Trotz Skihelm viele Unfälle

K-Tipp 02/2012 vom 24. Januar 2012 | aktualisiert am 25. Januar 2012

von Daniel Jaggi, Redaktor K-Tipp

2001 trug in der Schweiz nur jeder zehnte ­Wintersportler einen Helm. Heute sind es acht von zehn. Doch die Zahl der Kopf­verletzungen ist nicht gesunken.

Die Werbung war eindrücklich: Auf riesigen Plakaten brausten Rega-Helikopter über einen Skifahrer hinweg. Die Botschaft: Wer keinen Helm trägt, landet im Spital. Über 4 Millionen Franken kostete die dreijährige Präventionskampagne der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU). Heute tragen acht von zehn Schneesportlern einen Helm.

Doch in den Statistiken von BfU und Suva sind gleich viele Kopfverletzungen ausgewiesen wie vor acht Jahren, als die erste Präventionskampagne lief. Jährlich rund 1000 Per­sonen, so die Suva. Auch die Heilungskosten blieben ziemlich konstant – über 50 Millionen Franken.


Dafür gibt es verschiedene mögliche Ursachen:


Zu schnelles Fahren
: Samuel Rhyner, seit 30 Jahren Rettungschef bei den Bergbahnen Elm GL: «Früher gab es Buckelpisten. Da hatten wir mehr Unterschenkel- und Knieverletzungen. Heute sind die Pisten glattgewalzt – es wird schneller gefahren.» Dies führe zu mehr Kopfverletzungen.


Risikofreudiger wegen Helm
: Es gibt zwar keine wissenschaftlichen Stu­dien, die belegen, dass die Risikobereitschaft bei Skifahrern mit Helm grösser ist. Hinweise liefern aber Untersuchungen bei Autolenkern: Eine Studie der technischen Universität in Eindhoven (NL) hat gezeigt, dass angeschnallte Autofahrer mehr Risiken in Kauf nehmen als nicht angeschnallte: Die gleichen Lenker fuhren mit Gurt deutlich schneller.


Wenig Schutz bei hohem Tempo
: In einer Studie der Schweizerischen Arbeitsgruppe für Unfallmechanik wurde festgestellt, dass schon bei einem Zusammenprall mit 30 Stundenkilometern trotz Helm ein «erhebliches ­Verletzungsrisiko» besteht. Nachgewiesen ist auch: Auf den Skipisten beträgt die Geschwindigkeit im Durchschnitt 35 km/h (siehe Kasten). Die EU-Norm verlangt, dass Skihelme für ihre Zulassung nur einem Aufprall bei 10 bis maximal 14 km/h standhalten müssen (siehe K-Tipp 1/10).


Schneemangel erhöht Unfallzahl
: Das Institut für Sportwissenschaft der Uni Innsbruck (A) stellte fest, dass die Zahl der Kopfverletzungen um 8 Prozent gestiegen ist. Dies, obwohl die Helmtragquote statt 50 nun 70 Prozent beträgt. Studienleiter Gerhard ­Ruedl: «Der Schneemangel führte zu härteren Pisten und klei­neren Sturzräumen neben der Piste.»


Heikle Funparks
: In den letzten Jahren sind massiv mehr Funparks mit Sprüngen, Halfpipes usw. erstellt worden. Österreichische, französische und norwegische Studien zeigen: In Snowparks gibts trotz Helm gravierendere Kopfverletzungen als auf normalen Pisten.

Duri Gianom, Chefarzt Chirurgie im Spital Samedan GR, relativiert die Suva-Zahlen: Die leichten Kopfverletzungen seien tatsächlich nicht zurück­gegangen. «Aber schwere Kopfverletzungen sehen wir weniger.»    Daniel Jaggi


Beinahe blind auf der Piste


Viele ohne Brille unterwegs: Jeder zweite Wintersportler trägt im Alltag eine Brille für die Ferne oder Kontaktlinsen. Beim Skifahren oder Snowboarden verzichtet aber die Hälfte von ihnen darauf. Dies ermittelte Jendrusch Gernot von der Ruhr-Universität Bochum (D) bei einer Befragung von knapp 4000 Sportlern.


Hohe Tempi auf der Piste
: Die Suva hat kürzlich das Fahrverhalten von über 22 000 Schneesportlern untersucht. Die Durchschnittsgeschwindigkeit betrug 35 Stundenkilometer. Dies entspricht bei einem Aufprall einer Fallhöhe von rund 5 Metern. Die durchschnittliche Höchstgeschwindigkeit war sogar 62 km/h, was einer Fallhöhe von rund 15 Metern entspricht.

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Kommentare

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von Nendaz am
26.01.2012, 20:14

Verhalten wie bei Winterpneus...

da kommt Lust auch auf, etwas mehr aufs Gaspedal zu drücken, die Reifen sind ja Winttertauglich. Beim Skihelm macht scheinbar das gleiche Verhalten Schule.Und wer hats erfunden : Webetexter der BFU ,mit viel Geld den Umsatz angekurbelt, die Krankenkassen werden wohl es danken. Mehr psychologisches Einfühlvermögen und weniger Gewinnsteigerung hätte da das Problem auch etwas entschärft, denn ein Helm auf dem Kopf regt nicht immer zum Denken an.

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