SBB frohlocken über Leistungsabbau

K-Tipp 07/2019 vom

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Der SBB-Plan scheint aufzugehen: Langsam, aber sicher verleidet den Bahnkunden der bediente Schalter. Und der Automat.

Schalter zu: Die Bahnkunden werden dazu gezwungen, die Billette digital zu kaufen (Bild: KEYSTONE)

Schalter zu: Die Bahnkunden werden dazu gezwungen, die Billette digital zu kaufen (Bild: KEYSTONE)

Via Nachrichtendienst Twitter zitierte die SBB-Medienstelle kürzlich ihren Chef Andreas Meyer: «Unglaubliche Verlagerung auf die mobilen Kanäle. 41,2 Prozent der Verkäufe über digitale Kanäle. Starke Rückgänge am Auto­maten. Das erstaunt nicht, denn man hat den Auto­maten in der Hosentasche.»

Unglaubliche Verlagerung? Was erfreulich tönt, hat einen wenig erfreu­lichen Hintergrund – den Leistungsabbau auf breiter Front:

Schalter zu: 2002 be­trieben die SBB noch an 334 Bahnhöfen eigene Schalter. Vergangenes Jahr waren es gerade noch 156 – minus 53 Prozent.

Kürzere Öffnungszeiten: In Bern – immerhin der zweitwichtigste Bahnhof des Landes – schliessen die Schalter um 21 Uhr. Am Wochenende sogar schon um 20 Uhr. An vielen ­kleineren Bahnhöfen sind die Schalter am Sonntag zu, an manchen sogar schon am Samstag.

Längere Wartezeiten: Wers trotzdem in eine ­offene Schalterhalle schafft, steht sich dort die Beine in den Bauch. Denn meist sind nur wenige Schalter offen. Die Wartezeiten betragen ohne weiteres eine halbe Stunde.

Abgewiesene Kunden: An den Eingängen zu den Schalterhallen lauern oft SBB-Angestellte den Kunden auf. Ihre einzige Aufgabe: Die Kunden davon abhalten, dass sie an den Schalter gehen, indem sie ihnen die angeblichen Vorzüge der Automaten ­erklären.

Digitale Sparbillette: Wer von einem Sparbillett profitieren möchte, muss es auf dem elektronischen Weg kaufen. Die vergünstigten Tickets gibt es weder am Schalter noch am Auto­maten.

Abgebaute Automaten: Viele Automaten sind am Ende ihrer Lebensdauer angelangt. Ein Teil davon soll nicht mehr ersetzt werden. Vor allem auf dem Land.

Mit anderen Worten: Die SBB zwingen ihre Kunden systematisch dazu, ihre ­Tickets auf elektronischem Weg zu beschaffen. Und dann tun sie so, als ob es die freie Entscheidung der Kunden gewesen wäre. 

Die SBB behaupten gegenüber dem K-Tipp: «Wir wollen den Billettkauf ­weder erschweren noch unattraktiv gestalten. Immer mehr Kunden nutzen die digitalen Kanäle.» Das sei bequem und unkom­pliziert.

Ab 2025 solls nur noch digitale Billette geben

Doch der «Projektauftrag», den der K-Tipp im ver­gangenen Herbst bekannt machte, spricht eine ­andere Sprache (K-Tipp 15/2018). Dort schreibt die Tarif­organisation CH-direct: Bis 2025 sollen «Papiertickets und die entsprechenden Vertriebskanäle weitest­gehend abgeschafft sein». Mit den Vertriebskanälen sind Schalter und Auto­maten gemeint.

Und die SBB sind auf ­gutem Weg, das selbst­gesteckte Ziel zu erreichen. Zwar verkaufen sie noch immer über 55 Prozent ­ihrer Billette am Schalter und am Automaten. Doch die Tendenz ist abnehmend. Vor fünf Jahren waren es noch fast 83 Prozent.

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