Krebsgefahr im Schlafzimmer

Gesundheitstipp 11/2005 vom

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Messungen des Gesundheitstipp zeigen: In Wohnungen neben Hochspannungsleitungen herrscht erhöhte Krebsgefahr. Der Grund ist massiver Elektrosmog.

Sandra Bär (Name geändert) geht es gar nicht gut. Sie hat häufig Kopfweh, die Muskeln schmerzen und sind verkrampft. Konzentrieren kann sie sich nur mit Mühe. Für die Hausfrau aus Safenwil AG ist klar: Schuld an ihren Beschwerden ist die Hochspannungsleitung, die wenige Meter vom Haus entfernt vorbeiführt.

Vor vier Jahren kam für die 49-jährige Sandra Bär der absolute Tiefpunkt: Sie erkrankte an einem Ohrspeicheldrüsen-Tumor, der explosionsartig wuchs. «Nach zwei Wochen war er bereits so gross wie ein Hühnerei», erinnert sie sich. Die heikle Operation überstand Bär glücklicherweise ohne Folgen.

Kein Glück hatte der 9-jährige Matthias Schuwey aus Jaun FR. Er starb an Leukämie (siehe Gesundheitstipp Ausgabe Juli). Auch in Jaun führt eine Hochspannungsleitung dicht an den Häusern vorbei. Seit Bestehen dieser Leitung sind in dem kleinen Dorf zehn Menschen an Leukämie gestorben.


Leukämierisiko für Kinder verdoppelt sich

Zwischen Hochspannungsleitungen und Krebs gibt es einen Zusammenhang. Das haben zahlreiche Studien gezeigt. Und das Bundesamt für Umwelt (Buwal) schreibt: «Ab einer Langzeitbelastung von 0,4 Mikrotesla besteht ein Verdacht auf ein doppelt so hohes Risiko für Leukämie bei Kindern.»

Der Gesundheitstipp wollte es genau wissen. Er beauftragte den Baubiologen Guido Huwiler aus Maschwanden ZH, in zwölf Häusern, die unmittelbar neben Hochspannungsleitungen stehen, den Elektrosmog zu messen.

Die Messgeräte zeichneten fünf Tage lang die Magnetfelder auf. Die Resultate sind alarmierend: In sieben der zwölf Schlafzimmer ist der Elektrosmog massiv. Die Durchschnittswerte lagen über 0,4 Mikrotesla (siehe Grafiken). Den höchsten Wert mass Huwiler mit im Schnitt 1,65 Mikrotesla in Lauerz SZ. In Bärs Haus in Safenwil waren es 0,67 Mikrotesla.

Auch Familie Müller in Affoltern ZH ist gefährdet: 0,64 Mikrotesla. Vater Daniel Müller sagt, er sei oft müde. «Ob es an der Leitung liegt, kann ich nicht sagen.» Er versuche, sich nicht zu viele Sorgen zu machen. Und doch: «Es ist kein gutes Gefühl, zu wissen, dass wir so starken Magnetfeldern ausgesetzt sind.»

Alle sieben belasteten Häuser stehen weniger als 40 Meter von einer Hochspannungsleitung entfernt. Baubiologe Huwiler: «Ich kann den Menschen nicht mit gutem Gewissen empfehlen, dort weiterhin zu wohnen.»

Bei Anwohnern in der Nähe der Hochspannungsleitungen stiess der Gesundheitstipp immer wieder auf Berichte von Krankheits- oder Todesfällen. So etwa in Lauerz SZ bei der Bauernfamilie Fürst (Namen geändert). «Meine Mutter starb mit 59 Jahren an Herzversagen, als ich noch ein Bub war», erinnert sich Andreas Fürst. Als er mit seiner eigenen Familie im Haus lebte, kam der nächste Schicksalsschlag: Seine Frau erlitt einen Hirnschlag.

«Damals begann ich mich zu fragen, ob die Leitung einen Einfluss haben könnte», sagt Fürst. Wenige Jahre später hat seine Frau einen zweiten Hirnschlag. Das Paar beschliesst, den Hof zu verlassen.

Stattdessen zieht Sohn Marc ein - und bekommt Lymphdrüsenkrebs. Marc Fürst lässt sich behandeln, doch der Krebs kommt zurück. Da zieht auch er aus. Die Familie vermietet den Hof. Schon nach kurzer Zeit leidet der Mieter unter psychischen Problemen.

Andreas Fürst hat keine Zweifel: Die Hochspannungsleitung ist schuld, dass innert weniger Jahre so viele Menschen in diesem Haus schwer krank wurden. «Das ist kein Zufall mehr.»

Der Gesundheitstipp hat die Betreiber der Hochspannungsleitungen mit den Leidensberichten der Betroffenen konfrontiert. Für Lauerz und Safenwil ist die Firma Atel verantwortlich. Doch zu den Fällen von Sandra Bär und der Familie Fürst wollte sie sich nicht äussern.

Die Berner Kraftwerke BKW, Betreiber der Leitung in Jaun, schreiben, solche Leitungen seien auch anderswo vorhanden. Und dort seien keine Krankheitsfälle bekannt geworden. Zudem hätten die BKW alle Vorschriften eingehalten.

Im Zimmer des verstorbenen Matthias Schuwey ergab die Messung 0,15 Mikrotesla. Nach dem Tod von Matthias hatten die BKW am selben Ort 1,0 Mikrotesla festgestellt. Dieses Jahr massen sie in Jaun erneut. Die Ergebnisse seien den Betroffenen «dargelegt und erläutert» worden, schreiben die BKW. Dem Gesundheitstipp will das Unternehmen die Messresultate nicht bekannt geben.

In Benglen ZH, in der Wohnung von Ruth Gubser, lag die Belastung im Durchschnitt bei 1,11 Mikrotesla. Zeitweise stieg der Wert auf 4 Mikrotesla. Kein Wunder: Der Abstand von den Drähten zum Haus beträgt etwa 9 Meter.

«Manchmal hören wir das Brummen der Leitung sogar in der Wohnung», sagt Ruth Gubser. Sie selber sei häufig nervös und schlafe schlecht. Beides führt sie auf die Leitung zurück. Besonders störend findet sie, dass die Leitung unmittelbar neben einer Schule und einem Kindergarten verläuft.


Zürcher Stromfirma geht nochmals über die Bücher

Auf Nachfrage des Gesundheitstipp ist das EWZ Zürich bereit, den Verlauf der Leitung «nochmals kritisch zu beurteilen». Man warte noch darauf, dass das Buwal Vorschriften zur Sanierung erlasse. Die Stromfirma räumt ein, dass die Leitungen manchmal ein Brummen erzeugen.

Meist sind Anwohner auf das Wohlwollen der Betreiber angewiesen. Denn rechtlich haben sie wenig in der Hand. Zwar hat der Bund im Jahr 2000 Grenzwerte erlassen, welche die Bevölkerung vor Elektrosmog schützen sollen. Doch sie sind derart hoch, dass sie praktisch nie überschritten werden: Für Hochspannungsleitungen beträgt der Grenzwert 100 Mikrotesla. Dies ist das 250fache des Werts, bei dem der Verdacht auf erhöhtes Leukämierisiko bei Kindern besteht.

Immerhin: Für Leitungen, die nach 2000 gebaut wurden, gilt ein strengerer Grenzwert von 1,0 Mikrotesla. Er darf in Wohnhäusern nie überschritten werden und müsste auch für das Haus von Sandra Bär in Safenwil gelten. Doch die Belastung überstieg mehrmals die Marke von 1,0. Trotzdem ist die Leitung legal: Die Atel bekam vom Bund eine «Ausnahmebewilligung», sodass sie den Grenzwert überschreiten darf.

Oft haben Betroffene den Eindruck, dem Elektrosmog schutzlos ausgeliefert zu sein. Magnetfelder lassen sich durch dicke Mauern nicht stoppen.


Isolierte Leitungen gegen den Elektrosmog

«Magnetfelder bekämpft man am besten dort, wo sie entstehen, also an der Leitung», sagt Baubiologe Huwiler. Und das wäre durchaus möglich: Seit einigen Jahren gibt es Leitungen, die mit Gas isoliert sind. Sie werden in den Boden verlegt und verringern das entstehende Magnetfeld um rund das Vierfache. Nachteil: Sie kosten fünf- bis siebenmal mehr als Freileitungen.

Für eine günstigere Alternative setzt sich Guido Huwiler ein: Er entwarf Masten mit einer neuartigen Leitungsführung. So würde drei- bis viermal weniger Elektrosmog entstehen. «Das könnte man mit vernünftigem Aufwand realisieren.»
Huwiler hat seine Erfindung der Atel vorgeführt. Doch die Stromfirma war nicht interessiert.



Erst messen, dann handeln

Dies können Anwohner von Hochspannungsleitungen tun.
- Lassen Sie die Belastung Ihrer Wohnung messen. Kosten: Bis 600 Franken. Fachleute vermittelt das Institut für biologische Elektrotechnik, Tel. 0848 844 440 oder www.ibes.ch
- Mieter einer belasteten Wohnung sollten umziehen.
- Wohneigentümer können versuchen, Magnetfelder durch Gegenfelder kompensieren zu lassen. Kosten: mehrere tausend Franken.
- Erheben Sie Einsprache gegen Neu- und Ausbau von Leitungen. Bis zur zweiten Instanz sind Einsprachen gratis. Tipps dazu: IG Elektrosmog-Betroffene, Hans-Ulrich Jakob, Tel. 031 731 04 31 oder www.gigaherz.ch.

Buchtipp: Elektrosmog
Viele Infos und Tipps zum Thema finden Sie im Gesundheitstipp-Ratgeber «Elektrosmog», zu bestellen auf Seite 13.



So wurde gemessen

Fünf Tage lang im September, von Do 9 h bis Di 12 h. Felder von Apparaten im Haus oder Handyantennen wurden nicht mitgemessen.
0,4 Mikrotesla (µT): Verdacht auf erhöhte Krebsgefahr bei Kindern.
D = Geschätzte Distanz zwischen Messgerät und Leitung in Metern
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