«Essen ist ein letztes Reservat der Sinnlichkeit»

Haus & Garten 1/2000 vom

Wie und was essen wir in Zukunft? Ersetzen bald Pillen unsere Mahlzeiten? Oder lassen wir uns vermehrt in edlen «Fress-Tempeln» verwöhnen? Die Ethnologin Kathrin Oester über Lifestyle, Genuss und Luxus-Gastronomie.

K-Spezial: Was essen wir im nächsten Jahrtausend?

Kathrin Oester: Wir leiden in den Industrieländern zunehmend unter dem «Schlaraffenland-Syndrom»: Je länger der Zustand andauert, desto mehr wird er zur faden Selbstverständlichkeit. Unter diesen Voraussetzungen bekommt das Essen eine neue Bedeutung. So wird der Konsum bestimmter Nahrungsmittel und Getränke heute - analog dem Outfit - dazu benutzt, unsere Zugehörigkeit zu einer Gruppe zu markieren. Das Bedürfnis nach Identität und Zugehörigkeit bestimmt unsere Ernährungsgewohnheiten heute ebenso stark wie der Faktor Gesundheit.


Das Bedürfnis, gesund zu bleiben, ist in der Bevölkerung immer stärker verankert. Die Leute essen weniger Fleisch und tierische Fette. Sie bevorzugen pflanzliche Produkte. Hält dieser Trend an?

Während bei manchen Konsumenten vor allem der Lifestyle-Aspekt dominiert, sind die Konsummuster einer immer älter werdenden Bevölkerung mehr und mehr auf Prävention und Therapie ausgerichtet: Nahrungsmittel werden bewusst zur Lebensverlängerung eingesetzt.


Wird es in Zukunft neue Lebensmittel geben?

Es gibt meines Erachtens zwei bemerkenswerte Entwicklungen. Auf der einen Seite driften die Bereiche Bio-Food und gentechnisch veränderter Food immer mehr auseinander. Auf der anderen Seite beginnen sich die Grenzen zwischen den bisher getrennten Bereichen von Medizin und Lebensmitteln im Functional Food zu vermischen.


Wenn man Lebensmitteltechnikern glauben will, brauchen wir gar kein frisches Gemüse und Fleisch mehr zu essen, weil die «gemachte» Nahrung gesünder ist und Krankheiten vorbeugt?

Der Ethnologe Claude Lévi-Strauss hat geschrieben: «Ein Nahrungsmittel darf nicht nur gut zu essen, sondern muss auch gut zu denken sein.» Damit meinte er, dass es in der Ernährung nicht nur um das Funktionieren unseres Organismus geht. Als denkende Menschen spielen für unseren Genuss auch unsere Vorstellungen eine Rolle, zum Beispiel die Frage, ob Nahrungsmittel auf natürliche Weise produziert worden sind. In diesem Bereich scheinen die Spezialisten für Food-Marketing den Lebensmitteltechnikern einiges voraus zu haben.


Glauben Sie, dass wir nächstens keine Küchen mehr brauchen, sondern nur einen kleinen Apothekerschrank, wo Tabletten, Pillen und Dragees unsere Mahlzeiten ersetzen?

Ich glaube nicht daran, dass wir ausschliesslich in Richtung einer Pharmakologisierung der Nahrungsmittel gehen. Der Mensch ist ein sinnenfrohes Wesen - und der Konsum einer Pille verspricht nun einmal nicht denselben Genuss wie ein Beefsteak Tatar.


Fast Food und Spitzengastronomie - bleiben diese Extreme bestehen?

Trend und Gegentrend - Fast Food ebenso wie der Trend zu aufwändigem Kochen und zur Luxus-Gastronomie - bestehen nebeneinander und erobern Marktanteile. Während Fast Food einem Alltag entgegenkommt, der aufwändiges Kochen unmöglich macht, kompensiert die Luxus-Gastronomie den Stress und Zeitdruck und übt eine Entlastungsfunktion aus. Dass Ethno-Food, also die kulturelle Vielfalt des Angebots, dabei eine wichtige Rolle spielt, zeigt die Entwicklung der letzten 20 Jahre.


Der französische Spitzenkoch Joël Rebouchon meint, wir würden in Zukunft in Luxus-Restaurants essen gehen, um zu wissen, wie ein Apfel ausschaut.

Wenn es um Ernährung geht, reagiert der Mensch im Grunde genommen sehr archaisch. Denn in der Ernährung stehen wir - analog zur Sexualität - in einem ganz direkten körperlichen Austausch mit anderen, mit unserer Umwelt. Das Essen gehört heute für viele zum letzten Reservat der Sinnlichkeit. Dies ist die Voraussetzung dafür, dass eine Gastronomie, die Sinnlichkeit zelebriert, in Zukunft noch an Wichtigkeit gewinnen wird.

Interview: Marko Müller

Kathrin Oester, Dr. phil. Ethnologin, ist am Gottlieb Duttweiler Institut in Rüschlikon ZH im Bereich Food-Research tätig. Sie untersucht aktuelle Entwicklungen und Trends in der Lebensmittelbranche.



Wussten Sie ...

...dass die trendigen, vor allem bei Jugendlichen beliebten Milchdrinks alles andere als gesund sind?

Wer diese Getränke konsumiert, kann eine pfundige Überraschung erleben, haben sie doch um einiges mehr Kalorien als Vollmilch, Coca Cola oder Bier. Die Milchdrinks enthalten gemäss Gesundheitsmagazin Puls-Tip rund 80 Kalorien pro Deziliter. Bei Vollmilch sind es 67 Kalorien, bei Cola 43 und bei Bier 41 Kalorien. Spitzenreiter bei den coolen Getränken ist der Mars Drink mit 89 Kalorien pro Deziliter.
0

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Artikel verwalten

Dieser Artikel ist folgenden Themen zugeordnet

Weitere Artikel zum Thema

Grüne Ampel für fragwürdige Industrie-Produkte

Essen, was und so viel man will

Buch-Tipp: Spitzbuben mit Pesto-Füllung