Sparmassnahmen treffen die Patienten

saldo 6/2004 vom 31. März 2004

von Nadine Woodtli

Rationierung in der Medizin - ein Tabuthema. Doch im Versteckten rationieren die Spitäler bereits. Kassensturz zeigt, wo die Sparmassnahmen die Patienten direkt treffen.

Klaus Lutz ist Bluter, er ist auf Gerinnungsmedikamente angewiesen. Doch diese waren bis Mitte der 80er-Jahre mit Hepatitis C verseucht und zerstörten seine Leber. Nur eine Transplantation kann den 49-jährigen St. Galler retten, berichtete der Kassensturz vor drei Wochen. Während der Operation braucht er Novoseven, das teuerste Gerinnungspräparat überhaupt: 850 000 Franken soll das kosten. Doch keiner will zahlen - weder das Zürcher Unispital noch der Heimatkanton und schon gar nicht die Kasse. Lutz ist verzweifelt: «Wegen der verseuchten Gerinnungsmedikamente habe ich eine kaputte Leber, und jetzt soll die Operation ausgerechnet an den hohen Kosten eines Gerinnungsmedikamentes scheitern.»


Sparmassnahmen beim Material und bei der Pflege

Der Kassensturz-Beitrag über Klaus Lutz hat bei den Zuschauern für viele Emotionen und eine Flut von Zuschriften gesorgt. Und er hat auch etwas bewirkt: Der 49-Jährige bekam doch noch grünes Licht für eine Transplantation. Ende gut, alles gut? Nein: Die Leidensgeschichte des Klaus Lutz zeigt, dass heute nicht mehr jeder selbstverständlich jede Behandlung bekommt.

«Rationierung ist ein absolutes Tabuthema, und doch ist sie Tatsache», sagt Medizinethikerin Ruth Baumann-Hölzle vom Zürcher Institut Dialog Ethik. Sie leitet Ethikforen in Spitälern und weiss, wo diese heimlich sparen. «Allgemein versicherte Patienten erhalten zum Beispiel gewöhnliche Metallimplantate, privat Versicherte solche aus Platin.» Das führe zu absurden Situationen: «Ein 35-Jähriger bekommt einen qualitativ schlechteren Herzschrittmacher als ein privat versicherter 97-Jähriger.»

Sparmassnahmen auch in der Pflege: Bei Patienten, die sich nachts selbst gefährden könnten, macht das Pflegepersonal normalerweise sogenannte Sitzwachen. Jedoch: «Ein Spital kann es sich immer weniger leisten, Personal neben einen Patienten zu setzen», weiss die Medizinethikerin. «Stattdessen werden Kranke medikamentös ruhig gestellt oder mit Hand- und Fussgurten angebunden.»

Der Luzerner Gesundheitsdirektor Markus Dürr gehört zu den wenigen Politikern, die es wagen, das Wort Rationierung laut auszusprechen. Das Budget des Kantonsspitals Luzern ist letztes Jahr um 13 Millionen Franken gekürzt worden. Das hat Folgen. Etwa in der Kardiologie bei den sogenannten Stents, den winzigen Metallgittern, die ein Herzgefäss stützen. Es gibt Stents für über 3000 Franken, die mit Medikamenten beschichtet sind, und unbeschichtete für 1700 Franken. Dazu Dürr: «Wir können es uns nicht leisten, stets das teurere Modell zu implantieren.» Auch wenn dieses auf die Dauer weniger Komplikationen verursacht.


Billigeres Medikament - geringere Lebenserwartung

Ein weiteres Beispiel sind Krebsmedikamente. 1998 gab das Kantonsspital Luzern 770 000 Franken für Krebsmedikamente aus. Fünf Jahre später sind es 3,7 Millionen Franken - fünfmal mehr. Dürr sieht hier eine mögliche Sparmassnahme. «Wir haben zwei Medikamente, die wir bei Hirntumoren anwenden», sagt der Gesundheitsdirektor. «Beim einen kostet die Behandlung 21 000 Franken, beim anderen 1800 Franken» - also einen Bruchteil der kostspieligen Variante. Mit dem teureren Medikament hat der Krebskranke laut Dürr eine Lebenserwartung von sieben Monaten, beim billigeren sechs. Für den Gesundheitsdirektor stellt sich die Frage:
«Ist das Geld, das wir für diesen einen Monat ausgeben, richtig angelegt?»


Faire Verteilung der beschränkten Mittel nicht gewährleistet

Der Entscheid, bei wem zu sparen ist, liegt heute in der Verantwortung der Ärzte. Für Ruth Baumann-Hölzle eine unhaltbare Situation: «Es darf doch nicht sein, dass Ärzte Rationierungsentscheide fällen müssen. Das ist nicht ihre Aufgabe. Eine faire Verteilung der Mittel ist so nicht sichergestellt.»

Deshalb verlangt der Luzerner Gesundheitsdirektor Markus Dürr klare Kriterien: «Ich fordere, dass die Gesellschaft endlich anerkennt, dass die Spitäler bereits verdeckt rationieren. So können wir nicht weitermachen. Es muss offiziell geregelt sein, wie die beschränkten Mittel einzusetzen sind.»
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