Die Stube ist auch eine Antenne

Gesundheitstipp 02/2014 vom

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Das Projekt «Wi-Free» von UPC Cablecom stösst auf Kritik. Fachleute befürchten eine starke Zunahme des Elektro­smogs in Privathäusern.

Kabelloses Internet: Das «Wi-Free»-Modem in Haus können auch Passanten anzapfen (Bild: Fotolia.com)

Kabelloses Internet: Das «Wi-Free»-Modem in Haus können auch Passanten anzapfen (Bild: Fotolia.com)

Das Telecom-Unternehmen  UPC Cablecom will die Schweiz mit einem Netz von Zugangsstellen für kabelloses Internet überziehen. «Wi-Free» heisst das Projekt. In St. Gallen läuft seit wenigen Wochen die Testphase. Die Medien nahmen die Ankündigung begeistert auf: «Gratis-WLAN für St. Galler», schrieb etwa der «Tages-Anzeiger» im Internet. 

Das Prinzip der Idee: Kunden installieren ein WLAN-Modem in ihrer Wohnung. Es überträgt das Internet per Funk zum Computer und aufs Handy. Doch die «Wi-Free»-Modems sind nicht nur für den Eigengebrauch gedacht: Über einen zweiten Netzzugang können es Nachbarn oder Passanten, die bei Cablecom sind, mittels eines ­separaten Passworts anzapfen und so gratis ins Internet. In St. Gallen sind bereits 5500 solche Netzwerke in Betrieb, wie die Cablecom sagt.

Kritiker sind sich einig: Das wird den Elektrosmog in den Wohnungen massiv erhöhen. Denn neben dem eigenen Netzwerk strahlt auch das öffentliche. Peter Schlegel von den Bürgerwelle Schweiz: «Ein öffentlicher Zugang zu einem Netzwerk ist nur dann sinnvoll, wenn er rund um die Uhr gewährleistet ist – und das führt zu vermehrter Strahlenbelastung.» Auch Josef ­Peter vom Institut für biologische Elektrotechnik Schweiz sagt: «Das wird unweigerlich der Fall sein.»

Mit der «Wi-Free»-Idee umgeht Cablecom den öffentlichen Druck gegen WLAN. So wollte die Stadtregierung in Zürich Netzwerke für jedermann auf öffentlichem Grund einrichten – und stiess auf Widerstand aus der Bevölkerung. Die SBB wollen bis 2016 etwa 100 Bahnhöfe mit kostenlosem WLAN ausrüsten – und ernten Kritik. Schlegel vermutet, dass schon heute viele Pendler wegen der starken Strahlung in den Waggons nicht mehr per Bahn fahren. Auch mit «WLAN an Bahnhöfen wird das Reisen erschwert».

Fachleute warnen seit langem vor dem zunehmenden E-Smog durch WLAN-Modems. Denn neben dem Internet sind immer mehr Geräte funkgesteuert, etwa Drucker, Fernseher oder Stereoanlagen. Josef Peter: «Man ist konstant der Strahlung ausgesetzt und kann sich kaum mehr schützen.»

Empfindliche reagieren mit Kopfschmerzen

Wie stark solche elektromagnetischen Strahlen den Körper schädigen können, ist umstritten. Peter Schlegel sagt, sehr empfindliche Menschen würden bereits bei einer Strahlung von weniger als 6 Millivolt pro Meter Beschwerden ent­wickeln. Dazu gehören Schwindel, Kopfschmerzen und Schlaf­stö­run­gen. Messungen des Gesundheitstipp im Zürcher Seefeld-Quartier zeigten: In Privatwohnungen betrugen die Belastungen bis zu 1500 Millivolt pro Meter (Ausgabe 3/2013). Schlegel spricht von ­«eigentlichen WLAN-Höllen».

Modem nur einschalten, wenn man es braucht

Am schlimmsten ist die Strahlung  bis einen Meter vom Modem entfernt. Das Bundesamt für Gesundheit sagt zwar, das dies keine «akute gesundheitliche Wirkung» aus­lösen könne. Es räumt aber ein, dass die Auswirkungen der Strahlen über eine lange Zeit «noch ungenügend erforscht» seien.

Bei den Skeptikern hat sich in den letzten Jahren Ernüchterung breitgemacht. Josef Peter: «Die Entwicklung ist nicht mehr aufzuhalten.» Zu viele Unternehmen würden auf die drahtlose Kommuni­kation setzen. «Wir können nur noch dafür sorgen, dass sich jeder in seinem Lebensraum so gut als möglich schützen kann.»

Selbst das Bundesamt für Gesundheit rät, das Laptop nicht zu nahe am Körper aufzustellen. Zudem empfiehlt es, das WLAN-Modem abzuschalten, wenn man es nicht braucht, vor allem in der Nacht. Dazu kann man auch eine Zeitschaltuhr installieren.

UPC Cablecom bestreitet, dass der E-Smog wegen der öffentlichen Netzwerke zunimmt. Sprecher Marc Maurer schreibt, im Modem würden zwar das öffentliche und das private Netzwerk unabhängig voneinander arbeiten. Es gäbe aber im Gerät nur einen Sender, dessen Leistung stets gleich bleibe: «Deshalb werden die Emissionen nicht stärker.» Die Kunden könnten das Modem zudem jederzeit abschalten. Nur: Wenn das alle tun würden, wäre das Cablecom-Projekt gestorben.

Tipps: So reduzieren Sie den E-Smog

  • Achten Sie beim Vertrag mit der Telecomfirma darauf, dass Sie das Festnetztelefon nicht am Modem anschliessen müssen. 
  • Wählen Sie für den Internetanschluss ein Modem mit Kabel.
  • Falls Sie sich doch für WLAN entscheiden: Schalten Sie Ihr Modem aus, wenn Sie es nicht brauchen. 
  • Schalten Sie auch beim Smartphone oder beim Tablet ­Bluetooth und WLAN aus, wenn Sie es nicht benötigen. 
  • Verzichten Sie bei Ihrem PC auf kabellose Maus und Tastatur.
  • Installieren Sie zu Hause ein Telefon mit Kabel. Falls Sie ­lieber ein Schnurlostelefon möchten, kaufen Sie am besten ein DECT-Gerät mit Ecomode plus.
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