Ein Spray für alle Notfälle

K-Tipp 18/2006 vom

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Pfeffersprays zur Selbstverteidigung sind beliebt, doch der Umgang damit will gelernt sein. Und: Nicht jeder Spray ist tauglich.

Was einst nur mit Waffenschein zu haben war, kann heute jeder Erwachsene einfach kaufen: Pfeffersprays. 9 Prozent der Frauen und 6 Prozent der Männer besitzen einen solchen Spray. Doch die Produkte sind nicht harmlos.

Schon der Name trügt: Genau genommen müssten sie Chili-Sprays heissen. Die Dosen versprühen den höllisch scharfen Inhaltsstoff der Chilischoten - das Capsaicin. Es wirkt auf Nervenzellen, vor allem auf jene der Augen und Schleimhäute. Die Folge: tränende, geschwollene Augen, heftiger Juckreiz, Husten, Atemnot.
Wer solches Geschütz gegen Menschen anwendet, riskiert eine Anzeige wegen Körperverletzung. «Es muss sich um eine Notwehrsituation handeln - um einen Angriff, der nicht anders abzuwenden ist», sagt Jürg Bühler vom Bundesamt für Polizei. In einer Notwehrsituation ist man beispielsweise, wenn man mit einem Messer angegriffen wird - eine blosse Anrempelei genügt nicht.

Auch nützt es nichts, den Spray in der Hand- oder Hosentasche mit sich herumzutragen. «Den Spray sollte man in der Hand halten», so Selbstverteidigungs-Instruktor Marco Schnyder. Bei einem Angriff bleibe keine Zeit, die Dose hervorzukramen. Wie der Spray zu bedienen ist, will zudem gelernt sein. Die Fachleute raten deshalb, sich genau zu informieren und allenfalls einen Kurs zu besuchen.

Bei den Sprühdosen gibt es beträchtliche Unterschiede, wie ein Kassensturz-Test zeigt. Die Experten Andreas Taubert von BPS-Security und Instruktor Schnyder haben zehn der meistverkauften Produkte einem Praxistest unterzogen.

Am besten schnitt Pepper Guard ab, dicht gefolgt von Def-Tec MK-7. Der Umgang mit beiden Sprays erfordert jedoch Übung. «Sehr gut» fanden die zwei Experten auch Pepperbox Original.
Nur ein «genügend» erhielt The Jogger. Die Experten bemängelten, dass der Sicherheitsmechanismus des Sprays im Stress nur schwer zu lösen sei. Anbieter Glaser Handels AG entgegnet, der Mechanismus verhindere, dass der Spray in der Tasche losgehe.


Pfefferspray getarnt als Kugelschreiber

Ebenfalls nur ein «genügend» gabs für den als Kugelschreiber getarnten Pepper Spray Pen sowie das teuerste Produkt, Guardian Angel. Dieser Spray von Piexon funktioniert auch bei stärkerem Gegenwind. Nach zwei Sprühstössen ist die Dose aber leer. Für einen Laien sei er schwer zu handhaben, befanden die Tester.

Der Hersteller antwortet auf die Kritik mit dem Hinweis, der Spray sei «wegen seiner ausserordentlichen Wirksamkeit und Zuverlässigkeit» bereits mehrfach ausgezeichnet worden.

Fazit: Es gibt empfehlenswerte Pfeffersprays. Wer nicht damit umzugehen gelernt hat, wiegt sich jedoch in falscher Sicherheit.



Selbstbewusst auftreten hilft

Ob mit einem Pfefferspray, dank Selbstverteidigungs-Unterricht oder Kampfsport-Training: Wer sich zu wehren weiss, drückt dies durch selbstsicheres Auftreten aus. «Das schreckt einen Täter ab. Die Körperhaltung hat eine enorme Wirkung», sagt Hugo Schenk von der Abteilung Prävention der Zürcher Stadtpolizei.

Älteren Menschen, die nicht mehr so flink sind, rät Schenk von einem Pfefferspray ab. Eine gute Alternative sei ein Schrillalarm. Auch Kratzen, Schreien und heftiger Widerstand habe schon manch einen Angreifer in die Flucht geschlagen.

Auf keinen Fall sollte man im Ausland Tränengas-Sprays oder Elektroschock-Geräte kaufen: Sie sind in der Schweiz verboten, auch die Einfuhr wird bestraft.

«Am wichtigsten ist es, Konfliktsituationen zu meiden», sagt Jürg Bühler vom Bundesamt für Polizei. Und bei einem klar stärkeren Gegner soll man immer daran denken: Die eigene Gesundheit ist wichtiger als ein materieller Verlust.

(ko)


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