Untaugliche Hilfe gegen E-Smog

K-Tipp 05/2014 vom

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Wer unter Elektrosmog leidet, muss sich vor «Experten» hüten, denen es vor allem um den Verkauf von Produkten geht. Der K-Tipp illustriert das an einem konkreten Beispiel.

Elsbeth Kaiser aus Gams SG brauchte Hilfe. Seit einiger Zeit fühlte sie sich unwohl in ihrem Haus. Sie konnte nicht mehr schlafen, und sie hörte ständig ­einen dumpfen, surrenden Ton.

Aufgrund einer Empfehlung hatte Kaiser eines ­Tages den Elektrobiologen Urs Hafner im Haus. ­Gemäss Handelsregister macht er mit seiner Firma Concept-med in Au SG «elektrobiologische Messungen, elektrische Sanierungen und Abschir­mungen». 

Für Kaiser war der Elektrobiologe aber keine Hilfe. Er übergab ihr zwar ein Abschirmgewebe und verlangte insgesamt 1200 Franken. Doch die Beschwerden verschwanden nicht. Jetzt fühlt sich Elsbeth Kaiser nur noch über den Tisch gezogen.

Das ist verständlich – denn das Vorgehen des Elektrobiologen ist in mehreren Punkten fragwürdig.

Zunächst fällt auf, dass es kein Messprotokoll gibt. Wenn seriöse Messtech­niker zu Elektrosensiblen gerufen werden, beginnen sie mit einer Reihe von Messungen. So können sie Aussagen zu den nieder­frequenten elektrischen und magnetischen Wechselfeldern im Haus machen. Diese rühren von elektrischen Haus­instal­la­tionen und Geräten her.

Zudem bestimmen gute Messtechniker die elektromagnetische Hoch­frequenzstrahlung. Diese stammt von Mobilsendern, von drahtlosen Telefonen und – sehr ­häufig – vom kabellosen Internet (WLAN). Und noch aus vielen anderen Quellen.

Elektrobiologe Urs Hafner hat zwar auch Messungen durchgeführt. Doch die haben mit der E-Smog-Belastung höchstens am Rande zu tun. Denn Hafner hat die sogenannte Körperspannung gemessen. Dazu musste seine Kundin in ihrem Bett liegen und eine Metallrolle halten, die mit einer Apparatur verbunden war. So kam Hafner auf einen Wert von 1200 Millivolt – wobei er gleich anfügte, ein Wert von 20 Millivolt sei normal.

Als dann Hafner aufgrund dieser Messung auch noch behauptete, die Frau habe eine Reizblase, ihre Leberwerte seien nicht so gut und sieben Meri­diane seien geschlossen – da hatte er leichtes Spiel. Er verkaufte der Frau ein Abschirmgewebe, für das er einen Preis von 35 Franken pro Quadratmeter einsetzte. Er selber hatte ­dafür beim Hersteller nur Fr. 9.50 gezahlt.

Hat Hafner der Frau Angst gemacht, um ihr ein überteuertes Produkt zu verkaufen? Hat er die Verzweiflung einer Elektrosensiblen ausgenutzt, die in ihrer Not nach jedem Strohhalm greift? Urs ­Hafner wollte die Fragen des K-Tipp nicht beant­worten.

WLAN als mögliche Störungsquelle

Hafner hat übrigens auch ein «EKG» gemacht – das hat er dem K-Tipp in einem telefonischen Vorgespräch bestätigt. Ein Elektrokardiogramm ist jedoch eine Methode zur Untersuchung der elektrischen Aktivitäten des Herzens, die eine medizinische Qualifikation erfordert. Welche Erkenntnis der gelernte Elektriker aus dem sogenannten «EKG» zog, wollte er nicht sagen.

Richtig war, dass Hafner auch das drahtlose Internet (WLAN) des Nachbarn als mögliche Störungsquelle ins Spiel brachte. Und deshalb empfahl er seiner Kundin, die dem Nachbarn zugewandte Seite ­ihres Schlafzimmers mit dem Abschirmgewebe zu bespannen. Das hat die Frau zusammen mit ihrem Mann selber erledigt. Anschliessend musste noch ein Elektriker kommen, um das Gewebe zu erden.

Dass das genug gebracht hat, ist zu bezweifeln. Und zwar nicht nur deshalb, weil sich Kaisers Zustand nicht gebessert hat. Denn erstens können WLAN-Strahlen mit dem Gewebe bespannte Wände teilweise «umgehen». Sobald eine Wand bespannt ist, sollte man messen, ob auch angrenzende Bauteile (Wand, Decke, Boden) mit einem Spezialgewebe oder einer Abschirmfarbe isoliert werden müssen.

Zweitens ist bekannt, dass das betreffende Abschirmgewebe der Firma Sto AG aus Niederglatt ZH hochfrequente Strahlen weniger gut abschirmt als andere Gewebe, die  ­engere Maschen aufweisen. Auch gewisse Tapeten und Abschirmfarben sind dies­bezüglich besser. Das be­legen Messungen des bayerischen Landesamtes für Umwelt vom Januar 2008.

Ob die Montage des Gewebes etwas Messbares gegen den E-Smog der elektrischen Hausinstallationen und Geräte bewirken konnte, ist auch nicht ­bekannt. Elsbeth Kaiser ­erinnert sich nur, dass ­Hafner noch ein zweites Mal vorbeikam und die Körperspannungsmessung wiederholte. Da lag der Wert sogar noch höher als bei der ersten, nämlich bei 1600 Millivolt.

E-Smog-Sanierung: Nur Fachleute beauftragen!

Sie wollen zu Hause etwas gegen den Elektrosmog tun? Hier die Tipps:

  • Beauftragen Sie einen fachlich ausgewiesenen Messtechniker (Referenzen einholen). Ein Messprotokoll mit Empfehlungen gehört dazu. Je nach Komplexität kostet das 500 bis 1500 Franken. Eine Nachbetreuung, konkrete Abschirmkonzepte und die Begleitung von Abschirmarbeiten mit Erfolgskontrolle werden zusätzlich verrechnet. Eine Liste mit Messtechnikern finden Sie hier.
  • Verlangen Sie bei Abschirmungen Zeit, um die Wirkung zu testen. Eine seriöse Abschirmung muss oft in Etappen und mit neuen Messungen erfolgen. Denkbar ist auch, dass der Experte eine Probeabschirmung mit einem Ausleih-Abschirmtuch macht und dann weiterschaut.
  • Eindämmen des niederfrequenten E-Smogs: Abschalten nicht benötigter Geräte (evtl. mit Zeitschaltuhren), abgeschirmte Kabel verwenden, Netzfreischalter montieren. Auch Abschirmungen sind möglich – durch einen Fachmann, weil sie sonst sogar schaden können (wie  z. B bei geerdeten Matratzenauflagen).
  • Massnahmen gegen hochfrequente Strahlen von Mobilfunkantennen,  Schnur­lostelefonen und WLAN von Nachbarn: Fachmann beauftragen. Werden nämlich nicht alle Strahlenquellen erfasst, können sich die Strahlen durch Reflexionen noch verstärken. Am schnellsten und effizientesten hilft oft der Verzicht auf kabellose Verbindungen. Besprechen Sie das mit Ihren Nachbarn.
  • Vorsicht bei «Elektrobiologen», die vor allem Produkte verkaufen wollen! Der im Text erwähnte Urs Hafner z. B. hat laut Handelsregister geschäftliche Verbindungen zur Firma Bio-Concept-med in Widnau SG. Diese verkauft u. a. das «Quantron Resonanz System». Da kommt viel Esoterik ins Spiel – mit der Abschirmung von E-Smog hat das aber nichts zu tun.

Buchtipp

Wie man E-Smog-Quellen erkennt und was man dagegen tun kann, lesen Sie im Rat­geber «Gesundheits­risiko Elektrosmog». 

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