Fertighaus: «Selten günstiger als ein Architektenhaus»

K-Geld 04/2010 vom

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Fertighausanbieter locken mit Angeboten um 300 000 Franken für das günstigste Objekt. Der Traum vom Eigenheim ist damit aber noch lange nicht Realität. Es kommen etliche Kosten hinzu.

Fertighäuser machen über 20 Prozent der ­neuen Liegenschaften aus. Vor zehn Jahren ­betrug der ­Anteil erst rund 5 Prozent. Doch wie teuer sind die als günstig beworbenen Häuser «von der Stange» wirklich?

Um diese Frage zu klären, hat K-Geld je zwei Fertighäuser in Backstein- und Holzbauweise von Schweizer Anbietern unter die Lu­pe ­genommen. Verglichen wurden un­­ter anderem ­Katalogpreise, Ausstattung, die Leistungen der Anbieter sowie der Endpreis für ein bewohnbares Haus in der Basis­variante – also ohne Bauland, Bewilligungen, Anschlüsse, Werk­leitungen, Garten und Umgebung (siehe Tabelle im pdf-Artikel).

Die geprüften Häuser der Anbieter Swisshaus, Atmos­haus, Coop und Otto’s sind für vier Bewohner gedacht. Weil die Behausungen unterschiedlich viele Qua­dratmeter aufweisen, hat K-Geld den Preis pro Qua­d­ratmeter Wohnfläche inkl. Kellerfläche berechnet.

Das Resultat: Am günstigsten ist Otto’s Home 120 mit 2261 Franken pro Quadratmeter. An die Spitze schaffte es der Haustyp dank relativ grossem Keller (60 Quadrat­meter Fläche). An zweiter Stelle folgt das Fertighaus Cadra 850 von Swisshaus: 2304 Franken pro Quadratmeter. Dahinter klassiert sich das Atmos­haus Blickfang mit 2577 Franken pro Quadratmeter. Es ist jedoch nur zur Hälfte unterkellert.


Haus ohne Keller, dafür Minergie-Standard

Das teuerste Haus ist am Schluss jenes von Coop. Es kommt auf 2975 Franken pro Quadratmeter (siehe Tabelle). Einer der Gründe: Im Hauspreis ist der Keller nicht inbegriffen. Dafür ist der Minergie-P-Standard enthalten, wie bei allen Coop-Haustypen. Was für Erfahrungen haben Käufer dieser Fertighäuser gemacht – und was gab den Ausschlag für den Kauf?

Das Ehepaar Lage in Bettwiesen TG bezieht in wenigen Wochen sein Backsteinhaus Cadra 850 von Swisshaus. Felipe Lage sagt: «Wir dachten, ein Fertighaus sei günstiger als ein Architektenhaus.» Das zuerst gewählte Haus kostete 316 000 Franken. «Bei der Beratung stellten wir fest, dass der günstigste Haustyp enorm klein und vieles nicht in­begriffen ist», so Lage.

Also hätten sie das grössere Modell Cadra 850 für 387 000 Franken gewählt. Dazu kamen Mehr­kosten für Küche, Böden und Baunebenleistungen wie Anschlüsse an Strom- und Wasserleitungen.

Auch andere Anbieter ­locken mit tiefen Preisen. So bietet Coop Bau+Hobby sein Fertighaus P 128 aus Holzelementen ab 279 150 Franken an. Produziert wird es beim österreichi­schen Hersteller Elk. Als Schlüsselfertig-Preis gibt Coop 315 774 Franken an. Dieser Betrag täuscht ebenfalls: Weder Aushub noch Kellerbau noch die Kosten fürs Fundament sind einge­rechnet.


Am Ende «selten günstiger als ein Architektenhaus»

Bauberater Luzius Theiler vom Schweizerischen Hausverein warnt: «Bei den güns­tigen Preisen ist nicht alles dabei. Rechnet man die ­zusätzlichen Kosten und Extrawünsche zusammen, sind Fertighäuser selten günstiger als Architektenhäuser.» Zum tiefsten im Katalog angegebenen Preis veranschlagt Coop 36 600 Franken für den ­Innenausbau plus 38 000 Franken fürs Fundament.

Mehrkosten entstehen meist auch bei der Küche: Coop gibt Hauskäufern einen Gutschein über lediglich 10 000 Franken, einzulösen bei Coop-Tochter Fust. Laut Fachleuten reicht dieser Betrag bloss für eine Basisvariante. Bei den anderen drei Anbietern ist für die Küche ein höherer Betrag eingerechnet.   

Da es in der Schweiz noch kein fertig erstelltes Coop-Haus gibt, traf K-Geld den künftigen Bewohner Anton Weber beim Musterhaus in Suhr AG. Für ihn sei stets klar gewesen, dass viele Dinge hinzukommen würden, so Weber. Und: Coop sei bei der Kalku­lation vollkommen transparent gewesen.

Auch beim günstigsten Anbieter Otto’s Home existiert erst ein Musterhaus, und zwar in Sursee LU. Das Home 120 kostet 369 000 Franken. Dieser Preis lockte Pirmin Hodel: «Zu Beginn gingen wir von ­einem tie­fe­ren Endbetrag aus», sagt er zu K-Geld. Immerhin: «Der Bauberater hat die Zu­satz­kosten aber transparent gemacht.»


Änderungen können ins Geld gehen

Bei allen Häusern können die Kunden den Innenausbau wählen. Thomas Ammann vom Haus­eigen­­tümerverband (HEV) gibt zu bedenken: «Bei Änderungen kommt zu der höheren Bausumme oft ein Planungshonorar von 15 Prozent hinzu.»

Das erlebte Alexandra Granja aus Emmenbrücke LU: Sie wohnt seit Oktober 2009 in einem Atmos­haus: «Wir wollten mehr Steck­dosen und mussten dafür ein Planungshonorar bezahlen», erzählt sie. Mehrkosten verursachte auch der Keller, denn im Basispreis war das Haus nur zur Hälfte unterkellert. Trotzdem ist Granja zufrieden: «Wenn man höhere Ansprüche hat, muss man mit Aufpreisen rechnen.»


«Finger weg von ausländischen Prototypen»

Bauberater Luzius Theiler vom Hausverein rät nicht von Fertighäusern ab. Er sagt aber: «Finger weg von ausländischen Firmen, die in der Schweiz einen günstigen Prototyp an­bieten.» Es sei vorgekommen, dass Häuser nicht zu den Fundamenten gepasst hätten.

Keine Bedenken hat Uwe Germerott vom Verband für geprüfte Qualitätshäuser beim Holzelementbau: «Die  geforderten Energie- und Qualitätsnormen sind für alle gleich, egal ob Fertig- oder Architektenhaus.»

Um nicht in Kostenfallen zu tappen, empfehlen Experten, den Fertighausvertrag durch einen Baujuristen prüfen zu lassen. Das kann zwar mehrere tausend Franken kosten. Thomas Ammann vom HEV findet aber: «Meist baut man nur einmal im Leben ein Haus. Im Verhältnis zur Kaufsumme lohnt sich diese Ausgabe.»

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