Magenpillen können Allergien auslösen

Gesundheitstipp 01/2010 vom

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Pillen gegen Sodbrennen gehören zu den am häufigsten und oft unnötig verschriebenen Medikamenten. Jetzt kommt aus: Die Tabletten sind nicht harmlos. Sie können Allergien gegen Nahrungsmittel fördern und auch ungeborenen Babys schaden.

Rolf Kühne (Name geändert) drückt und sticht es im Magen, und immer wieder stösst es ihm sauer auf. Der Patient aus Thalwil ZH sagt: «Ich habe seit Jahren Magenprobleme und Sodbrennen.» Wenn er im Stress ist, viel Kaffee trinkt oder etwas Schweres gegessen hat, ist es besonders schlimm. Der Arzt stellte einen Reizmagen fest und verschrieb Kühne Pillen – sogenannte Protonenpumpenhemmer. Sie bremsen die Produktion von Magensäure und lindern das Sodbrennen. Kühne schluckte die Tabletten während Jahren – und das täglich.


Medikamente reduzieren die Magensäure stark

Das tun auch Zehntausende andere in der Schweiz und bescheren so den Pharmakonzernen ein Bombengeschäft: Die Produkte Nexium Mups und Pantozol gehören zu den am häufigsten verschriebenen Medikamenten in der Schweiz. Jedes Jahr steigen die Verkaufszahlen: Im Jahr 2000 waren es gut 943‘000 Packungen – 2009 bereits über 1‘300‘000 (siehe Grafik im pdf-Artikel). Das ist ein Zuwachs von rund 40 Prozent. Ein Ende ist nicht in Sicht: Denn seit kurzem ist Pantozol rezeptfrei erhältlich.

Die Magentabletten galten lange als harmlos. Doch jetzt sagt die Wiener Universitätsprofessorin Erika Jensen-Jarolim: «Protonenpumpenhemmer und andere Magenschutz-Präparate können Nahrungsmittelallergien auslösen oder auch verschlimmern.» Der Grund: Die Medikamente reduzieren die Magensäure so stark, dass man die Eiweisse aus der Nahrung nicht mehr richtig verdaut. Passieren kann das zum Beispiel bei Milch, Getreide, Erdnüssen und Karotten, möglicherweise auch bei Krustentieren und Eiern.

Diese unverdauten Eiweisse sensibilisieren den Körper. Betroffene reagieren dann allergisch auf das Nahrungsmittel: Die Schleimhäute schwellen an, es kommt zu Durchfall, Asthma oder im schlimmsten Fall zu einem lebensgefährlichen Schock. Auch Barbara Ballmer-Weber von der Allergiestation am Uni-Spital Zürich sagt: «Zwischen dem Säuregehalt im Magen und Allergien kann ein Zusammenhang bestehen.»

Je weniger Säure im Magen ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass die Allergene intakt bleiben und im Körper wirksam werden. Es sollten deshalb noch weitere Studien zu säurehemmenden Medikamenten und Allergien gemacht werden, um den Zusammenhang zu beweisen, wünscht sich die Ärztin.

Es gibt zudem Hinweise, dass Babys häufiger Allergien bekommen, wenn ihre Mütter während der Schwangerschaft Säureblocker geschluckt hatten. Gerade Schwangere leiden häufig unter Sodbrennen, wenn der Fötus auf den Magen drückt. Allergiespezialist Brunello Wüthrich vom Spital Zollikerberg ZH rät: «Allergisch vorbelastete Schwangere sollten mit Säureblockern zurückhaltend sein.» Die Mittel könnten beim Baby das Risiko für allergisches Asthma erhöhen.

Fachleute kritisieren schon länger, dass Ärzte die Mittel zu häufig verschreiben. Eine Untersuchung der Fachzeitschrift «British Medical Journal» kam gar zum Schluss, dass Ärzte bei bis zu 70 Prozent der Patienten die Medikamente unnötigerweise oder falsch verschreiben.


Teure Mittel werden «jedem mit Bauchweh verschrieben»

Der Magen-Darm-Spezialist Rémy Meier vom Kantonsspital Liestal BL sagt: «Jedem mit Bauchweh, Sodbrennen oder anderen unspezifischen Magenbeschwerden wird ein Protonenpumpenhemmer verschrieben.» Dabei sollten Ärzte diese teuren Medikamente sehr gezielt einsetzen, zum Beispiel bei Magengeschwüren, einer Entzündung der Speiseröhre oder um bei der Einnahme von Rheumamitteln Geschwüren vorzubeugen.

Dem stimmt Erika Jensen-Jarolim zu: «Ärzte sollten die Säureblocker aufgrund der Allergiegefahr nur verschreiben, wenn sie wirklich nötig sind und der Heilung dienen.» Protonenpumpenhemmer können weitere negative Folgen haben: Wer sie jahrelang schluckt, könnte ein höheres Risiko für brüchige Knochen haben. Zudem kann es vermehrt zu Darm- und Lungen-Infekten kommen.


Häufig genügen Hausmittel wie Kartoffelsaft

Bei Sodbrennen helfen in vielen Fällen einfache Verhaltensänderungen (siehe unten «Das hilft bei Sodbrennen»). Einigen Patienten nützen Hausmittel, beispielsweise Kartoffelsaft oder Brennnesseltee. Auch Rolf Kühne hat im Reformhaus ein alternatives Mittel gefunden, das ihm hilft: Azukibohnen. Vier der kleinen, rohen Böhnchen schluckt er unzerkaut – mit einem Glas Wasser. Das vertreibt das Sodbrennen.

Die Hersteller der Säureblocker halten ihre Produkte weiterhin für unbedenklich. Astra Zeneca, Hersteller von Antra Mups und Nexium Mups, sagt, Langzeituntersuchungen hätten bisher «zu keinen Sicherheitsbedenken» geführt. Das betont auch Nycomed Pharma, Hersteller von Pantozol. Die Firma hält es nicht für ausreichend erwiesen, dass ihr Medikament Allergien fördern und Knochen brüchig machen kann.


Tipps: Das hilft bei Sodbrennen

  • Essen Sie langsam, leicht und nicht zu viel aufs Mal.
  • Reduzieren Sie Übergewicht.
  • Sitzen Sie beim Essen aufrecht.
  • Legen Sie sich 2 bis 3 Stunden nach dem Essen nicht hin.
  • Nehmen Sie das Abendessen nicht zu spät ein.
  • Vermeiden Sie nach dem Essen körperliche Anstrengungen.
  • Tragen Sie keine engen Kleider und Gürtel.
  • Halten Sie sich zurück bei Fettem, Kaffee, Alkohol und Tabak.
  • Reduzieren Sie den Stress und wenden Sie Entspannungstechniken an.
  • Verwenden Sie Medikamente nur dann, wenn all dies zu wenig hilft.
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