Mehr Leukämiefälle bei AKW

Gesundheitstipp 02/2012 vom

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In der Umgebung von Atomkraftwerken erkranken mehr Kinder an Leukämie: Das zeigt jetzt auch eine wissenschaftliche Arbeit aus Frankreich.

Vierzehn Kinder im Alter bis 15 Jahre erkrankten an Leukämie. Sie wohnten in der Nähe eines französischen Atomkraftwerks (AKW). Die Krebs­forscherin Jacqueline Clavel hätte aufgrund des nationalen Durchschnitts nur sieben Leukämiefälle erwartet. Clavel hat in Frankreich die Leukämiezahlen von 2002 bis 2007 ausgewertet. Ihre Untersuchung zeigt: Im Umkreis von 5 Kilometern um die Atomkraftwerke ist das Risiko, dass Kinder an Leukämie erkranken, doppelt so hoch wie in weiter entfernten Gebieten.

Clavels Studie ist nicht die erste wissenschaftliche Arbeit zu diesem Thema. Schon vor vier Jahren hatte eine deutsche Studie ein ähnliches Ergebnis gezeigt: Damals hatte Forscherin Maria Blettner heraus­gefunden, dass Kinder, die in der Nähe von AKW aufwachsen, öfter an Krebs und Leukämie erkrankten (Gesundheitstipp 2/2008) als andere. Vor einem Jahr hatten Messungen des Gesundheitstipp gezeigt, dass aus Schweizer AKW radioaktive Stoffe in die Umgebung gelangen (Aus­gabe 5/2011).


Geburten: Weniger Mädchen

Für die französische Umweltschutzgruppe «Sortir du nucléaire» zeigt Clavels Studie «sehr klar», dass die Häufigkeit der Leukämie zunimmt, je näher Kinder bei einem AKW wohnen. Der deutsche Forscher Hagen Scherb vom Münchner Helmholtz-Zentrum sagt: «Die französische Studie ergänzt und erhärtet die früheren Arbeiten, insbesondere die deutsche Studie.» Bemerkenswert sei für ihn Clavels Aussage, dass die vielen Leukämie-fälle die Folge eines «noch un­bekannten Strahlenfaktors» sein könnten. Ein solcher Strahlenfaktor würde laut Scherb auch erklären, warum in der Nähe von deutschen und schweizerischen AKW weniger Mädchen geboren werden.

Zwar zweifelt Studienautorin Clavel noch am Zusammenhang zwischen Leukämie und Strahlung: Im grösseren Zeitraum von 1990 bis 2007 habe sich in der Nähe von AKW kein erhöhtes Leukämierisiko gezeigt. Doch der deutsche Physiker Alfred Körblein widerspricht: Auch während jener Jahre ­seien in Frankreich vermehrt Leukämiefälle aufgetreten. Nur seien die Fallzahlen in Frankreich zu klein, um den Zusammenhang zwischen radioaktiver Strahlung und Leukämie klar zu beweisen, so Körblein. Auch die schweizerische AKW-Studie, die vor einem Jahr für Aufsehen sorgte, kam zu keinem klaren Ergebnis, weil die Fallzahlen zu gering waren. Deshalb hat Körblein jetzt die Leukämie-Zahlen in Grossbritannien, Deutschland, der Schweiz und Frankreich ausgewertet. Nun sei es erstmals möglich, nachzuweisen, dass das Leukämierisiko bei Kernkraftwerken deutlich erhöht sei.

Das Bundesamt für Gesundheit sagte dem Gesundheitstipp, es könne die französische Studie nicht kommentieren. Die Eidgenössische Kommission für Strahlenschutz und Überwachung der Radioaktivität schreibt in einer Stellungnahme: Die französischen Autoren hätten «keinen Zusammenhang» zwischen den von den AKW abgegebenen Strahlen und der höheren Zahl von Leukämiefällen nachweisen können. Zudem gebe es keine Beweise dafür, dass wegen der radioaktiven Strahlung weniger Mädchen geboren werden.   

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