Getrübter Fischgenuss

K-Tipp 11/2012 vom

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Fischkonsum ohne schlechtes Gewissen: Dies versprechen verschiedene Labels. Eine Studie zeigt nun: Zertifizierter Fisch ist oft nicht umweltverträglich.

Die Schweizer assen im letzten Jahr im Schnitt rund 9,3 Kilogramm Fisch und Meeresfrüchte – das ist ein neuer Rekord. Auch der weltweite Pro-Kopf-Fischkonsum hat einen Höchstwert erreicht.

Die Kehrseite der steigenden Nachfrage: Ein Teil der Fisch-Industrie plündert rücksichtlos die Weltmeere. Dabei werden Tausende Tonnen von Fisch als Beifang tot zurück ins Meer geworfen. Weltweit gelten drei Viertel der Fischbestände als mehr oder weniger stark bedroht. Als Hauptgrund gilt die Überfischung.

Für Konsumenten, die Wert auf schonende und nachhaltige Fangmethoden legen, bieten sich zertifizierte Produkte an – zum Beispiel Fisch mit dem blauen Zeichen des Ma­rine Stewardship Council (MSC). Das in der Schweiz am weitesten verbreitete Label ist unter anderem bei Coop, Migros und Aldi zu finden. Bei Manor werden nachhaltig gefangene Fische mit dem Friend-of-the-Sea-Label (FOS) kennzeichnet. Die beiden Label versprechen explizit Fischfang aus nicht überfischten Be­ständen.   

Doch das Versprechen wird nur teilweise eingehalten. Dies zeigt eine aktuelle Untersuchung des Fischereibiologen Rainer Froese vom Geomar-Institut für Ozeanforschung in Kiel (D). Er hat weltweit rund 130 befischte Bestände untersucht, die MSC- und FOS-zertifiziert sind. Die zentralen Fragen dabei: Wie gross ist der aktuelle Bestand, und wie stark wird er befischt?

Resultat: 31 Prozent der MSC-zertifizierten Produkte stammen aus überfischten Beständen und solchen, die nicht umweltverträglich befischt werden. Bei FOS sind es 11 Prozent.

Kommt hinzu: Über die Hälfte der zertifizierten FOS-Bestände konnten gar nicht erst untersucht werden, da zu wenige Informationen verfügbar waren. Bei MSC waren bei über zehn Prozent der Bestände keine Daten verfügbar.

MSC-Sprecherin Gerlinde Geltinger kritisiert: Die in der Studie ver­wendeten Grenzwerte für Überfischung seien «international nicht akzeptiert und in Wissenschaftskreisen nicht anerkannt».

Rainer Froese widerspricht: «Der MSC versteckt sich leider hinter Wortspielen und Falschaussagen.» Intern verwende der MSC die gleichen Kriterien wie in der Stu-die des Geomar-Instituts. Auch die Schweizer Fischschutzorganisation Fair-Fish bezeichnet die Reak­tion des MSC als «Ablenkungsmanöver»: «Dass der MSC das für ihn un­günstige Resultat nun mit einem Methodenstreit aus der Welt schaffen möchte, zeigt die zunehmende Hilflosigkeit dieser Organisation im Umgang mit Kritik.»

Im Gegensatz zum MSC reagiert man beim FOS-Label positiv auf die ­Stu­dienergebnisse: «Auch wenn wir nicht mit jeder einzelnen Beurteilung einverstanden sind, haben wir uns entschlossen, alle von der Studie nicht als grün beurteilten Bestände zu überprüfen.» Als Folge ­davon hat das FOS drei Fischgründen sein Label entzogen.

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