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Artikel | saldo 03/2010

Nach Italien mit dem Zug: Kein Verlass auf den Fahrplan

Eine saldo-Testfahrt zeigt: Die neuen Neigezüge sind besser als das berüchtigte Cisalpino-Vorgängermodell. Doch Italienreisen mit dem Zug bleiben eine mühsame Sache.

Die alten Cisalpino-Züge erlebten viele Italienreisende in erster Linie als Pannenzüge. Laut «Tages-Anzeiger» ist der ETR 470 denn auch «der unbeliebteste Zug der Schweiz». saldo hat die gravierenden Mängel des alten Cisalpino bereits im Jahr 2000 bei einer Testfahrt von Zürich nach Como aufgedeckt: 3 der 11 WCs waren defekt, Türen klemmten, Polster waren fleckig und die Teppiche abgewetzt. Ein SBB-Kondukteur sagte damals, dass praktisch auf jeder Fahrt im Neigezug «einige Passagiere erbrechen müssen». 

Seit dem Fahrplanwechsel im letzten Dezember sind auf der Lötschberg- und Simplonstrecke nun acht neue Neigezüge vom Typ ETR 610 im Einsatz. Sechs weitere sind bestellt. Mit dem Nachfolgerzug wollen die SBB «ein zuverlässiges Angebot auf der Nord-Süd-Achse sicherstellen».


Testfahrt auf der Strecke Basel–Mailand

saldo wollte wissen, ob die neuen Züge wirklich eine Besserung bringen, und unternahm daher am 5. Februar eine Testfahrt auf der Strecke Basel–Mailand. Der erste Eindruck ist positiv: Der reservierte Platz ist frei, die grossen Fenster bieten gute Sicht. Auch passt der Rucksack in die obere Ablage. Der Eurocity 51 fährt zudem pünktlich um 6.28 Uhr von Basel ab.

An der Decke sind Monitore montiert, auf denen man immer wieder die Streckenführung sieht. Zwischen den Doppelsitzen der 2. Klasse gibt es eine Leselampe und eine Steckdose, ideal für PC-Nutzer. Zudem sind die Toiletten benutzbar und sauber.

Im Laufe der Fahrt zeigen sich dann aber auch Schwächen: Über die Monitore flimmern fast ständig nur Postkartenansichten aus Touristenstädten. Die Reservierungsanzeige funktioniert nur zeitweise. Auch wird es bald eng: Bei jedem Halt bis Spiez steigen Pendler zu. «In Stosszeiten stehen die Passagiere oft in den Gängen», sagen Vielfahrer. Die Sitze an den Vierertischen bieten wenig Beinfreiheit, sie scheinen eher für 1 Meter 70 grosse Passagiere konzipiert als für 1 Meter 90 grosse.

Eine Umfrage unter Fahrgästen bestätigt den zwiespältigen Eindruck: Sie bescheinigen dem neuen Zug mehr Komfort, Sauberkeit und Stil als dem Vorgänger. Andererseits ärgern sich viele Fahrgäste über Überfüllung. Das kritisiert auch Edwin Dutler von der Fahrgastvereinigung Pro Bahn: «Die SBB missbrauchen die neuen Fernzüge als Pendlerzüge.» SBB-Sprecher Roman Marti verteidigt dies als Übergangsphase: Ab Sommer wolle die SBB auf «nachfragenstarken Verbindungen mit zwei Zügen fahren», vorausgesetzt, die bestellten ETR 610 stünden zur Verfügung.


Heute hat jeder dritte Zug Verspätung

Ein Hauptärgernis für Italienreisende beseitigt aber auch der neue Zug nicht: die häufigen Verspätungen. So startet der EC 56 in Mailand bei Schneefall zwar pünktlich um 18.25 Uhr. Kurz darauf fährt er aber nur im Schritttempo und erreicht Domodossola mit 30 Minuten sowie Basel um 23.05 Uhr mit 32 Minuten Verspätung.

Das ist kein Einzelfall. Seit dem Fahrplanwechsel kamen laut der unabhängigen Statistik-Website www.cessoalpino.com, die Daten von SBB und Trenitalia auswertet, 35 Prozent der ETR-610-Züge mit im Schnitt 23 Minuten Verspätung in Basel und Mailand an. Zudem gab es 30 Ausfälle. Während des SBB-Fahrplans 2009 hatten auf der Strecke nur 20 Prozent der alten Cisalpino-Züge Verspätung.

Die schlechte Bilanz führt SBB-Sprecher Marti auf den harten Winter und «die Kinderkrankheiten» des ETR 610 zurück, etwa Probleme bei der Türschliessung. «Dennoch sind die ETR 610 zuverlässiger als die ETR 470», sagt Marti. Schlimmer trifft es Reisende auf der Strecke Mailand–Zürich. Hier fahren noch immer die alten ETR 470. Folge: Verspätungen sind nach wie vor an der Tagesordnung. So starten ab Mailand auch die beiden zurzeit unzuverlässigsten Verbindungen im Italien-Schweiz-Verkehr, der Eurocity 20 und 22.Drei von vier dieser Züge liefen seit 13. Dezember mit durchschnittlich 25 Minuten Verspätung in Zürich ein.


Italienische Bahn vernachlässigt das Netz

Für die unverändert häufigen Verspätungen macht Edwin Dutler vor allem die italienische Bahn verantwortlich: «Trenitalia behandelt das Streckennetz nördlich von Mailand stiefmütterlich.» Daher sei das Netz chronisch überlastet und störungsanfällig. Auch stellt Trenitalia laut Dutler entgegen ihrer Zusage häufig keine Reservezüge in Mailand bereit.

Die SBB lassen Italienreisende zusehends im Regen stehen. Zum Fahrplanwechsel strich die SBB alle Nachtzüge aus der Schweiz und fast alle Direktzüge mit Zielen jenseits von Mailand. Einzige Ausnahme: ein Zugpaar zwischen Genf und Venedig.


«Zugreisen in den Süden sind mühsamer»

Wer nun per Bahn nach Florenz, Rom oder Rimini reisen will, muss immer in Milano Centrale umsteigen. Verpassen Reisende dort wegen ihres verspäteten Zugs den Anschluss, müssen sie am Schalter ihr Ticket umbuchen. Italienische Billette sind stets an einen Zug gebunden. «Das alles macht Zugreisen in den Süden mühsamer», sagt Dutler. Er befürchtet, dass künftig mehr Reisende aufs Auto umsteigen werden. Klar ist: Wer mit der Bahn fährt, sollte genügend Zeit für den Zugwechsel in Mailand einplanen.

14. Februar 2010 | Eric Breitinger, Redaktion saldo


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