Winterzeit: Kontroverse über Vitamin-D-Mangel

saldo 20/2009 vom

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Im Winter produziert der Körper weniger Vitamin D. Für eine Zürcher Professorin ist das Grund genug, zusätzliches Vitamin zu schlucken. Andere Fachleute schütteln darüber den Kopf.

Heike Bischoff-Ferrari schluckt täglich Vitamin-D-Tropfen. Die Professorin der Universität Zürich ist überzeugt: «Vitamin D ist für sehr vieles gut.» Die Wirkung des Vitamins auf die Gesundheit werde unterschätzt. Sie hat das Vitamin während der letzten Jahre erforscht.

Bisher galt Vitamin D vor allem als Knochenstärker. Jetzt belegen Studien von Heike Bischoff-Ferrari, dass das Sonnenvitamin die Muskulatur stärkt und vor Stürzen schützt. Das Vitamin soll zudem gut gegen Krankheiten sein: So sollen Menschen mit genügend Vitamin D weniger oft an Krebs, Diabetes oder Herzinfarkt erkranken. Heike Bischoff-Ferrari: «Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass man mit ausreichend Vitamin D zahlreichen Krankheiten vorbeugen könnte.»

Allerdings brauche es dazu aussagekräftigere Studien. Die Forscherin ist überzeugt: Sehr viele Menschen haben zu wenig Vitamin D – vor allem zwischen November und Mai. Deshalb rät sie, in den grauen Wintermonaten täglich zusätzliches Vitamin D zu sich nehmen – in Form von Tropfen oder Tabletten.


«Die Sonne scheint im Winter in Europa nicht stark genug»

Zwar kann der Körper eigenes Vitamin D produzieren – mittels UVB-Strahlen der Sonne. «Doch im Winter scheint in ganz Europa die Sonne nicht stark genug», so Bischoff-Ferrari. Der Körper lege im Sommer für die graue Zeit einen Speicher an. Doch egal, ob man im Sommer ausgiebig im Freien gewesen ist, «nach eineinhalb Monaten ist dieser Vorrat aufgebraucht». Die Professorin bezweifelt, dass man über die Ernährung genügend Vitamin D aufnimmt. Fetter Fisch, Milchprodukte oder Pilze enthalten zwar Vitamin D, doch reiche dies nicht aus: «Um über die Ernährung genügend davon aufzunehmen, bräuchte der Körper täglich zwei Portionen fetten Fisch.»


«Auch im Schatten hat man immer genügend UV-Strahlen»

Viele Fachleute bezweifeln, ob alle Menschen im Winter täglich künstliches Vitamin D zu sich nehmen sollen. Für Mark Anliker, Leitender Hautarzt des Kantonsspitals St. Gallen, «muss es im Winter nicht zu einem Vitamin-D-Mangel kommen». Man müsse sich gesund ernähren und regelmässig im Freien bewegen. Es seien nicht einmal direkte Sonnenstrahlen nötig, damit die Haut genügend Vitamin D produziere. Mark Anliker: «Im Freien hat man immer genügend UV-Strahlen, auch im Schatten.»

«Gesundheitstipp»-Arzt Thomas Walser ist der Meinung, für gewisse Menschen sei zusätzliches Vitamin D angebracht – etwa bei alten Leuten oder Patienten, die unter Knochenschwund leiden. Auch Frauen, die früh in die Wechseljahre gekommen seien, könnten von zusätzlichem Vitamin D profitieren. Walser rät jedoch davon ab, das Vitamin ohne konkreten Grund einfach so «auf Vorrat zu schlucken». Im Gegenteil, warnt Walser: Zu viel Vitamin D könne zu starkem Durst, Kopfschmerzen, Knochenschmerzen und hohem Blutdruck führen. Gemäss Bischoff-Ferrari sei eine Überdosis des Vitamins nur schwer zu erreichen. Der Körper eines jungen Erwachsenen produziere im Sommer an der Sonne innerhalb von 20 Minuten das Zehnfache dessen, was Experten heute empfehlen.


«In zehn Jahren ist das vielverprechende Vitamin  ausreichend erforscht»

Die Professorin will jetzt zeigen, dass zusätzliches Vitamin D auch gegen Kniearthrose nützt. Dazu hat ihr der Nationalfonds Geld gegeben für eine Studie. Bischoff-Ferrari: «In drei Jahren wissen wir mehr.» Sie ist überzeugt: In zehn Jahren sei die Diskussion um Vitamin D geklärt. Bis dann sei das «vielversprechende» Vitamin ausreichend erforscht.


Tipps: So kommen Sie im Winter zu Vitamin D:

  • Gehen Sie täglich an die frische Luft
  • Setzen Sie Gesicht und Unterarme während 10 bis 15 Minuten der Sonne aus
  • Essen Sie regelmässig Lachs oder Forelle sowie Milchprodukte, Eier oder Pilze
  • Meiden Sie Solarien! Diese geben oft nur UVA-Strahlen ab, der Körper benötigt aber UVB-Strahlen. Zudem altert die Haut schneller und das Krebsrisiko steigt.


Für diese Menschen kann zusätzliches Vitamin D sinnvoll sein:

  • Menschen mit Knochenschwund oder -brüchen
  • Babys
  • Patienten, die über längere Zeit Medikamente mit Kortison einnehmen
  • Frauen mit frühen Wechseljahren
  • Stark übergewichtige und sehr dünne Menschen
  • Dunkelhäutige Menschen.


Die Vitamin-D-Tropfen sind in Apotheken erhältlich.

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