Begrenzter Durchblick

K-Tipp 19/2001 vom

Enteiser-Sprays für Autoscheiben Bei Minustemperaturen sind sie nur eingeschränkt tauglich

Freie Sicht für Autofahrer auch im Winter: Das versprechen Enteiser-Sprays. Der K-Tipp hat elf Mittel testen lassen. Fazit: Sie schmelzen zwar das Eis, doch einige ermöglichen den Durchblick nur für kurze Zeit.

Thomas Vogel tvogel@ktipp.ch

Wer sein Auto im Freien parkt, steht jetzt wieder vor härteren Zeiten: Oft muss man im Winter das Eis von der Windschutzscheibe schaben, bevor man wegfahren kann. Mit klammen Fingern mit dem Eiskratzer hantieren - das ist nicht jedermanns Sache. Bequemer geht es mit Enteiser-Sprays: ein Knopfdruck oder einige Pumpbewegungen - und die Scheibe ist wieder klar. Das zumindest versprechen die Hersteller der diversen Produkte.

Der K-Tipp hat elf der angeblichen Wundermittel beim Allgemeinen Deutschen Automobil Club (ADAC) im deutschen Landsberg untersuchen lassen. Testkriterien waren:

- Wie gut taut das Mittel die Eisschicht auf?

- Bleibt die Sicht klar oder friert die Scheibe gleich wieder zu?

- Bildet das Mittel Schlieren und verursacht es Lichtreflexe auf der Windschutzscheibe?

- Ist die Feinverteilung des Mittels auf der Autoscheibe auch bei Minustemperaturen gewährleistet?

- Riechen die Produkte unangenehm?

- Ist die Bedienung des Spraymechanismus auch mit Handschuhen problemlos?

Da alle Mittel auf demselben Prinzip beruhen, ist es nicht verwunderlich, dass die meisten der getesteten Produkte das Eis auf den Scheiben tadellos auftauen. Unterschiede resultieren aus der Geschwindigkeit: So benötigt das langsamste Produkt (Ice Free) im Labortest rund 60 Prozent länger als das schnellste (Nigrin Pumpspray).

Bei allen Mittelchen ist es der Alkohol - meist Isopropanol -, der das Eis zum Schmelzen bringt. Flüssige Alkohole haben jedoch den Nachteil, dass sie sich leicht verflüchtigen.

Folge: Sobald das Fahrzeug fährt, verdampft der Alkohol. Zurück bleibt das geschmolzene Wasser. Da verdampfender Alkohol Kälte erzeugt und zusätzlich der eisige Fahrtwind über die Scheibe pfeift, friert das zurückbleibende Wasser gleich wieder fest. Das Ergebnis: null Sicht.


Glykole können Schlieren bilden - und so die Sicht beeinträchtigen

Um das zu verhindern, mischen die Hersteller den Enteisern Glykole bei - eine Chemikalie, die eine zweifelhafte Berühmtheit erlangte, weil österreichische Winzer in den 80er-Jahren ihren Wein damit panschten. Beim Enteiser verhindert dieser Frostschutz, dass das Wasser wieder gefriert. Nicht alle Produkte beherrschen diese Übung gleich gut. Vor allem beim Sonax-Enteiser friert die Scheibe schnell wieder zu. Die Firma ESA als Schweizer Vertreiberin der Sonax-Produkte kritisiert, die Prüfer hätten im Labor getestet statt an einem «eingefrorenen» Fahrzeug.

Zu überzeugen vermochten beim wichtigen Teilkriterium «Schutz vor Wiedervereisung»

- beide Nigrin-Produkte

- Shell Enteiser

- Miocar Enteiser in der Spraydose

- Ice Free by Amag

Wo Licht ist, gibt es auch Schatten. So auch bei den Glykolen. Denn: Sie können Schlieren auf der Scheibe bilden und in der Dämmerung die Sicht massiv beeinträchtigen. Vor allem entgegenkommende Fahrzeuge mit Licht verursachen dann störende Reflexe auf der Windschutzscheibe. Besonders stark machte sich dieser Effekt bei vier Produkten bemerkbar:

- CCC Coop Car Care Enteiser

- Polyston Enteiser

- Migrol Enteiser

- Sonax Enteiser

Doch was nützt das beste Taumittel, wenn es sich schlecht auf der vereisten Scheibe auftragen lässt? Beim Testkriterium «Sprayfunktion bei minus 30 Grad» untersuchte der ADAC, ob sich der Spray fein und regelmässig versprühen lässt. Diese Prüfung fand einerseits bei Raumtemperatur statt und andererseits bei minus 30 Grad in der Klimakammer.

Bereits bei Raumtemperatur beurteilte der ADAC drei Produkte als schlecht:

- Nigrin Enteiser aus der Spraydose

- Miocar Enteiser in der Sprühflasche

- Ice Free by Amag

Während das Nigrin-Produkt nur schwach zerstäubt, kommt bei den beiden anderen Mitteln die Flüssigkeit nicht zerstäubt, sondern nur als einzelner Strahl aus der Flasche. Teilurteil: «ungenügend».

Bei minus 30 Grad vermochte nur der Shell Scheiben-Enteiser 100-prozentig zu überzeugen. Daneben attestierte der ADAC einzig dem Nigrin Pumpspray bei Kälte eine gute Sprühwirkung.

Die restlichen neun Mittel zerstäubten den Enteiser nur schwach oder gar nicht mehr. Da sich bei Raumtemperatur kaum einmal Eis auf der Windschutzscheibe bildet, bewertete der K-Tipp nur das Ergebnis bei minus 30 Grad.


Vier Mittel verbreiten im Auto keine unangenehmen Gerüche

Ein weiterer Schwachpunkt ist der Geruch, der sich im Inneren des Autos bemerkbar machen kann. Die Windschutzscheibe taut innen nur ab, wenn sie mit angewärmter Aussenluft angeblasen wird. Diese Luft saugt das Heizgebläse meist knapp unterhalb der Windschutzscheibe ein - also genau dort, wo auch der flüssige Enteiser hinfliesst. Umso störender ist der unangenehme Geruch, den einige Enteiser verbreiten.

Neun Prüfer beurteilten den Geruch der elf Mittel. Einhellig war das Urteil zum Sonax-Enteiser: «penetrant stechend». Teilurteil: «ungenügend».

Die Firma ESA verteidigt ihr Produkt: «Im Sonax-Scheiben-Enteiser wird als Rohstoff Ammoniak verwendet. Das bringt zwar den Nachteil der starken Geruchsbildung mit sich, schützt aber wirkungsvoll Gummi- und Lackteile. Da dieser Rohstoff sehr schnell verdampft, überwiegen die Vorteile für den Verbraucher.» Andere Hersteller haben zu den Resultaten nicht Stellung genommen.

Lediglich vier Produkte riechen so, dass sie der Fahrer als nicht störend empfindet:

- Ice Free by Amag

- Agip Entfroster

- CCC Coop Car Care Enteiser

- Migrol Enteiser

Die restlichen sechs Produkte beurteilten die Testschnüffler allesamt als «störend».

Meist trägt der Autofahrer Handschuhe, wenn er die Scheiben freikratzt. Dasselbe gilt beim Aufsprühen der Enteiser-Sprays. Doch sind nicht alle Produkte so ausgefeilt, dass man sie auch mit Handschuhen problemlos benützen kann.

Schwierigkeiten haben hier die beiden Produkte Shell Scheiben-Enteiser und Nigrin Pumpspray. In diesem Prüfkriterium brillierte erstmals das Produkt von Sonax. «Es ist ohne Probleme zu bedienen», attestierte ADAC-Prüfleiterin Sonja Schmölzer.

Beruhigend auch, was der ADAC zum Thema Lack und Gummi herausgefunden hat:

Keines der Produkte griff im Labor den Autolack oder Gummiteile an.

Fazit: Statt sich die Finger an der zugefrorenen Scheibe wund zu kratzen, können Sie beruhigt zu einem Enteiser greifen; denn selbst die schlechtesten Mittel im Test sind besser als der «Handbetrieb».

Allerdings handeln Sie sich so den Nachteil ein, dass die Sicht beeinträchtigt sein kann durch Glykolschlieren. Und je nach angewendetem Produkt kann es im Auto unangenehm riechen.



So haben Sie auch im Winter klare Sicht

Um eine Eisschicht von der Autoscheibe zu entfernen, haben Sie verschiedene Möglichkeiten. Mit einigen Massnahmen können Sie das Einfrieren gar verhindern.

- Chemisches Abtauen: Sprühen Sie den Enteiser auf die zugefrorene Scheibe und warten Sie kurz, bis das Eis aufgetaut ist. Mit der Gummilippe des Schneeschabers können Sie nun den Eis-/Enteiser-Matsch von der Scheibe entfernen. Um zu verhindern, dass die Scheibe gleich wieder zufriert, sprühen Sie am besten nochmals einen feinen Film des Enteisers auf die Scheibe.

Achtung: Dicke Eisschichten vermag auch der Enteiser-Spray nicht innert nützlicher Frist aufzulösen. Es sei denn, Sie verbrauchen eine ganze Flasche. Dazu sind die Produkte jedoch zu teuer.

- Manuelles Abtauen: Die Eiskratzer-Methode ist mühsamer. Dabei gilt: Immer in eine Richtung schaben und nicht wild auf der Scheibe rumkratzen. Grund: Kleine eingefrorene Dreckpartikel können sonst die Scheibe zerkratzen - egal aus welchem Material der Schaber ist.

Rauen Sie dicke Eisschichten zuerst mit der geriffelten Seite des Eiskratzers auf, danach das Eis mit der glatten Seite abtragen.

- Scheiben regelmässig reinigen: Eingefrorener Dreck lässt sich nur schwer wegkratzen. Im Extremfall können nämlich Glassplitter herausbrechen.

- Kein heisses Wasser verwenden: Enteisen Sie Ihre Windschutzscheibe nie mit heissem Wasser. Die Scheibe könnte zerspringen.

- Eisblocker: Man sprüht sie am Abend auf und die Scheibe bleibt bis am Morgen eisfrei. Aber Vorsicht: Wenden Sie die Mittel nicht an, wenn es schneit oder regnet. Die Mittel hinterlassen sonst Schlieren auf dem Glas.

- Karton als Schutz vor Scheibenvereisung: Am Abend vorher auflegen und am Morgen wieder wegnehmen. Achtung: Nicht auflegen, wenn der Karton nass ist. Er friert sonst an und kann nur schwer wieder entfernt werden. Nie Zeitungspapier verwenden.

- Sicherheit: Schaben Sie immer alle Scheiben am Fahrzeug frei. Alles andere ist gefährlich und verboten. Scheinwerfer und Rückspiegel nicht vergessen!

- Türschloss enteisen: Sie sollten immer einen Türschloss-Enteiser in der Jackentasche dabei haben; im geschlossenen Auto nützt er wenig. Im Notfall können Sie den Schlüssel mit einem Feuerzeug erwärmen. Nie würgen, sonst kann der Schlüssel abbrechen.

- Für den Notfall: Ins Auto gehören Taschenlampe, Wolldecke (falls Sie mal im Schnee stecken bleiben und auf Hilfe warten müssen), feste Handschuhe, ein Schneebesen und eventuell warme Stiefel.

- Scheiben im Innenraum: Damit sie weniger beschlagen und anfrieren, legen Sie mit Vorteil eine alte Zeitung unter die Fussmatte. Sie saugt Feuchtigkeit auf. Erneuern Sie die Zeitung regelmässig.
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