Finger weg von diesen Farben!

K-Tipp 05/2014 vom

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Kinder malen gerne mit Händen und Füssen. Doch der K-Tipp-Test zeigt: Viele Fingerfarben enthalten bedenkliche Stoffe. Zwei Produkte hätten gar nicht verkauft werden dürfen.

Fingerfarben haben in den letzten Jahren immer wieder für negative Schlagzeilen gesorgt: Seit 2005 veröffentlicht das kantonale Labor Basel-Stadt in regelmässigen Abständen Untersuchungen zu Fingermalfarben. Jedes Mal mussten daraufhin mehrere Produkte vom Markt genommen werden – meist aufgrund zu hoher Schadstoffkonzentrationen. Wer die Sünder waren, wurde den Konsumenten von den Behörden wie üblich verschwiegen. 

Farbe schmeckte viel zu wenig bitter

Deshalb hat der K-Tipp jetzt die meistverkauften Fingerfarben auf heikle ­Inhaltstoffe untersuchen lassen. Die Prüfpunkte: Enthalten  die Farben Schadstoffe? Welche Produkte halten die gesetz­lichen Grenzwerte nicht ein? Schmecken die Far-ben bitter genug, um Kinder vom Probieren abzuhalten? 

Die wichtigsten Resul­tate: Zwei der Produkte im Test hätten in dieser Form gar nicht verkauft werden dürfen: Die Fingerfarben von Franz Carl Weber und Pelikan überschritten die gesetzlichen Grenzwerte deutlich. Auch die Fingerfarbe «Creations» von Toys’R’Us musste bemängelt werden: Die Farbe schmeckt nicht bitter und würde die Kinder wohl kaum davon abhalten, sich die Finger abzulecken.

Dass es auch anders geht, zeigen drei Produkte: Die Fingerfarben von Klecksi, SES Creative und Mara erhalten alle das ­Gesamturteil «sehr gut». 

Schadstoff zehnmal höher als erlaubt

Alle Produkte wurden anhand der neusten Norm bewertet. Sie regelt den Grenzwert für das schäd­liche Formaldehyd strenger und schreibt vor, dass ein Produkt nicht mehr als 500 Milligramm pro Kilogramm enthalten darf. In der EU wird diese Regelung bereits in wenigen Monaten rechtskräftig. Die Schweiz wird sie laut Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen erst 2015 übernehmen. 

Doch die zwei­ «un­ge­­nü­genden» Produkte hätten auch unter dem geltenden Schweizer Recht nicht verkauft werden dürfen. Bedenklich ist insbeson­dere die hohe Konzentra­tion an Nitrosaminen im Produkt von Franz Carl ­Weber. Mit 0,5 und 0,2 mg Ni­tro­sodiethanol­amin (NDELA) pro Kilogramm enthalten die Farben mehr als zehnmal so viel des Schadstoffs wie das Gesetz erlaubt. Das Problem dabei: NDELA gilt als wahrscheinlich krebserzeugend und wird leicht über die Haut auf­genommen. 

Strenge Grenzwerte für Nitrosamine

Punkto Gesundheitsrisiko ist das deutsche Bun­desins­titut für Risiko­bewertung zu folgendem Schluss gekommen: Bereits ab einem Gehalt von 0,05 mg NDELA pro Kilogramm besteht für Kinder ein erhöhtes Krebs­risiko. Der Grenzwert liegt deshalb aktuell bei 0,02 mg pro ­Kilogramm. Experte Urs Hauri vom ­kantonalen Laboratorium Basel-Stadt sagt kate­gorisch: «Diesen krebs­erzeugenden Stoff kann und soll man in Finger­farben vermeiden.» 

Franz Carl Weber hat auf die Testergebnisse des K-Tipp sofort reagiert und die Fingermal­farben von Wooz’art aus dem Verkauf genommen. Ausserdem, so schreibt das Unternehmen, sei man momentan in Kontakt mit dem kantonalen Labor. Denn man wolle prüfen, ob eine Warenrücknahme oder gar ein öffentlicher Rückruf der Farben gemacht werden ­müsse. 

Einen leicht über dem Grenzwert liegenden Gehalt von NDELA hat das Labor auch in den Farben von Mucki gefunden. Deshalb wurde das Produkt in diesem Kriterium abgewertet. Der Hersteller hält das Test­resultat für nicht möglich. Aufgrund der Zusammensetzung sei es ausgeschlossen, dass die Farben NDELA enthielten. Er verweist dabei auf eigene Analysen, bei denen der Stoff nicht nachge­wiesen worden war. Das K-Tipp-Labor hält am gemessenen Resultat fest.

Auch die Fingerfarben von Pelikan weisen ­NDELA auf und überschreiten zudem den Grenzwert beim Formaldehyd massiv. Die Farbe enthält insgesamt 1360 mg Formaldehyd pro Kilogramm. Dieser Wert werde nur selten festgestellt und sei für Fingerfarben extrem hoch, erklärt Urs Hauri. 

Formaldehyd kann Allergien auslösen

Problematisch daran ist, dass Formaldehyd bei direktem Hautkontakt Allergien auslösen kann. Zudem kann es die Schleimhäute in Nase und Mund reizen und zu brennenden Augen führen. Länger­fristig und in hohen Dosen kann dies das Krebsrisiko ebenfalls erhöhen.

Bei den getesteten Fingerfarben von Pelikan wurde Formaldehyd als Konservierungsstoff eingesetzt. Hinzu kam, dass die Farben auch Bronopol enthielten. Dieser Stoff ist als Formaldehyd-Abspalter be­kannt und deshalb in Fingerfarben umstritten.

Pelikan schreibt, dass mit Fingerfarben üblicherweise in kleinen Mengen gemalt werde, weshalb der gemessene Wert keine grosse Gefahr darstelle. Die Rezeptur sei jedoch inzwischen geändert worden. «Es sind nur Fingerfarben betroffen, die vor Oktober 2013 hergestellt worden sind.» Pelikan bekräftigt gegenüber dem K-Tipp, diese Produkte würden auf Anfrage der Kunden kostenlos ausgetauscht.

Die aufgedeckten Mängel sind besonders störend, weil Kinder für Schad­stoffe anfälliger sind als Erwachsene. Zum einen, weil Kinder noch längere Zeit leben als Erwachsene und sich in diesem Zeitraum Krebs entwickeln kann. Zum anderen, weil Kinder noch wachsen, was die Entwicklung von Krebs ebenfalls begünstigt. «Deshalb macht es Sinn, dass Spielsachen für Kinder im Bezug auf potenziell krebserregende Stoffe besonders streng reglementiert sind», sagt Michael Arand. Er ist Toxikologe an der Uni­versität Zürich. 

Hohe Schadstoffwerte: «Inakzeptabel»

Die zwei «ungenügenden» Produkte würden Kinder bei einmaligem oder sehr seltenem Kontakt zwar nicht unmittelbar gefährden, sagt Arand. Es sei jedoch wichtig, die Schad­stoffbe­lastung bei Kindern so gering wie möglich zu halten und sich an den vorgegebenen Grenzwerten zu orientieren. Die ­gemessenen Überschreitungen seien deshalb «absolut inakzeptabel», so der Toxikologe.

So stellen Sie Fingerfarben selber her – ohne Schadstoffe  

Fingerfarben kann man auch selber fabrizieren. Vorteil: Sie sind frei von Schadstoffen. Nachteil: Man muss diese Farben praktisch sofort verwenden. Immerhin sind sie im Kühlschrank einige wenige Tage haltbar, vorausgesetzt, man lagert sie in  einem verschliessbaren Gefäss.

Zutaten:

  • Eine halbe Tasse Maisstärke
  • Ein Päckchen Gelatine
  • Lebensmittelfarben (erhältlich in Drogerien und bei Grossverteilern in der Backwarenabteilung)

Die Maisstärke in einem Topf mit 3 Tassen kaltem Wasser mischen. Sobald sich die Maisstärke aufgelöst hat, die Mischung unter ständigem Rühren bei mittlerer Hitze auf­kochen. Rühren, bis die Mischung klar wird. Die Gelatine in einer halben Tasse kaltem Wasser auflösen und in die Maisstärkemischung einrühren. Das Ganze in verschiedene Gläser verteilen und mit der gewünschten Lebensmittelfarbe färben.

So wurde getestet

Das deutsche Prüflabor SGS Institut Fresenius in Taunusstein untersuchte im Auftrag des K-Tipp acht verschiedene Fingerfarben: 

  • Schwermetalle: Was passiert, wenn Kinder die Fingerfarben ablecken oder verschlucken? Um dies herauszufinden, wurden die Farben in verdünnte Salzsäure eingelegt. Dann prüften die Fach­leute, ob und in welchen Mengen die Produkte Schadstoffe ab­geben. 
  • Bitterstoffe: Alle Pro­dukte enthielten laut Deklaration Denatoniumbenzoat. Das ist eine der bittersten Substanzen überhaupt und soll Kinder davon abhalten, die Fingerfarbe abzulecken oder zu essen. Zu Prüfzwecken wurden die Fingerfarben 1:100 in Wasser verdünnt. Sieben Experten beurteilten in einer sensorischen Prüfung, ob die Bitterkeit in dieser Konzentration ­genügend wahrnehmbar ist. 
  • Konservierungsstoffe und Farbmittel: Deren Verwendung ist bei Finger­farben streng reglementiert. Im Test wurden gezielt Stoffe untersucht, die als kritisch gelten wie beispielsweise Formaldehyd. Geprüft wurde schliesslich, ob die Grenzwerte eingehalten wurden. 
  • Weitere Schadstoffe: Das Labor untersuchte zudem, ob die Fingermalfarben auch polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) enthalten. Diese gelten als krebserzeugend. Sie wurden in keinem der getesteten Produkte gefunden. Ebenfalls als ­proble­matisch gelten Nitrosamine wie NDELA und primäre aromatische Amine. Alle Produkte ­waren frei von primären aroma­tischen Aminen.

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