Umstrittene Krebstherapie: Radioaktive Stifte sollen Tumor bekämpfen

saldo 17/2011 vom

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Immmer mehr Spitäler bieten gegen Prostatakrebs die sogenannte Brachytherapie an. Doch deren Nutzen ist nicht belegt.

Die Therapie sei «innovativ, erfolgversprechend und schonend», schreibt die Klinik Siloah in Gümligen bei Bern auf ihrer Website. Und das Berner Lindenhofspital bezeichnet die Behandlungsmethode im hauseigenen Fachblatt als «schonend und schnell». Die Rede ist von der Brachytherapie gegen Prostatakrebs. Dabei pflanzen die Ärzte dem Patienten unter Narkose kleine, radioaktive Stifte in die Prostata ein. Sie sollen den Krebs aus der Nähe bestrahlen. Auch mehrere Universitätsspitäler bieten die Brachytherapie an.


Experten bemängeln die Aussagekraft vorliegender Studien

Doch der Nutzen der Therapie ist nicht belegt. Zwar vermeldeten einzelne Studien positive Resultate. Laut dem Winterthurer Krebsarzt Christian Marti sind diese  aber kaum aussagekräftig: Die Ärzte hätten einfachere Fälle mit Brachytherapie behandelt als in den Vergleichsgruppen mit anderen Therapien. So sei es kein Wunder, dass die Brachytherapie besser abschneide. Marti: «Unter dem Strich hilft sie etwa wie das konventionelle Bestrahlen von aussen.»

Auch das renommierte deutsche Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen bemängelt, die Studien zur Brachytherapie seien ungenügend. Sein Fazit ist ernüchternd: Was das Überleben der Patienten angehe, gebe es «keinen Hinweis für einen Vorteil der Brachytherapie».

Das Lindenhofspital behauptet, der Nutzen der Brachytherapie sei «in zahlreichen Studien belegt». Auf Nachfrage von saldo muss es allerdings einräumen, dass es keine Studie gibt, welche die Brachytherapie nach dem Zufallsprinzip mit einer anderen Therapie vergleicht. Es gebe deshalb «keine Belege, dass eine der Therapien besser ist als eine andere». Die Klinik Siloah nahm zur Kritik keine Stellung.


Ab 70 Jahren ist Abwarten oft die beste Strategie

Bei Prostatakrebs bestrahlen Ärzte in der Regel den Tumor von aussen, oder sie entfernen in einer Operation die Prostata. Doch auch diese Therapien bringen keinen Vorteil, zumindest nicht für ältere Männer. Studien zeigen: Von zehn Krebspatienten, die im Zeitpunkt der Diagnose über 70 Jahre alt waren, leben zehn Jahre nach der Behandlung noch acht. Aber ohne Therapie überleben laut Krebsarzt Marti gleich viele Männer: «Auch wenn man den Krebs nur beobachtet und erst eingreift, wenn Beschwerden auftreten, sterben nicht mehr Patienten.»

Der Grund: Oft wächst der Krebs sehr langsam und bereitet keine Beschwerden. Deshalb sprechen für ältere Männer gute Gründe für das Abwarten (siehe Tabelle).

Nur bei Patienten unter 70 Jahren bietet die Prostata-Operation einen leichten Überlebensvorteil gegenüber dem Abwarten. «Doch zu einem hohen Preis», gibt Christian Marti zu bedenken. Ein Grossteil der Männer wird durch die Operation impotent. Einige können zudem den Urin nicht mehr zurückhalten. Marti: «Bei diesen Männern hat man zwar den Krebs entfernt, sie sind aber verstümmelt.» Auch das Bestrahlen führt oft zu Impotenz.

Trotzdem stimmen viele betroffene Männer einem Eingriff zu – vor allem aus psychischen Gründen, so Marti. Es sei nicht einfach, das Wissen auszuhalten, dass man einen Krebs in sich trage: «Nach der Dia­gnose ‹bösartiger Tumor› sagt man zu fast allem Ja und möchte das Problem rasch aus der Welt schaffen.» Auch viele Fachärzte raten zu einer schnellen Behandlung, weiss Marti aus Erfahrung.


Patienten sollten die Therapiewahl in Ruhe überdenken

Dabei sollte ein Arzt im Moment der Diagnose vor allem eines tun, sagt Marti: den Patienten auffordern, sich mit dem Entscheid Zeit zu lassen. Denn Prostatakrebs sei nicht aggressiv. «Auf ein paar Wochen mehr oder weniger kommt es nicht an.» Als 65-Jähriger weiss Christian Marti: Auch bei ihm selber könnte eines Tages ein Prostatakrebs wachsen. Doch sein Entscheid ist klar: Solange er keine Beschwerden hat, will er das Risiko einer Operation oder Bestrahlung nicht eingehen. «Deshalb lasse ich mich schon gar nicht auf Prostatakrebs untersuchen. So mache ich mir keine unnötigen Sorgen.»

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Kommentare

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von Seeds am
28.10.2011, 15:52

Stellungnahme der Radio-Onkologie Lindenhofspital

• Der Nutzen der seit etwa 25 Jahren eingesetzten Brachytherapie ist in zahlreichen Studien belegt. • Weltweit wurden in dieser Zeit mehr als 1 Million Patienten mit dieser Methode behandelt. • Das Bundesamt für Gesundheit hat letztes Jahr die Brachytherapie des Prostatakarzinoms nach mehrjähriger multi-zentrischer Evaluation (geleitet durch Prof. Schmid, Urologie, Kantonsspital St. Gallen) von total mehr als 900 Patienten definitiv als Pflichtleistung aufgenommen. Die Kriterien der Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit werden also als erfüllt betrachtet. • Am Lindenhofspital (als grösstem Prostata-Brachytherapie-Zentrum der Schweiz) wurden seit 2004 398 Patienten mit dieser Methode behandelt. Die Resultate bezüglich Heilungsraten und Nebenwirkungen sind ausgezeichnet. • Es gibt zu keiner der Therapiemöglichkeiten des Prostatakarzinoms randomisierte Studien. Welcher Patient lässt sich bei dieser Krankheit schon einer Therapieform zulosen? • Die verschiedenen Behandlungsmethoden beim früh entdeckten Prostatakrebs sind bezüglich Heilungsraten gleich gut. Es gibt keine Belege, dass eine der Therapien besser ist als eine andere. • Weil die Heilungschancen gleich gut sind, werden für den Patienten andere Kriterien wichtig, darunter vor allem Häufigkeit und Schwere der Nebenwirkungen. Diese fallen aber (auch dazu gibt es Studien) bei der Brachytherapie geringer aus als bei der Operation (Impotenz, Inkontinenz). • Abwarten und Nichtbehandeln ist im Frühstadium der Krankheit zulässig, aber man darf den richtigen Zeitpunkt zur Therapie nicht verpassen. Die Folgen wären fatal. Patienten mit fortgeschrittenem, oft metastasiertem Prostatakrebs leiden stark in ihrer restlichen Lebenszeit. Leider ist es so, dass die Sterblichkeit beim Prostatakarzinom in der Schweiz weltweit fast am höchsten ist. Eine der Ursachen ist die ungenügende Behandlung dieser Krankheit in der Schweiz. Dieser Artikel ist nicht geeignet, die Situation in dieser Hinsicht zu verbessern. Im Gegenteil: Die Aussage Ihres Krebsarztes, sinngemäss: „Solange ich keine Beschwerden habe, muss ich mir auch keine Sorgen machen“ ist eine Katastrophe und ein Rückfall in Zeiten, wo jeder zweite Patient bei Diagnosestellung bereits metastasiert war. Die oben aufgeführten Informationen sowie eine Auswahl von mehr als 20 unterstützenden Studien haben wir dem Autor des Artikels zur Verfügung gestellt. Dieses Material wird im Artikel leider nicht berücksichtigt. Die Qualität des Artikels leidet leider auch unter der einseitigen Recherche: der Autor lässt nur einen einzigen Arzt zu Wort kommen. Renommierte Experten für Prostatakrebs teilen dessen Meinungen nicht.

von Wuffel am
27.10.2011, 16:33

Brachytherapie der Prostata

Laut Klinik Siloah ist die Brachytherapie "innovativ, erfolgversprechend und schonend". 1. Innovativ - ist die Therapie vielleicht für die Klinik Siloah: in der Schweiz wird sie seit über 10 Jahren angeboten, in anderen Ländern ein paar Jahrzehnte länger. In den USA ist sie die häufigste Therapie beim früh diagnostizierten Prostatakarzinom. Der Begriff "innovativ" kann hier also in den Bereich Werbesprüche eines Dienstleistungsanbieters einsortiert werden. 2. Erfolgversprechend - gemäss den im Artikel genannten Zahlen ist die Brachytherapie bei einer allgemein sehr gut heilbaren Erkrankung bzgl. Überlebens genauso gut wie alle anderen Alternativen. Da darf man das Wort "erfolgversprechend" doch durchaus gebrauchen. 3. Schonend - gemäss den im Artikel genannten Zahlen führt die Brachytherapie zu weniger Nebenwirkungen (Impotenz, Inkontinenz) als die Operation. Was sonst verstehen Sie unter "schonend"? Es fällt auf, dass die geringeren Nebenwirkungen im Text des Artikels leider unterschlagen werden ("Auch das Bestrahlen führt oft zu Impotenz"). Im Artikel wird bemängelt, dass es keine randomisierten Studien gebe, die den Vorteil der Brachytherapie belegen. Mir sind auch keine solchen Studien zu den anderen Therapiemodalitäten bekannt. Im Artikel fehlt leider auch der Hinweis auf die randomisierten Studien, die den Vorteil des von Herrn Marti empfohlenen Nichtstuns belegen. Herr Marti dürfte mit seiner Ablehnung von Vorsorgeuntersuchungen unter onkologisch tätigen Ärzten wohl eher zur Minderheit gehören. Dass der Saldo diese Meinung als die eines "Experten" hinstellt, dürfte leider nicht dazu beitragen, dass sich die derzeitige Situation (die Schweiz hat weltweit mit die höchste Sterblichkeit an Prostatakrebs) verbessert. Zusammenfassung: der Artikel ist ungenügend recherchiert und ungenügend geschrieben. Diese Ausgabe des Saldo ist als Postwurfsendung in meinem Briefkasten gelandet - wohl um mich als Abonnenten einzuwerben. Dieses Ziel wurde sicherlich meilenweit verfehlt.

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