Kinderwunsch: Es geht auch ohne Hormonkuren

Gesundheitstipp 09/2011 vom

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Weniger Schmerzen, keine Hormone – das ­verspricht ein neues Verfahren der künstlichen Befruchtung. Selbst Kritikerinnen der technisierten Fortpflanzung sehen ­Positives.

Die 36-Jährige Sonja Persch hat genug von der herkömmlichen künstlichen  Befruchtung. Neun Mal versuchte sie in Deutschland auf diese Weise schwanger zu werden. Ohne Erfolg. Die Ärzte pumpten sie mit Hormonen voll, bis sie «hochdrehte». Ihr wurde übel, sie hatte abrupte Stimmungschwankungen, war gereizt. Damit ihr die Ärzte Eizellen entnehmen konnten, versetzten sie die Patientin gar in Vollnarkose. Schwanger wurde Sonja Persch nicht, doch «ich kam seelisch und körperlich an meine Grenzen».

Eine In-vitro-Fertilisation (IVF) ist für Frauen ein happiger Eingriff. Hormonspritzen stimulieren den Zyklus der Frau so, dass viele Eizellen gleichzeitig reifen. Doch diese Hormone belasten die Frauen stark, können auch zu Wasseransammlungen und im Extremfall zu Nierenversagen führen. Danach folgt das schmerzhafte Absaugen der reifen Eizellen. Im Reagenzglas entstehen schliesslich viele befruchtete Eizellen, drei davon setzen die Mediziner ein. Die Betroffene trägt ein hohes Risiko, Zwillinge oder gar Drillinge zu bekommen.

Dem allem will nun eine neue Methode abhelfen: die Natural-­Cycle-IVF. Bei dieser Methode fällt die Behandlung mit Hormonen weg. Die Mediziner saugen nur ­gerade die eine Eizelle ab, die der Zyklus natürlicherweise heranreifen lässt. Das ist weniger schmerzhaft als beim klassischen Verfahren. Weil nur eine Eizelle im Reagenzglas befruchtet wird, ist das Risiko für Mehrlinge praktisch ausgeschlossen. Es fallen auch keine überzähligen Embryonen an. Zudem ist das Verfahren günstiger: Ein Zyklus kostet rund 1500 bis 2000 Franken, bei der normalen IVF mit den teuren Hormonen sind es bis zu 7500 Franken.

Erst wenige Zentren bieten diese Methode an, einer der Pioniere ist Michael von Wolff vom Inselspital Bern. Er hat die Methode vor rund zwei Jahren am Spital eingeführt. Eine erste Umfrage bei seinen Patientinnen liege, so von Wolff, bereits vor. Für 90 Prozent von ihnen sei das Absaugen der Eizellen weniger belastend gewesen als mit der klassischen Methode. 300 Behandlungen pro Jahr führt das Spital durch. Von Wolffs vorläufiges Fazit: «Bei jungen Frauen dauert es im Vergleich zur klassischen IVF etwas länger, bis sie schwanger werden.» Bei älteren Frauen hingegen, die nicht mehr so viele Eizellen vorrätig hätten, würden die Vorteile überwiegen.

Bei der klassischen Methode beträgt die Erfolgsquote 10 bis 25 Prozent. Bei der neuen Methode dürfte sie demnach etwas tiefer sein, Studien dazu gibt es noch zu wenige.

Auch Sonja Persch ist mittlerweile von Wolffs Patientin. Sie berichtet: «Das Absaugen der Eizelle tat gar nicht weh, in zehn Minuten war alles vorbei.» Gleich bei der ersten Behandlung wurde sie schwanger. Doch der Fötus ging im dritten Monat ab, eine «klassische Fehl­geburt», wie Persch sagt. Dennoch war sie nicht am Boden zerstört: «Ich weiss, dass ich diese Behandlung leichten Herzens wieder aufnehmen kann.»


Vorteil: Keine überzähligen Embryonen

Selbst Kritikerinnen der technisierten künstlichen Befruchtung äussern sich positiv über die neue Methode. Für Hebamme Yvonne Studer vom Zürcher Beratungstelefon Appella ist sie «weniger riskant» und «schonender» für die Frau. Es sei ein grosser Vorteil, dass die Methode weder Mehrlinge noch überzählige Embryonen erzeugt: «Das ist einer der grössten Nachteile der klassischen IVF.» Das bestätigt die Ärztin Theres Blöchlinger vom Frauenambulatorium in Zürich. Die Vorstellung, dass irgendwo tiefgefrorene Embryonen lagern, die zum Leben erweckt werden könnten, belaste Eltern oft: «Sie müssen sich mit der neuen Methode keine Gedanken mehr darüber machen.» Blöchlinger würde die neue Methode sicher «eher in ein Beratungsgespräch einfliessen lassen» als die konventionelle IVF.

Für Hebamme Yvonne Studer bleibt es zwar ein Eingriff in den Körper der Frau mit allen Tücken. So könne es für Frauen eine Strapaze sein, sich Monat für Monat eine Eizelle entnehmen zu lassen, bis es klappe. «Das ertragen viele Frauen nicht.» Dennoch ist ihr Fazit: «Die Methode ist eine Option für Paare, die unbedingt ein Kind möchten – aber auf keinen Fall Mehrlinge.»

Die wenigsten angefragten Frauenärzte bieten die Methodean. Ihre Begründung ist rein rechnerisch: Die klassische IVF habe die grössere ­Erfolgsrate. 


Diese Zentren bieten gemäss eigenen Angaben Natural-­
Cycle-IVF an:

  • Inselspital Bern, Tel. 031 632 13 03, www.frauenheilkunde.insel.ch.
  • Kantonsspital Luzern, Tel. 041 205 35 35,
    www.kinder-wunsch.ch.
  • Kinderwunsch-Klinik Milagro, Kreuzlingen, Tel. 071 672 46 46, www.milagro.ch.


Tipps: Das können Frauen tun

  • Haben Sie mindestens zwei Jahre lang regelmässig Sex an den fruchtbaren Tagen.
  • Planen Sie keine Kinder unter zeitlichem Druck.
  • Vermeiden Sie Stress.
  • Vergewissern Sie sich, ob Sie einen Eisprung haben: Messen Sie zwei Monate lang jeden Morgen die Körpertemperatur. Mit dem Ei­sprung steigt die Temperatur während zehn Tagen um etwa 0,5 Grad Celsius an.
  • Schicken Sie auch den Partner zum Arzt, damit er seine Spermien analysieren lässt.
  • Versuchen Sie zuerst sanfte Methoden wie traditionelle chinesische Medizin oder Yoga, be­vor Sie den IVF-Arzt aufsuchen.
  • Vergleichen Sie IVF-Zentren, Ärzte und Methoden, bevor Sie sich behandeln lassen.


Mehr Infos:

  • Beratung Appella: Telefon 044 273 06 60
  • «Der unerfüllte Kinderwunsch – wie gehen wir damit um», Gratis-Broschüre,  zu bestellen bei Appella, Postfach 1904, 8026 Zürich.
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