Wer Strom spart, wir d zur Kasse gebeten

K-Tipp 2/2002 vom

Monopol-Missbrauch: Tarifpolitik vieler Elektrizi tätswerke verstösst gegen Verursacherprinzip

Strom sparen zahlt sich nicht aus: Viele Elektrizitätswerke belohnen Verschwender mit tieferen Kilowattstundenpreisen. Und den Niedertarif gibts oft erst ab einer bestimmten nächtlichen Bezugsmenge.

Gery Schwager gschwager@ktipp.ch

Seit Jahren bezahlt Renée Kernen aus Ittigen BE für ihren Strom der BKW Energie AG den Einfachtarif. «Das tun alle Haushalte im BKW-Versorgungsgebiet», war sie stets überzeugt - bis sie vor kurzem zufällig erfuhr, dass das Elektrizitätswerk seinen Kunden auch den Doppeltarif anbietet.

Dieser unterscheidet zwischen Hoch- und Niedertarif: Ersterer gilt zwischen 6 und 22 Uhr und beläuft sich im Sommer auf 19 Rappen pro Kilowattstunde (Rp./ kWh), im Winter auf 24.5 Rp./kWh. Für Strombezüge nachts - ab 22 Uhr - kommt der Niedertarif zur Anwendung, der im Sommer 8.5 Rp. und im Winter 11 Rp./ kWh beträgt.

Im Einfachtarif dagegen bezahlen BKW-Kunden für ihren Strom rund um die Uhr im Sommer 19 und im Winter 24.5 Rp./kWh - also immer den Hochtarif. Renée Kernen findet das «unverschämt».

Tatsächlich zeigt eine K-Tipp-Stichprobe bei sechs Elektrizitätswerken: Die Abrechnung im Einfachtarif ist für Stromkonsumenten finanziell oft ein Nachteil. Und dies, obwohl hier der fixe monatliche Grundpreis, den viele Werke zusätzlich zum eigentlichen Verbrauchspreis kassieren, meist günstiger ist als beim Doppeltarif.

Konkret wirds bei Abrechnung im Einfach- statt im Doppeltarif für Haushalte mit einem Jahresstromverbrauch von 2500 kWh um folgende Summen teurer:

- bei der St. Gallisch-Appenzellischen Kraftwerke AG (SAK) um Fr. 57.50

- bei den Centralschweizerischen Kraftwerken (CKW) um Fr. 48.15

- beim Elektrizitätswerk Nidwalden (EWN) um Fr. 42.50

- bei der BKW Energie AG um Fr. 30.-

- bei der AG Elektrizitätswerke Bad Ragaz (EWR) um Fr. 28.75

- beim Elektrizitätswerk der Stadt Bern (EWB) um Fr. 25.90.

Beläuft sich der Jahresstromverbrauch auf 4000 kWh, betragen die entsprechenden Mehrkosten bei den CKW gar Fr. 83.70, beim EWN Fr. 68.-, bei der EWR Fr. 64.-, bei der SAK Fr. 54.80, bei der BKW Fr. 54.- und beim EWB Fr. 48.40. Diese Zahlen basieren auf der Annahme, dass die Haushalte 44 Prozent des Stroms im Sommer und 36 Prozent im Winter zur Hochtarifzeit sowie je 10 Prozent im Sommer und im Winter zur Niedertarifzeit verbrauchen.

Diverse Schweizer Elektrizitätswerke gewähren den Doppeltarif erst ab einem bestimmten Mindestverbrauch zur Niedertarifzeit. Beim EWN etwa gilt als Voraussetzung ein regelmässiger Nachtstrombezug von 150 kWh pro Monat oder 1800 kWh pro Jahr.

«Profitieren können so vor allem Kunden, die nachts mit Strom heizen oder Warmwasser erzeugen», kritisiert der Basler SP-Nationalrat und Energiefachmann Rudolf Rechsteiner.

Und Greenpeace-Präsident Heini Glauser, Stiftungsrat der Schweizerischen Energie-Stiftung, ergänzt: «Vielerorts ist der Doppeltarif gar direkt an die Installation von Nachtstrom-Verbrauchern wie Elektroboiler und -heizungen oder Wärmepumpen gekoppelt.»


Strombranche setzt auf Umweltargumente

Doch die Elektrizitätswerke verteidigen ihre Tarifpolitik: Ziel des Doppeltarifs sei es nicht, Wärmeanwendungen einseitig zu fördern, sondern die generell tieferen Kosten der Stromerzeugung und -verteilung in der Nacht an die Kunden weiterzugeben und die Anlagen ausgeglichener auszulasten, heisst es bei der BKW Energie AG. Aber auch Umweltargumente führt die Branche ins Feld: Mit Strom lasse sich Wärme sauberer erzeugen als mit fossilen Energieträgern wie Öl, Gas und Kohle. «Deshalb darf der Einsatz von Nachtstrom-Verbrauchern als ökologisch sinnvoll eingestuft werden», schreibt die SAK.

Das sieht Rudolf Rechsteiner gar nicht so. «Mit ihrer Tarifpolitik motivieren die Werke zum Kauf von Elektroheizungen, Wärmepumpen und Elektroboilern - und natürlich zu höherem Stromverbrauch», macht er geltend. Da hier zu Lande weder bei der Wasser- noch bei der Atomkraft Ausbauten möglich seien, führe der höhere Stromverbrauch in der Schweiz dazu, dass im Ausland mehr fossile Kraftwerke zugeschaltet würden.

«Der Wirkungsgrad bei der Stromproduktion in fossilen Werken ist aber nicht sonderlich gut», so Rechsteiner weiter. Wenn man Wärme mit Strom aus Öl, Gas oder Kohle produziere statt direkt aus diesen fossilen Energieträgern, resultiere deshalb eine grössere Schadstoffmenge.

Vor diesem Hintergrund spricht Greenpeace-Präsident Glauser Klartext: «Aus energie- und umweltpolitischer Sicht ist die heutige Situation meines Erachtens schon lange nicht mehr zeitgemäss.» Wie Rechsteiner ärgert auch ihn die Quer-Subventionierung der elektrischen Wärmeerzeugung über hohe Grundpreise und hohe Tarife für «normalen» Stromverbrauch.

«Die Tarifpolitik vieler Elektrizitätswerke ist in erster Linie eine Verbrauchsförderungspolitik», bringt es Rudolf Rechsteiner auf den Punkt. Dazu passt, dass die Werke in der K-Tipp-Stichprobe allesamt den Haushalten mit einem Jahresstromverbrauch von 2500 kWh einen höheren Durchschnittspreis pro Kilowattstunde (inklusive Grundpreis) verrechnen als jenen Haushalten, die jährlich 4000 kWh beziehen. Letztere fahren zwischen 1 und 3.6 Rp. pro Kilowattstunde günstiger.

Damit gilt: Wer Strom spart, wird oft doppelt bestraft - durch einen höheren durchschnittlichen kWh-Preis und durch die Abrechnung im Einfach- statt im Doppeltarif. Für Rechsteiner «liegt da ein klarer Monopol-Missbrauch der Elektrizitätswerke vor».


Tarif wechseln kostet ein paar Hunderter

Wohl gestatten einige Werke ihren Kunden, wenigstens die Tarifart selber zu wählen. Bloss: Wer vom Einfach- zum Doppeltarif wechseln möchte, muss nicht selten eine höhere Zählermiete sowie Installationskosten von mehreren hundert Franken für Änderungen an der Messeinrichtung in Kauf nehmen. Das schreckt ab.

Vollends unattraktiv wird der Wechsel oft für Haushalte mit sehr niedrigem Stromverbrauch: Verlangt das Elektrizitätswerk im Doppeltarif nämlich einen höheren Grundpreis, macht dies die Ersparnis aus dem tieferen Verbrauchspreis gleich wieder zunichte.

Die Energieexperten Rechsteiner und Glauser fordern von den Werken denn auch vehement eine ökologisch sinnvollere und konsumentenfreundlichere Tarifpolitik. Diese dürfe durchaus auf die Angebots- und Nachfrageunterschiede zwischen Tag und Nacht sowie Sommer und Winter Bezug nehmen.

Verschwinden aber müssten laut Rechsteiner «die dem Verursacherprinzip krass widersprechenden Grundpreise». Zudem wären lineare oder mit wachsendem Stromverbrauch gar steigende Tarife wünschbar. Damit künftig belohnt und nicht länger bestraft wird, wer Strom spart.



WILDWUCHS - Von Ort zu Ort andere Strompreise

So ähnlich die Tarifpolitik vieler Elektrizitätswerke ist - bei der Tarifhöhe gibts massive Unterschiede. Das hat der K-Tipp schon vor fast zwei Jahren nachgewiesen (K-Tipp 6/00). Und es gilt noch immer.

So bezahlen gemäss der Energieberatungsfirma Enerprice, die im Auftrag der Stiftung Avenir Suisse unter anderem Stromtarife in den 30 grössten Schweizer Städten eruiert hat, Haushalte in Sitten durchschnittlich nur 16.3 Rp./kWh (inklusive Mehrwertsteuer). Am teuersten ist Strom in Neuenburg, wo die Kilowattstunde für Haushalte durchschnittlich 29 Rappen (oder fast 80 Prozent mehr als in Sitten) kostet.

Zu Recht hat daher das Elektrizitätswerk der Stadt Bern in der aktuellen K-Tipp-Stichprobe darauf hingewiesen, dass punkto Stromkosten der Preis pro Kilowattstunde mindestens so wichtig sei wie die Möglichkeit, vom Doppeltarif zu profitieren.
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