgrether@puls-tip.ch

Giftige Gase kommen schleichend. Um sich vor ihnen zu schützen, nahmen Bergwerksarbeiter früher Kanarienvögel mit in den Stollen. Fielen die empfindlichen Vögel tot von der Stange, war es höchste Zeit, die Grube zu verlassen.

Sie sei ein solcher Kanarienvogel, sagt Therese Pfister aus Fully VS. «Aber einer, der überlebt hat.» Die 49-jährige Krankenpflegerin hat eine zehnjährige Odyssee bei Ärzten hinter sich. Erst als sie dem Tod schon ins Auge blickte, bekam sie die richtige Diagnose. Der Fall zeigt eindrücklich, dass Umweltschadstoffe - selbst in geringen Mengen - die Gesundheit massiv gefährden können.

Herbst 1989: Ich habe meine neue Stelle als Krankenpflegerin im Spital von Martigny VS angetreten. Die Sprühflasche mit dem Desinfektionsmittel ist allgegenwärtig. Da ein Spritzer, dort ein Spritzer. Buraton - jederzeit und überall. Wir müssen alles desinfizieren, das ist üblich im Spital.

Die Beschwerden kommen schleichend: Schnupfen, chronisches Halsweh, Müdigkeit. Dazu habe ich immer wieder grippeartige Symptome mit 37,5 Grad Fieber. Ich gehe zu einem Arzt - seit Jahren zum ersten Mal. Seine Diagnose: Ich sei kerngesund.

Januar 1994: Ich arbeite jetzt in der chirurgischen Abteilung des Spitals von St-Maurice. Und da ist es wieder - das Desinfektionsmittel. Buraton auf Pflege-Utensilien, Kopfkissen, Duvets und Böden. Das Mittel enthält Formaldehyd - ein stechend riechendes Gas, das die Atemwege reizt und krebsfördernd wirkt. Wieder entzünden sich meine Stirn- und Nasennebenhöhlen. Ich schlucke zum dritten Mal Antibiotika. Die Gesundheitsprobleme schreibe ich dem Durchzug im Spital zu.


Zahl der MCS-Patienten nimmt laufend zu

Über 80 000 Chemikalien sind weltweit im Handel. Tausende kommen jedes Jahr dazu. «Niemand überprüft, ob neue Stoffe Allergien oder Krankheiten wie MCS auslösen», warnt Professor Olaf Gebbers, Chefarzt und Leiter des Instituts für Umweltmedizin am Kantonsspital Luzern. Immer mehr Menschen haben die Krankheit MCS - Multiple Chemikalien-Sensitivität. Sie reagieren auf Chemikalien, Umweltschadstoffe und Lebensmittel empfindlich. «MCS äussert sich durch vielfältige, diffuse Gesundheitsstörungen. Meist sind mehrere Organe betroffen», sagt Professor Werner Maschewsky, Dozent für Sozialmedizin an der Fachhochschule in Hamburg.

März 1994: Mein Gesundheitszustand verschlechtert sich. Ich habe geschwollene Hals- und Kieferdrüsen, chronisches Halsweh, dauernd eine verstopfte Nase, Schlafstörungen und chronische Darmbeschwerden. Zudem bin ich dauernd erschöpft. Ich muss das Arbeitspensum auf 60 Prozent reduzieren. Mein Hausarzt ist mit den verschiedenen Symptomen überfordert, verschreibt mir Antibiotika.

Im Dezember 1995 erfolgt eine Notoperation. Die Ärzte entfernen Therese Pfister einen Tumor auf dem rechten Eierstock. Zufällig bei der Routineuntersuchung entdeckt. So gross wie eine Mandarine. Der Tumor ist nicht bösartig.

Nach zwei Monaten kehrt sie an den Arbeitsplatz zurück. Kaum angefangen, Zusammenbruch. Ihre Symptome: Schwindel, Zittern, krampfartige Kopfschmerzen, extremer Durst, Gelenk- und Muskelschmerzen und Konzentrationsstörungen. Sie muss ihren Beruf sofort aufgeben. Doch das ist erst der Anfang.

MCS ist nicht angeboren oder genetisch vorprogrammiert. Die Krankheit wird meist von einem vorher gesunden Menschen erworben. Auslöser für MCS könne schon der einmalige Kontakt mit einer Chemikalie sein, sagt Professor Nicholas A. Ashford vom renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston USA. «Die Krankheit kann Monate später auftreten und für Jahre bleiben.» Dann können auch andere Stoffe erneut MCS auslösen. Selbst geringe Konzentrationen, die Ärzte und Toxikologen als unbedenklich bezeichnen und unter den gesetzlichen Grenzwerten liegen. Ashford: «Es gibt immer mehr Beweise dafür, dass geringe Dosen von Schadstoffen MCS auslösen können.»

September 1996: Ich reagiere heftig auf meine Körpercreme. Sie löst Schwindelanfälle und starke Kopfschmerzen aus. Die Schleimhäute der Nasennebenhöhlen sondern so viel Flüssigkeit ab, dass ich ständig schlucken muss. Der Geruch eines neuen Buchs löst Durchfall und Herzrhythmusstörungen aus. Ich reagiere jetzt sogar auf Druckerschwärze! Der Allergologe verschreibt mir Kortison. Der Hausarzt wiederum Antibiotika, zum 15. Mal in den letzten fünf Jahren.

Das ist einmal zu viel. Therese Pfister kann förmlich spüren, wie ihr Abwehrsystem zusammenbricht. Sie reagiere plötzlich auf Waschmittel, sämtliche Körperpflegeprodukte, Haarsprays, Parfums, Duftlampen, Insektizide, Farben und Zigarettenrauch. Der Allergologe weist sie ins Regionalspital Sion ein.

Ich schütze mich vor Schadstoffen intuitiv mit einer Maske, die ich mir vor Mund und Nase halte. Der behandelnde Chefarzt nimmt mich nicht ernst. Er macht abschätzige Bemerkungen.


MCS-Opfer gelten oft als «Psycho-Fälle»

«Gerade bei Schulmedizinern gelten MCS-Patienten als merkwürdig, lästig, aufdringlich und verdächtig. Sie weichen in ihrem Verhalten von anderen Patienten ab», sagt Professor Werner Maschewsky. «Ärzte neigen dazu, MCS-Patienten zu psychologisieren.» Häufiger Vorwurf: die Empfindlichkeit gegenüber Umweltschadstoffen sei eingebildet, gewollt und psychosomatisch. Laut Maschewsky hören Frauen solche Worte besonders oft: «Die klassische Medizin sieht sie als eher wehleidig, emotional und zu Hysterie neigend.»

Studien zeigen jedoch, dass vor allem auch die angeblich «harten Männer» an MCS erkranken. Sozialmediziner Maschewsky hat 1998 eine empirische Studie mit 613 MCS-Patienten veröffentlicht. Resultat: In technischen Berufen ist das Risiko, an MCS zu erkranken, stark erhöht. «Nicht Sekretärinnen sind besonders häufig von MCS betroffen, sondern Laboranten, Drucker oder Bodenleger», sagt Maschewsky.

Zweiter Tag im Spital, abends. Der Chefarzt führt mich durchs Spital, durch all die mit Formaldehyd belasteten Gänge. Will mich testen, mir zeigen, dass nichts passiert. Die Atemmaske muss ich zurücklassen. Ich habe Angst. Und ich merke: Der Arzt nimmt mir meine Überempfindlichkeit nicht ab.

In den USA ist MCS als Krankheit anerkannt. Schätzungen gehen davon aus, dass in den USA 15 Prozent der Bevölkerung mit Gesundheitsstörungen auf Chemikalien reagiert. In der Schweiz gibt es keine Zahlen dazu. Das US-Behindertengesetz schreibt Arbeitgebern vor, Chemikalien am Arbeitsplatz zu reduzieren und Luftfilter einzusetzen, wenn unter den Mitarbeitern MCS-Patienten sind. Das US-Ministerium für Wohnen und Stadtentwicklung verpflichtet Arbeitgeber, MCS als Behinderung anzuerkennen.

Der Chefarzt des Spitals spielt mit meinem Leben. Er überredet mich, ein starkes Psychopharmakum zu nehmen. Ich will kooperativ sein, deshalb willige ich ein. Danach verschwindet er ins Wochenende. Das ist verantwortungslos. Denn kurz darauf beginnt die schlimmste Nacht meines Lebens.

Plötzlich erhöht sich mein Puls. Ich habe starke Herzrhythmusstörungen. Fieber, Übelkeit, Durchfall. Meine Nieren schmerzen. Schwerer Schwindel. Angstzustände. Die Haut brennt am ganzen Körper. Auf meinen Handrücken springt die Haut auf. Ich bin äusserst geruchsempfindlich. Halb im Koma, finde ich die Toilette fast nicht. Extremer Durst. Ich trinke viel Wasser. Dann spüre ich, wie ich langsam abdrifte. Hör nicht auf zu trinken, sonst stirbst du. Trink! Trink! Es ist, als würde mich jemand am Arm packen und mir das zuflüstern. Ich schaute dem Tod ins Auge.

«MCS-Patienten erleben eine wahre Odyssee durch die traditionelle Medizin», sagt Professor Werner Maschewsky. «Wenn der Hausarzt nicht weiterweiss, gehen sie zu Allergologen, Hals-Nasen-Ohrenärzten, Nervenspezialisten und Psychiatern. Oft kann ihnen keiner weiterhelfen.» Altbewährte Therapien und Medikamente versagen.

Mein Lebensinstinkt hat mich gerettet. Ich habe während eines Tages zehn Liter Wasser getrunken. Die Ärzte glauben an eine psychische Krise, attestieren mir eine «schizotype Persönlichkeit». Sie wollen mir Psychopharmaka verabreichen. Ich weigere mich. Verlange einen Allergie-Spezialisten, denn ich weiss: Ich bin todkrank. Als die Ärzte auf ihrem Standpunkt beharren, flüchte ich mit einem Baumwolltuch vor dem Gesicht aus dem Spital. Ich bin zu Tode erschöpft und brauche dringend Hilfe.

Meine Familie sorgt liebevoll für mich. Einweisung ins Universitätsspital Zürich. Ich halte ein Baumwolltuch vor die Atemwege, bitte um ein Besprechungszimmer ohne Bücher. Grund genug, sofort eine Psychiaterin zu rufen.

Diese notiert später im Krankenbericht: «Patientin hält sich die ganze Zeit ein Tuch vor den Mund, wünscht das Fenster offen. Sie erzählt orientiert und geordnet bis in kleine Details ihre Geschichte... Beurteilung: Wahnhafte Störung...»

Die Psychiaterin des Unispitals Zürich will mich in eine Klinik einweisen. Ich wehre mich. Durch Zufall wird ein Einzelzimmer in der Dermatologie frei. Immer wieder schwerer Schwindel und Durchfall, ausgelöst durch Parfums der Pfleger. Das Essen schmeckt wie Metall. Pilzbefall im Mund. Später erfahre ich, weshalb ich mich nicht erholte: Das Zimmer war vor wenigen Wochen frisch gestrichen worden.

Am zehnten Tag stellt Professor Brunello Wüthrich, Leiter der Allergiestation des Universitätsspitals Zürich, endlich die richtige Diagnose: MCS. Er erklärt Therese Pfister, dass die Krankheit verschiedene Symptome in den Organen hervorrufe - ausgelöst durch geringe Konzentrationen von Chemikalien.

Heute spricht Brunello Wüthrich gegenüber dem Puls-Tip von einem «Verdacht auf MCS». Er will sich nicht auf eine definitive Diagnose festlegen. «Als Allergologe bin ich mit einem Fall wie diesem überfordert, das gebe ich offen zu», sagt Wüthrich. «Schulmedizinisch gibt es keine Erklärung, wie solche Beschwerden entstehen.»


Für MCS fehlen klare Nachweismethoden

Wüthrich suchte bei Therese Pfister mit herkömmlichen Methoden nach so genannten IgE-Antikörpern, die der Körper bei Allergien bildet. Er fand sie nicht. «MCS ist keine Allergie. Es bilden sich deshalb keine Antikörper. Klare Nachweismethoden für MCS fehlen», sagt Professor Nicholas A. Ashford vom MIT.

Dass Ärzte mit MCS überfordert sind, bestätigt auch Professor Olaf Gebbers, Leiter des Instituts für Umweltmedizin am Kantonsspital Luzern. «Es gibt kaum Ärzte, die sich mit Umweltkrankheiten wie MCS auskennen.» Gebbers stört, dass Krankheiten wie MCS in Studium und Ausbildung kein Thema sind. «Es ist dringend nötig, dass Schweizer Universitäten ein Institut einrichten, das Umweltmediziner ausbildet.» Noch immer ist das Interesse der Ärzte an Umweltkrankheiten gering. Eine MCS-Tagung am Toxikologischen Institut der Universität Zürich-Irchel im Herbst 1999 war laut den Organisatoren «sehr schlecht besucht».

Immerhin: Im Januar nächsten Jahres startet die Psychiatrische Uniklinik Basel eine für die Schweiz erstmalige Studie mit Patienten, die Umweltkrankheiten haben. Allergiespezialisten, Epidemiologen und Psychologen untersuchen die Patienten. Zusätzlich nimmt ein Labor bei den Patienten zu Hause Proben von Luft und Staub, die man auf Schadstoffe analysiert.

Ich verlasse das Spital. Meine Familie pflegt mich zwei Monate lang in einem Zimmer, das frei von problematischen Stoffen ist. Meinem Antrag auf IV-Rente wird innert kurzer Zeit stattgegeben. Meine neue Wohnung lasse ich bauökologisch sanieren, die Decken verglase ich gegen ausgasende Stoffe. Für mich ein Wunder: Im November 1999 finde ich einen Komplementärmediziner, der mir helfen kann.

«Ich suchte bei Therese Pfister mit Kinesiologie nach Störherden und stellte schnell fest, dass ihr Körper mit Gift überladen war», sagt Eduard Kuonen aus Visp. Er entgiftete mit Neuraltherapie und Schröpfen ihren Körper. Infusionen mit Chelintox und Bioreurella-Algen banden die Schwermetalle im Organismus. Zusätzlich verschrieb ihr Kuonen Zink, Selen, Mineralstoffe und hohe Dosen Vitamin C.

Mein Zustand verbessert sich massiv. Ich vermeide krank machende Stoffe und gebe mir Mühe, die Schadstoffe in meinem Körper auszuscheiden. Ich kneipe und esse biologisch. Ich bin wieder fähig, meinen Alltag zu bewältigen. Freunde besorgen mir das Wichtigste, denn Läden, Bank, Post und Restaurants sind tabu. An Luxus habe ich mich nie gewöhnt, deshalb reicht die IV-Rente von 2700 Franken monatlich aus. Von der Suva bekomme ich nichts: Ihr Vertrauensarzt anerkennt mein Leiden nicht als Berufskrankheit. Dabei ist mir der Auslöser meiner MCS klar: Formaldehyd, mit dem ich im Spital alles desinfizieren musste.



Infos zum Thema MCS

Adresse: Arbeitskreis MCS Schweiz, Telefon dienstags 14-17 Uhr 052 233 42 15 (auch Fax)

Internet: www.mcs.axxs.de Selbsthilfegruppe der Chemikalien- und Holzschutzmittelgeschädigten in Deutschland http://www.vhz.ch/open/aerzte/mcs.htm (Infos zu MCS)

Lese-Tipp: Werner Maschewsky: «Handbuch Chemikalien-Unverträglichkeit (MCS)», Medi Verlagsgesellschaft, Hamburg, Fr. 34.30
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