«Jede kritische Frage ist für die Behörden ein Störfaktor»

Gesundheitstipp 10/2006 vom

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Ärztevereinigungen und das Bundesamt für Gesundheit kritisierten den SKS-Impfratgeber scharf: Die Informationen seien «unausgewogen und mit Fehlern behaftet». Martin Hirte, Autor des Ratgebers, nimmt zu den Vorwürfen erstmals Stellung.

Martin Hirte, das Bundesamt für Gesundheit (BAG) wirft Ihnen vor, im Impfratgeber Halbwahrheiten zu verbreiten.
Martin Hirte: Das ist absurd. Ich stelle kritische Fragen - und die sind für die Wissenschaft zwingend notwendig. Das BAG emp?ehlt den Eltern, ihre Kinder in den ersten zwei Lebensjahren gegen acht Krankheiten zu impfen - mit insgesamt 26 Impfdosen. Doch Untersuchungen zu Langzeitfolgen gibt es zu vielen Impfungen kaum. Das ist ein grosser Skandal. Die Behörden klären die Eltern nur über die Vorteile der Impfungen auf. Daher müsste man eher dem BAG vorwerfen, nur die halbe Wahrheit zu sagen. Der Impfratgeber der Stiftung für Konsumentenschutz (SKS) versucht hingegen, sowohl Vor- als auch Nachteile von Impfungen aufzuzeigen.

Das BAG wirft Ihnen auch vor, in der Impfbroschüre wichtige Informationen zu unterschlagen. Das stimmt nicht, im Gegenteil. Wir nennen Dinge beim Namen, von denen viele Impfexperten nicht gerne sprechen. Die Pharma?rmen machen zwar Studien zur Sicherheit von Impfstoffen, doch viele davon haben eine fragwürdige Qualität. So zum Beispiel die Studie zur Sicherheit des Impfstoffes Hexavac gegen sechs Krankheitserreger: Dort überging der Hersteller etwa 98 Prozent der beobachteten Nebenwirkungen einfach. Der Impfstoff ist inzwischen nicht mehr auf dem Markt.

Sie werden kritisiert, im Ratgeber die weltweit 300 000 Keuchhusten-Opfer zu verschweigen und die Krankheit so zu verharmlosen.
Im SKS-Impfratgeber gehen wir stark auf die Gefahren des Keuchhustens ein: Wir betonen, wie gefährlich die Krankheit gerade im Säuglingsalter sein kann.

In einem hoch entwickelten Land wie der Schweiz sterben auch Ungeimpfte extrem selten an Keuchhusten. In der Dritten Welt ist das anders. Es ist zudem zweifelhaft, wie gut die Impfung wirkt. In Ländern wie den USA oder Holland, die das Problem Keuchhusten im Griff zu haben glaubten, erkranken Säuglinge derzeit wieder vermehrt. Darauf weisen wir im Ratgeber hin. Die Eltern dürfen nicht glauben, das Problem Keuchhusten sei mit der Impfung vom Tisch.

Sie schreiben, dass nach einer Keuchhusten-Impfung später Allergien auftreten können. Das sei falsch und wissenschaftlich nicht belegt, sagt das BAG.
Wir schreiben von einem Verdacht und nicht von einem klaren Zusammenhang. Es gab eine Reihe von Hinweisen, dass die Impfstoffe, die bis vor wenigen Jahren verwendet wurden, Allergien auslösen konnten. Beim heutigen Impfstoff kennen wir die Risiken nicht. Er wurde daraufhin nie einzeln in einer Studie untersucht.

Wenn man Kinder mehrmals gegen Hirnhautentzündung (Hib) impft, können sie an jugendlichem Diabetes erkranken, schreiben Sie und zitieren eine Studie. Ihre Kritiker sagen, diese Aussage finde man nicht in dieser Studie.
Im Gegenteil: In der zitierten Studie aus Finnland hatten mehrfach Geimpfte sogar ein deutlich erhöhtes Risiko für Diabetes. Das BAG und seine Impfkommission neigen dazu, Aussagen des SKS-Ratgebers zu entstellen, um ihn in der Öffentlichkeit in Misskredit zu bringen.

Sie schreiben, man solle bei Frühgeborenen den Impftermin auf der Basis des vorausgesagten Geburtstermins errechnen. Gemäss BAG sollen Eltern aber auch Frühchen mit 2 Monaten das erste Mal impfen lassen.
Die Fakten sind eindeutig: Frühgeborene neigen häu?ger zu Atemstillständen und verlangsamten Herzschlägen, wenn man sie früh impft. Dies hat soeben wieder eine Studie mit 2000 Frühgeborenen in Kanada bestätigt. Es ist unverständlich, dass die Behörden dies den betroffenen Eltern nicht sagen. Stattdessen beten sie gebetsmühlenartig herunter, man solle alle Babys möglichst früh impfen.

Die Stiftung für Konsumentenschutz bezeichnet die Kritik am SKS-Ratgeber als nicht gerechtfertigt und «aus den Fingern gesogen». Welchen Grund aber soll das BAG haben, so massiv gegen Sie und die Stiftung Stimmung zu machen?
Jede kritische Frage ist für das BAG ein Störfaktor, denn es steht unter enormem Erfolgsdruck, dass möglichst viele Eltern ihre Kinder impfen lassen. Das ist eine schlechte Voraussetzung für eine ehrliche und ausgewogene Information der Bevölkerung.

Ein Beispiel: Falls die Schweiz wie Deutschland die Windpockenimpfung für alle Kinder einführt, müsste man innerhalb von kürzester Zeit mehr als 95 Prozent aller Kinder impfen. Andernfalls besteht die Gefahr, dass sich Kinder zu einem späteren Zeitpunkt in?zieren.

Der Grund: Ohne Impfung bekommt man in der Regel als Kleinkind die Krankheit. Impft man zu wenig Kleinkinder, geht die Krankheit immer noch um und erfasst auch die älteren Kinder, die nicht geimpft sind. Doch je älter die Erkrankten sind, desto grösser sind die Komplikationen. Dasselbe Problem kann man ja bereits bei der Masernimpfung beobachten.

Ihre Kritiker behaupten, Sie seien gar kein Impfexperte.
Als Experten habe ich mich selbst nie bezeichnet. Ich beschäftige mich jedoch seit 15 Jahren intensiv mit dem Thema Impfen. In meiner Praxis führe ich mehrmals täglich ausführliche Impfberatungen durch und impfe sicher nicht weniger, sondern eher mehr Kinder pro Tag als die meisten meiner Kollegen. Ich habe versucht, mich nach bestem Wissen und Gewissen beim SKS-Impfratgeber einzubringen, und unterliege keinen Interessenkonflikten.


Gratis-Merkblatt zum Thema Impfen:
Hier finden Sie die Empfehlungen der kritischen Ärzte und des BAG.
Senden Sie ein frankiertes C5-Antwortcouvert an: Redaktion Gesundheitstipp, Postfach 277, 8024 Zürich
Sie können das Merkblatt auch auf www.gesundheitstipp.ch herunterladen.



Martin Hirte

Martin Hirte hat das Buch «Impfen - Pro & Contra» geschrieben, das als Standardwerk gilt. Er ist zudem Autor des Ratgebers «Impfen - Grundlagen für einen persönlichen Impfentscheid», herausgegeben von der Stiftung für Konsumentenschutz (SKS). Er ist Kinderarzt, Allergologe und Homöopath in München.
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