«Mein Kopf hämmerte, der Unterleib schmerzte»

Gesundheitstipp 10/2006 vom

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Als «modern, intelligent und sanft» bewirbt Hersteller Schering die Hormonspirale Mirena. Die Erfahrungsberichte vieler Frauen klingen anders: Sie sprechen von Schmerzen, Depression und Gewichtszunahme.

Zum Aufstehen ein Ponstan: Ohne die Schmerztablette kam Muriel Vögtli nicht aus dem Bett. «Mein Kopf hämmerte, der Unterleib und die Gelenke schmerzten, Hände und Füsse fühlten sich taub an. Auch mein Herz raste», erzählt sie. Während ihrer Monatsregel litt sie zusätzlich an starken Blutungen und Schweissausbrüchen. Die dreifache Mutter wusste nicht mehr weiter. Ihr Frauenarzt sagte, dass die Hormonspirale Mirena nichts damit zu tun habe. Vermutlich seien seelische Gründe für ihre Probleme verantwortlich. Doch Muriel Vögtli fühlte sich seelisch im Gleichgewicht.

Klarheit brachte schliesslich ein Gespräch mit der Schwägerin. Sie hatte unter den gleichen Symptomen gelitten - bis sie Mirena entfernen liess. Vögtli tat es ihr gleich, seither geht es ihr gut. Eineinhalb Jahre dauerte ihre Leidenszeit: «Ich bin heilfroh, dass alles vorbei ist.»


Hunderte Frauen berichten ihre Leidensgeschichte

Mit diesen Erfahrungen ist die junge Frau nicht allein: Klickt man im Internet in Frauen- und Gesundheitsforen, trifft man auf hunderte Berichte von Frauen mit ähnlicher Leidensgeschichte. «Nie wieder Mirena», schreibt Evchen auf der Website hormonspirale-forum.de. Und Mira bezeichnet die Zeit mit Mirena als «die Hölle - die Hormonspirale hat mir zwei unbeschwerte Jahre meines Lebens geraubt».
Die zahlreichen Frauen berichten oft, dass der Arzt sie nicht über allfällige Nebenwirkungen aufgeklärt habe. Junge Frauen schreiben von starken Wechseljahrbeschwerden.


Nach rund drei Monaten wird die Menstruation schwächer

Mirena gilt unter manchen Ärzten als der Rolls-Royce unter den Verhütungsmitteln. Die Spirale besteht aus einem T-förmigen Kunststoffteil und einem kleinen Zylinder, der konstant das Gelbkörperhormon Gestagen abgibt. Hersteller Schering preist folgende Vorteile: Der Empfängnisschutz halte fünf Jahre, sei sehr sicher und die tägliche Hormondosis gering. Nach etwa drei Monaten werde die Menstruation zudem schwächer - und bei jeder fünften Frau bleibe sie gleich ganz weg. Viele Frauen erachten dies als Vorteil.

Bei der Frauenberatungsstelle Appella aber melden sich oft Patientinnen wegen der Hormonspirale: «Sie sind verunsichert und suchen Hilfe», so Franziska Wirz von Appella.

Beim Frauengesundheitszentrum in Graz (A) melden sich pro Jahr mittlerweile mehrere hundert Frauen wegen Problemen mit Mirena, so Geschäftsführerin Sylvia Groth. «Am häufigsten sind Nebenwirkungen wie Akne, Zysten, Gewichtszunahme, Brustschmerzen und Lustlosigkeit.»

Auch Groth fällt auf, wie schlecht viele Ärzte ihre Patientinnen über diese Verhütungsmethode informieren. Allfällige Nebenwirkungen würden sie oft völlig ausklammern. «Bis eine Patientin auf die Idee kommt, dass ihre Beschwerden mit Mirena zusammenhängen könnten, dauert es deshalb Monate oder gar Jahre», sagt Groth.

In der Packungsbeilage von Mirena sind zwar etliche Nebenwirkungen aufgeführt. Den Beipackzettel bekommen aber viele Patientinnen gar nicht zu Gesicht. Nach dem Einlegen der Mirena landet er oft mit der Packung im Abfalleimer der Arztpraxis.

Vor «häufigen hormonellen Effekten wie Depression oder Akne» warnte bereits 1997 die deutsche Fachzeitschrift «Arznei-Telegramm». Und vor vier Jahren fiel der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft «die Häufigkeit von Berichten über Komplikationen nach dem Einlegen von Mirena» auf. Ärzte meldeten fünfhundert Fälle. Die am meisten genannte Komplikation: Gebärmutterdurchbruch. Oft war Mirena auch vom Körper ausgeschieden worden. Der Arzneimittelkommission erschienen diese möglichen Komplikationen als «gravierend».

Zwar empfiehlt Mirena-Herstellerin Schering ihre Spirale vor allem Frauen, die bereits geboren haben, keine weiteren Kinder möchten, unter starken monatlichen Blutungen leiden oder in die Wechseljahre kommen.
Trotzdem raten Frauenärzte häufig auch jüngeren, kinderlosen Patientinnen zu dieser Spirale. «Das ist fragwürdig», so Gabriele Merki, Oberärztin des Universitätsspitals Zürich. Der Grund: Kinderlose junge Frauen sind anfälliger für sexuell übertragbare Krankheiten. «Frauen, die schon einmal geboren haben und in einer stabilen Partnerschaft leben, können jedoch von den Vorteilen der Mirena profitieren», so Gabriele Merki. Als speziell wichtig bezeichnet die Oberärztin eine gute Vorabklärung und eine umfassende Beratung.
Laut Schering ist Mirena im Allgemeinen gut verträglich. «Eine internationale Studie an über 17 000 Frauen zeigt eine hohe Zufriedenheit mit Mirena», schreibt die Medienverantwortliche von Schering, Caroline Schneider. Praktisch das gleiche Ergebnis zeige auch die Auswertung von fast 500 befragten Mirena-Anwenderinnen in der Schweiz: 84 Prozent seien mit der Hormonspirale «sehr zufrieden».


Schering: Ärzte müssen über Nebenwirkungen informieren

Es gebe jedoch einen starken Zusammenhang zwischen der Vorinformation über mögliche Nebenwirkungen von Mirena und der Zufriedenheit, heissts bei Schering in der Stellungnahme weiter. Es sei deshalb wichtig, Patientinnen über unerwünschte Wirkungen zu informieren. Dazu könnten Blutungsstörungen gehören, aber auch Kopfschmerzen, Brustspannen, Akne, Bauchschmerzen und Stimmungsschwankungen. «Diese klingen mit der Zeit meist ab.»

Muriel Vögtli wäre dankbar gewesen für eine solche Information. «Meine Leidenszeit von eineinhalb Jahren wäre mir dann erspart geblieben.»


Merkblatt Verhütung
Gratis zum Herunterladen unter www.gesundheitstipp.ch oder zu bestellen gegen ein frankiertes C5-Antwortcouvert bei: Redaktion Gesundheitstipp, «Verhütung», Postfach 277, 8024 Zürich

Infos zum Thema im Internet
www.hormonspirale-forum.de
www.fgz.co.at
www.appella.ch



Was sind Ihre Erfahrungen mit der Hormonspirale?

Schreiben Sie uns Ihre Meinung: Redaktion Gesundheitstipp, «Spirale», Postfach 277, 8024 Zürich oder redaktion@gesundheitstipp.ch
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