Vorteil für die Gesundheit ist umstritten

saldo 8/2003 vom

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Experten schlagen die Abgabe von Folsäure an die Bevölkerung vor. In der Deutschschweiz wird der Vorschlag kritisiert, in der Romandie bereits praktiziert.

Die Briefe an die Stiftung für Konsumentenschutz (SKS) sprechen eine deutliche Sprache: «Wir fühlen uns bevormundet», heisst es darin, andere bezeichnen das geplante Vorgehen als «Frechheit». «Fast alle Briefe äussern sich gegen eine Anreicherung des Brotmehls mit Folsäure», erklärt Eric Send, Projektleiter bei der SKS. Brot als uraltes Grundnahrungsmittel gelte für viele als unantastbar.


Migros: Brot mit Folsäure nicht mehr im Sortiment

Auslöser der Folsäure-Diskussion war die Veröffentlichung des Expertenberichts der Eidgenössischen Ernährungskommission vor wenigen Wochen. Er sprach sich ausdrücklich für die obligatorische Beigabe von Vitamin B9, wie Folsäure auch genannt wird, im Backmehl aus.

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) prüft gegenwärtig, ob für diese Massnahme eine Gesetzesänderung nötig ist. Die Befürworter argumentieren damit, eine generelle Abgabe von Folsäure würde die Zahl der mit offenem Rücken (Spina bifida) geborenen Babys senken und damit viel Leid ersparen. Im vorletzten Jahr kamen in der Schweiz 14 Babys mit diesem Geburtsfehler zur Welt.

Was heute kaum jemand weiss: Mit Folsäure vitaminisiertes Brot ist längst im Handel. Die Waadtländer Groupe Minoteries S.A., die in der Westschweiz 700 bis 800 Bäcker beliefert, reichert das gesamte für diesen Landesteil produzierte Mehl (ausser das Bio-Mehl) mit Folsäure an. «Das ist unser Beitrag zur Gesundheit der Bevölkerung», erklärt der stellvertretende Generaldirektor Roland Marion.

Letztes Jahr stieg das Unternehmen aus Granges-Marnand mit der Übernahme zweier Deutschschweizer Mühlen zum grössten Mehlproduzenten der Schweiz auf. Marktanteil: knapp 25 Prozent. Die Produktion folsäurehaltigen Mehls bleibt zunächst aber auf die Westschweiz beschränkt. Marion: «Die meisten Deutschschweizer Bäcker lehnen dies im Moment noch ab.» Nur über bestimmte lizenzierte Brote wie «Paillasse» oder «Favorite» verbacken sie Mehl der Waadtländer Mühle.

Auch Coop und Migros mit ihren Bäckereien Panofina und Jowa sind skeptisch. Coop setzt auf eine gezielte Anreicherung einzelner Produkte, wie etwa Fruchtsäften. Die Migros bot verschiedene Brote mit Folsäure an, nahm sie mangels Nachfrage aber wieder aus dem Sortiment. Migros-Sprecherin Monika Weibel: «Es scheint uns fraglich, die gesamte Bevölkerung per Gesetz mit Folsäure zu versorgen.» Beim Verkauf speziell gekennzeichnet werden muss mit Folsäure angereichertes Brot übrigens nur, wenn es vorverpackt ist. «Im Offenverkauf reicht es aus, wenn der Verkäufer auf Anfrage Auskunft gibt», erklärt Elisabeth Nellen-Regli vom BAG.


Weltweit grösster Hersteller: Roche Vitamins

Als treibende Kraft hinter einer generellen Abgabe steht die Folsäure-Offensive. Aushängeschild ist die ehemalige Skirennfahrerin Maria Walliser, die selbst ein Spina-bifida-Kind hat. Initiiert wurde der Fonds jedoch von der Industrie. Gründer und Geschäftsführer ist Erich P. Meyer, bis vor kurzem noch Eigentümer des Lebensmittelzusatzherstellers Multiforsa. Das Unternehmen erwirtschaftet die Hälfte seines Umsatzes von 50 Millionen Franken mit Viogerm, einem folsäurereichen Weizenextrakt, das mittlerweile etwa 80 Produkten zugesetzt wird. Um den Folsäuregehalt von Riegeln, Suppen und Backwaren zu erhöhen, wird zusätzlich künstlich hergestellte Folsäure beigegeben. Einer der weltweit grössten Produzenten: Roche Vitamins. Auch Roche wirkt aktiv bei der Folsäure-Offensive mit. «Finanzielle Interessen stehen bei der Folsäure-Offensive nicht im Vordergrund», erklärt Erich Meyer - «viel mehr als ein positiver Werbeeffekt lässt sich damit für die beteiligten Unternehmen nicht erzielen.»

Folsäure ist allerdings, ganz anders als etwa Vitamin C, ein teures Vitamin. Ein Kilogramm synthetisch hergestellte Folsäure kostet ab Hersteller etwa 120 Franken. Da jedoch bereits 150 Milligramm genügen, um den Jahresbedarf eines Menschen zu decken, käme eine Anreicherung des gesamten Mehls nur etwa auf 120 000 Franken (Herstellerabgabepreis), so die Rechnung des Expertenberichts der Ernährungskommission. Am Folsäuremehl könnte sich Roche in der Schweiz also kaum eine goldene Nase verdienen.

Wenn man den Blick von der Schweiz auf den Weltmarkt richtet, sieht das Bild allerdings anders aus. BASF, nach Roche der zweitgrösste Vitaminhersteller, schätzt den Folsäuremarkt im Bereich Lebensmittel auf rund 120 Tonnen (Tierfutter etwa 500 Tonnen). Bei einem Kilopreis von 120 Franken sind das 14,4 Millionen Franken. Kommt hinzu, dass im Gefolge einer Folsäure-Anreicherung des Brotes noch ein zweites Vitamin ins Spiel gelangt: Vitamin B12 - ebenfalls eines der teureren Kategorie.

«Folsäure senkt den Homocystein-Spiegel im Blut», erläutert der Zürcher Mediziner Thomas Walser. «Neben einigen Vorteilen birgt dies auch Nachteile. Ein möglicher Vitamin-B12-Mangel wird verschleiert, das kann gravierende gesundheitliche Folgen haben. Und ein unentdeckter B12-Mangel führt zu neurologischen Beschwerden und körperlichem Verfall.»

Die Eidgenössische Ernährungskommission nahm solche Einwände ernst und schlägt vor, zusätzlich zur Folsäure auch Vitamin B12 ins Brotmehl zu geben. Für Walser eindeutig der falsche Weg: «Damit kommen wieder neue Probleme auf uns zu. Ein Stoff, der eine Wirkung hat, hat auch Nebenwirkungen.»


Vitaminmarkt: Seit 1995 stark gewachsen

Wer sich angesichts solcher Szenarien die Hände reiben kann, sind die Vitaminhersteller: Der weltweite Vitaminmarkt umfasste laut BASF im Jahr 2001 etwa 3,75 Milliarden Franken. Er sei seit 1995 stetig gewachsen und werde sich weiter ausdehnen. Wenn ein Grundnahrungsmittel wie Brot zum Heilmittel wird, liegt da noch einiges drin.



Ihre Meinung ist gefragt

Soll das Backmehl für die ganze Bevölkerung mit Folsäure angereichert werden? Ihre Ansicht interessiert uns. Schreiben Sie an: Redaktion saldo, Postfach 723, 8024 Zürich, E-Mail: redaktion@saldo.ch, oder diskutieren Sie im Forum unter www.saldo.ch



Tagesbedarf

Der Folsäurebedarf eines erwachsenen Menschen liegt bei 400 Mikrogramm (µg) pro Tag - in dieser Zahl ist bereits ein «Sicherheitszuschlag» von etwa einem Viertel eingerechnet. Schwangere benötigen 600 Mikrogramm; diese Menge ist ohne künstliche Zugabe nicht zu erreichen.


Wichtige natürliche Folsäure-Lieferanten

Produkt - µg pro 100 g

Rindsleber - 592

Weizenkeime - 520

Kichererbsen getrocknet - 340

Weizenkleie - 195

Linsen getrocknet - 168

Sojasprossen - 160

Eigelb - 159

Nüsslisalat, Spinat - 145

Broccoli - 114

Lauch - 103

Blumenkohl - 88

Haferflocken - 87

Camembert - 65

Erdbeeren - 43

Trauben - 43

Orangen - 29

Tomaten - 22
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