Töffs: Motorenlärm bis zur Schmerzgrenze

saldo 06/2011 vom | aktualisiert am

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Die Motorräder auf Schweizer Strassen sind lärmiger, als das Gesetz erlaubt. Schuld sind die Testverfahren und die Tricks der Töffhersteller.

Für viele Motorradfahrer ist der Klang so wichtig wie die Geschwindigkeit. Ob das Dröhnen einer Harley-Davidson oder das Kreischen einer ­Kawasaki – wer mit dem Töff unterwegs ist, will das Sound­erlebnis geniessen.

Sogenannte Sounddesigner suchen für die Töffhersteller nach einem besonderen, charakteristischen Ton der Maschinen – am Motor oder am Auspuff. Für Anwohner und Passanten ist dieser Motorenlärm Tortur pur.

Hersteller nützen Schwachstellen beim Prüfverfahren aus

Zwar legt das Gesetz den Lärmgrenzwert je nach Grösse der Motoren fest. Doch dies reicht offenbar nicht. Emanuel Schubiger, Chefexperte im Strassen­verkehrsamt des Kantons Zürich, bestätigt: «Grenzwerte ­allein nützen nichts.

Denn oftmals tricksen die Hersteller sportlicher Fahr­zeuge und die Zubehör­industrie das Gesetz aus.» Die Hersteller wissen, dass die Lautstärke des Motorrads nur bei einer bestimmten Drehzahl gemessen wird:

Der Töff beschleunigt ab 50 Kilometer pro Stunde und fährt ein­mal im zweiten und einmal im dritten Gang am Messgerät vorbei. Doch wie laut der Motor bei hohen Geschwindigkeiten und in anderen Gängen tönt, prüft niemand.

Diese Grauzone nützen die Hersteller aus und ver­leihen ihren Maschinen bei grösserer Beschleunigung oft einen deutlich lauteren Sound.

Experte Emanuel Schu­bi­ger weiss, wie das geht: «Die Lautstärke der Motorräder lässt sich oft elektronisch oder durch ein Klappen­system am Auspuff verstärken.» Für ihn besteht hier ein «gesetzlicher Handlungsbedarf».

Hersteller wie BMW oder Yamaha dementieren auf Nachfrage von ­saldo ein solches Vorgehen. Auch beim Strassenverkehrsamt Bern kennt man die Schwächen der heutigen gesetzlichen Regelung. So zum Beispiel bei einer Harley-Davidson.

Sie röhrte wegen eines neuen Auspuffs deutlich lauter als üblich. Die Tester des Strassenverkehrsamtes beanstandeten dies und verlangten, der Auspuff müsse abmontiert werden. Doch das Recht lag trotz zu hoher Lautstärke auf Seiten des Harley-Besitzers: Innerhalb der Messungen beim Prüfverfahren war das Motorrad normal laut.

Manche Töfffahrer umgehen ausserdem das Gesetz, indem sie für die Prüfung kurzfristig einen lauten Auspuff gegen ein normales ­Modell ersetzen. In Diskussionsforen im Internet er­örtern Motorradfahrer, welche kantonalen Strassen­verkehrsämter lascher kontrollieren als andere.

Selbst wenn die Töffs die Grenzwerte einhalten, können die Maschinen die Ohren schädigen: Die Lärmgrenzwerte für Motorräder sind höher als jene für Autos. In der Schweiz gelten laut dem Bundesamt für Strassen dieselben Richt­linien wie in der EU.

Sie besagen zum Beispiel, dass ein Motorrad über 175 Kubikzentimeter Hubraum 80 Dezibel laut sein darf. Bei ­einem Personenwagen liegt der Grenzwert dagegen bei 74 Dezibel. Zur Veranschaulichung: 10 Dezibel Unterschied entsprechen einer Verdoppelung der Lautstärke.

Bundesrat will an den bestehenden EU-Normen festhalten

Beim Bundesamt für Strassen erklärt man den Unterschied damit, dass sich der Motor beim Auto besser isolieren lässt als beim Töff. Die Mängel der Testverfahren für Motorräder kennt man jedoch: «Die Prüfungsmethoden gibt es schon ­länger, die Technologie der Motorräder hat sich aber inzwischen weiterentwickelt», sagte Astra-Sprecher Antonello Laveglia.

In einer Motion fordert die grüne Basler National­rätin Anita Lachenmeier-Thüring tiefere Grenzwerte für Lärm- und Abgasemissionen bei Motorrädern. Doch der Bundesrat empfiehlt die Ablehnung der Motion. Er will weiterhin an den EU-Richt­linien festhalten.

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Kommentare

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von relies am
31.03.2011, 14:05

Schade, liebe Saldo-Redaktion

Ich schätze die differenzierte Berichterstattung des Saldo sehr, dieser Artikel ist mir aber sauer aufgestossen: Die Aussage am Anfang "wer mit dem Töff unterwegs ist, will das Sound­erlebnis geniessen", ist eine unnötige und unrichtige Verallgemeinerung und verunglimpft ALLE Motorradfahrer als lärmende Krawallbrüder (und -schwestern?). Aus eigener Erfahrung (fahre seit 30 Jahren Töff) möchte ich dieser Aussage entschieden widersprechen. Natürlich gibt es die Krachmacher. Aber genausowenig, wie alle Schweizer, die mal Bier/Wein trinken, in eine Reihe mit Koma-Trinkern gestellt werden wollen, möchte ich in eine Reihe mit diesen gestellt werden. In meiner ganzen Töffzeit war und bin ich immer froh, eine LEISES Motorrad zu fahren und ich kenne etliche, die genauso denken. Leider ist es oft eine kleine, aber (leider) deutlich wahrnehmbare Minderheit, die das Image der ganzen Gruppe prägen... Die Zahl der Biker, die - wie beschrieben - vor und nach der Fahrzeugprüfung jeweils den Auspuff wechseln, dürfte allerdings verschwindend klein sein. Ausserdem geht diese Aussage am Tenor des Artikels gänzlich vorbei: Sie erreichen diese Gruppe mit stärkeren Lärmbegrenzungen ohnehin nicht, da sie sich schon heute nicht um bereits bestehende Grenzwerte kümmert. Was hat das also in diesem Artikel zu suchen? Bitte mich nicht misszuverstehen: Die Kernaussage des Artikels, dass es sinnvoll ist, neue Regeln für die Lärmbegrenzung aufzustellen unterstreiche ich voll und ganz, ich ärgere mich lediglich über die Pauschalisierung, die eine gute Zeitung wie Ihre sicher nicht nötig hätte.

von Ogni65 am
29.03.2011, 22:34

Verhältnissmässigkeit

Wieviel Motorräder gibt es denn in der Schweiz und wieviel werden davon auch regelmäßig gefahren ? Ich finde man soll nicht mit Kanonen auf Spatzen schiessen. Wenn man auf dem Motorrad schon oft nicht gesehen wird so wird man dann hoffentlich gehört, somit trägt das Geräusch auch zur Sicherheit bei. Ich denke es gibt derzeit Wichtigeres für die Grünen als Motorräder und 4x4 ...

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