Polyarthritis - Ich will mich nicht in den Schmerzen verkriechen"

saldo 6/2000 vom

Mit 27 Jahren erkrankte Esther Rudischhauser an Polyarthritis. Trotz vieler Operationen und Therapien sind die schmerzhaften Entzündungen nie ganz abgeklungen.

Während 14 Jahren war der Schmerz Esther Rudischhausers ständiger Begleiter. "Wie kleine Explosionen, heiss und intensiv", beschreibt die 45-Jährige die Entzündungen in den Gelenken. Ihre Nächte verbrachte sie damit, "die Lichtlein im Dorf zu zählen, um den Schmerz zu vergessen". Und sie biss die Zähne zusammen, hielt durch, war stark. So stark, dass kaum jemand merkte, wie sehr sie litt.

Zweimal wurden in dieser Zeit ihre Füsse operiert, zweimal ihre rechten Fingerge-lenke, dann beide Knie, beide Ellbogen, die rechte Schulter, das rechte Grund- und das rechte Handgelenk. "Dazwischen musste ich unzählige Rheumaknoten entfernen lassen und immer wieder neue Medikamente nehmen." Die fröhliche Frau mit den sprechenden Augen betrachtet ihre Hände: Sie sind sorgfältig gepflegt, man sieht kaum Narben. Nur Knötchen und die nach innen verkrümmten Finger lassen auf ihre Krankheit schliessen.

Seit neun Jahren arbeitet die gelernte Verkäuferin nicht mehr. Ihr Chef habe nicht mehr mit ansehen können, wie sehr sie sich quälte. Zum Beispiel dann, wenn sie einem Kunden der Herrenboutique das Hosenbein absteckte. Sie steht auf und demonstriert die Bewegung, beugt den Rücken vor, streckt die Arme aus. Weiter kommt sie nicht, sie kann nicht tiefer in die Knie. "Der Chef hat mein schmerzverzerrtes Gesicht in solchen Situationen nicht mehr ausgehalten." Eigentlich wollte sie noch weiterarbeiten, aber schliesslich habe sie es eingesehen und Invalidenversicherung bezogen.


Die Ärzte haben von einer Schwangerschaft abgeraten

Langweilig ist es ihr zu Hause nicht. Schliesslich brauche sie mit ihrer Krankheit sehr viel Zeit, um den Haushalt zu erledigen, sagt Esther Rudischhauser. "Deshalb ist es wohl richtig, dass mein Mann und ich keine Kinder haben duften." Die Ärzte hätten davon abgeraten - wegen der Nebenwirkungen der Medikamente in der Schwangerschaft. Natürlich sei es hart gewesen. Aber wenn sie ihre dreijährige Nichte anschaue, wie die überall herumspringe ... "Da käme ich nicht nach, ich mit meinen Gelenken."


Morphium brachte endlich Erlösung von den Schmerzen

Dann endlich, nach 14 Jahren ununterbrochenen Schmerzen und unzähligen Therapien, kam die Erlösung: "Ich durfte Morphium nehmen." Esther Rudischhauser durchbrach den Schmerzkreislauf und begann eine neue Behandlung mit Medikamenten. Zudem trainierte sie regelmässig mit einer Physiotherapeutin, die auf entzündliche Krankheiten spezialisiert ist. Ihr Zustand verbesserte sich rasch. Als sie zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder auf den Skiern stand, war das "ein wahnsinniger Traum - ein Wunder".

Genauso eisern, wie sie bis anhin die Schmerzen ertragen hatte, arbeitete sie jetzt daran, sie loszuwerden. Und sie blieb stark: "Mein Mann musste am Mittag nie kalt essen." Auch wenn ihr wegen des Morphiums speiübel gewesen sei, gekocht habe sie immer.

Doch als sie dann ein weiteres Mal an den Füssen operiert werden musste, fiel sie in ein tiefes Loch: Plötzlich wurde ihr bewusst, dass sie mit ihrer chronischen Krankheit wohl nie ein Leben ohne Operationen und Medikamente würde führen können - trotz aller Disziplin. Und zum ersten Mal gestand sie sich ein, wie sehr sie darunter litt. "Alle glaubten, ich käme gut mit meinem Leiden zurecht." Sie sucht nach Worten und sagt leise: "Dabei sehnte ich mich immer so nach einem ganz normalen Leben." Nur mit Hilfe einer Psychotherapie konnte sie diese Sehnsucht endlich zulassen - und auch die Traurigkeit darüber, dass sie wohl nie ganz Realität werden würde.

"Ich will mich nicht mehr in meinen Schmerzen verkriechen, sondern mich auch ab und zu darüber beklagen", sagt Esther Rudischhauser heute. "Aber wenns einigermassen geht, schöpfe ich das Leben aus allen Kübeln."

Lisa Stadler
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