Beschwerlicher Weg zum bequemen Liegen

Haus & Garten 1/2005 vom

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Wie findet man eine passende Matratze? SPEZIAL hat sieben Verkaufsberater auf die Probe gestellt. Das grösste Hindernis beim Test-Kauf: Nicht das grosse Angebot, sondern die Verkäufer selber.

SPEZIAL hat sieben Matratzenverkäufer anonym bei Beratungsgesprächen auf ihre Verkaufsargumente abgeklopft. Fazit: Bettverkäufer geben viel leeres Geschwätz von sich. Dies zu realisieren, ist für den Kunden nicht immer einfach.

Wissenschaftliche Studien von neutraler Seite zur «richtigen» Matratze gibt es in der Schweiz kaum: Der ETH-Umweltwissenschafter Christopher H. Müller erstellte vor zwei Jahren eine Vergleichsstudie über Lattenroste, Matratzen und Wasserbetten. Als Experte begleitete Müller den SPEZIAL-Testkäufer auf der Matratzen-Tour.

- Top Tip, Dietikon ZH
Ein Dutzend blanker Betten paarweise nebeneinander - mit je einer weichen und einer harten Matratze des gleichen Fabrikats. Kissen und Fussteilschutz aus Plastik laden zum Probeliegen ein.

Der Experte ist überrascht über die grosse, gut präsentierte Auswahl. Nach einer Beratung müssen wir allerdings Ausschau halten. Schliesslich erscheint ein älterer, freundlicher Mann.

«Wir suchen eine 160 x 220 Zentimeter lange Matratze», lassen wir ihn wissen. «Da hätten wir etwas Natürliches: eine Matratze mit Latex-Kern.» Woraus Latex denn sei? «Aus Naturprodukten», so die lapidare Antwort.

Der Experte weiss, dass Latex-Matratzen auch aus Erdölprodukten gemacht werden und nur ein gewisser Teil der Matratze wirklich aus der Milch des Gummibaums hergestellt ist.

Wir interessieren uns für die Schaumstoff-Matratze nebenan: «Das ist so etwas wie Kunst-Latex», erklärt der Verkäufer, «geradeso gut wie eine Latex-Matratze.» Damit liegt er richtig: Heute sei Schaumstoff - anders als in den 90er-Jahren - voll rehabilitiert, bestätigt der Experte. Im Testvergleich haben Schaumstoffmatratzen gut bis sehr gut abgeschnitten.

Schadet eine weiche Matratze dem Rücken wirklich? Gegenfrage des Verkäufers: «Wie schlafen Sie lieber?» Wir haken nach: «Welches sind denn die Kriterien?»

Er lässt den Testkäufer auf einer Matratze probeliegen. «Und?» Ich bin unentschlossen. 30 Sekunden Liegen führen zu keinem Schluss. Nach wiederholtem Probeliegen stellt der Verkäufer fest: «Sie scheinen lieber auf einer harten Matratze zu schlafen.» Diese Ansicht teilt der Testkäufer nicht: «Auf einer harten Matratze hängt mir aber der Kopf hinunter!» Wir lassens und verlassen die Ausstellung ratlos.

In der «Kleinen Bettlektüre» von Hüsler Nest, dem Schweizer «Rolls-Royce-Hersteller» von Betten, steht: «Die weit verbreitete Meinung "hart liegen, gesünder schlafen" trifft nicht zu.» Na also.

- Otto's, Dietikon ZH
Die Matratzenauswahl bewegt sich bei Otto's in einer Preisbandbreite von 300 bis 900 Franken. Welches sind die Unterschiede?

Die teureren seien Markenmatratzen von Happy und Roviva, anerkannten Schweizer Herstellern, erklärt der Verkäufer. Warum sollten diese besser sein als Eigenmarken? «Das müssen Sie schon selber vergleichen», lautet die lakonische Antwort.

Der Verkäufer zeigt auf seine Meistverkaufte und lobt: «Diese ist eine Happy Eier - sehr preisgünstig.» Eier? Ich verstehe nicht. Nach zweimaligem Nachfragen entdecken wir auf der Etikette den Namen «Happy Air» - Air wie Luft. Immer wieder und auch mitten im Satz eilt der Verkäufer davon, um andere zu bedienen. Wir ziehen von dannen.

- Micasa, Spreitenbach AG
Beim Fachmarkt der Migros stehen die Betten in einer speziellen Verkaufsbucht. In einer Reihe acht Betten, links das günstigste, rechts das teuerste Modell, alles klar beschrieben.

Die Migros-Marke heisst «Sanoflex». Auch hier versichert der Verkäufer, dass sie von einem grossen Schweizer Betthersteller produziert würden. Von Bico? Wir können dem Verkäufer entlocken, dass zumindest ein Matratzen-Typ von Bico stamme.

Das wichtigste Kriterium für den Berater ist die Transpiration: «Schwitzen Sie stark?», fragt er mindestens dreimal, um dann auf die Hohlräume in den Matratzenkernen hinzuweisen. «Die sind für die Lüftung», sagt er.

Die Frage, wie diese Lüftung funktioniere, bleibt unbeantwortet. Der Experte: «Die Luftzirkulation in den Kanälen ist minimal.»

- Möbel Pfister, Spreitenbach
Wir betreten das Terrain eines Fachhändlers. Mindestens 20 Matratzen sind in einem Raum ausgestellt - man weiss nicht, wo anfangen.

Was für Laien die wichtigsten Punkte für eine Beurteilung seien, wollen wir wissen. «Dass die Matratze dem Körper angepasst ist und dass sie lüftet.» Zauberwort «Klimamatratze»: Die Finger des Verkäufers zeigen auf das zickzackförmige, «dynamische Belüftungssystem», wie die Werbung verheisst.

Wir fragen uns, wie die Luft darin zirkulieren soll, ist der Matratzenkern doch mit einem dicken Bezug umwickelt. Der Testkäufer will weiter probeliegen, wird aber vom Kundenberater gestoppt: «Mehr als drei Matratzen testen bringt nichts.»

- Interio, Spreitenbach
Interio gehört zur Globus-Gruppe und damit zu Migros. Nur sieben Betten sind ausgestellt. Die Auswahl ist noch kleiner als bei Otto's. Die Preise sind etwa gleich.
Welcher Lättlirost passt zu welcher Matratze? Die herbeigerufene Verkäuferin hat keine Ahnung. Zur Schaumstoff-Matratze lautet ihre Erklärung: «Da hat es Chemie drin.» Peinlich, peinlich. In diesem gediegenen Ambiente wird man abgefertigt wie bei Otto's.

- Conforama, Schlieren ZH
Das französische Möbelgeschäft führt von CDs bis Betten alles. Alles ausser Möbelverkäufer? - Endlich kommt einer. Warum eigentlich eine Schweizer Matratze, wenn die ausländische günstiger ist? Gibt es Unterschiede? Beim Probeliegen jedenfalls nicht. Die französische, so der Berater, enthalte Krausewolle - recycelte Altkleider. Das Schweizer Produkt Schafschurwolle. Also doch nicht vergleichbar? Der Verkäufer weist auf «Schulterkomfortzone», «verstärkte Mittelzone» und auf das «flexible Belüftungssystem» bei der französischen hin: Alles prima für 700 Franken - und damit einen Hunderter oder 14 Prozent günstiger als ein vergleichbares Schweizer Bico-Modell. Die gewünschte Extralänge von 2,20 Meter gibts bei Conforama allerdings nicht.

- Diga Möbel, Dietikon ZH
In diesem Fachgeschäft gibts Beratung per Computer: Dieser misst bei Probeliegenden auf einem Spezialbett die Bewegungsfreiheit, Druckstellen und die Wärmeentwicklung. Resultat: Der Testkäufer (80 Kilogramm) soll eher weich als hart liegen. Jetzt plötzlich? Andere Verkäufer rieten zum Gegenteil.

«Ich empfehle Ihnen die Sensoflex-Matratze», erklärt die Kundenberaterin. Diese kostet 2500 Franken, der Rost dazu 1500 Franken. Macht 4000 Franken - etwas weniger als bei Möbel Pfister. Dafür könnte man auch gleich ein Wasserbett kaufen!

Die Verkäuferin präsentiert ein Wasserbett für 4500 Franken: «Werfen Sie sich da mal rein!» Der Testkäufer lässt sich hineinplumpsen - und sitzt wie in einem Brotteig fest. Ihre Erklärung: «Das ist eben ein 6-lagiges Wasserbett.» Was auch immer das heissen mag - es verschluckt offenbar das erwartete Glucksen. Der Sprung auf eine weitere Liege demonstriert, wie ein «2-lagiges», normales Wasserbett reagiert: Es schwabbelt gewaltig. Wie kann man in so einem Bett bloss Liebe machen?! Die Verkäuferin ratlos: «Das habe ich mich, ehrlich gesagt, auch schon gefragt.»



Die Milben sind los

Zwar können tatsächlich Abertausende von Milben ein Bett bevölkern. Doch nur ein kleiner Teil der Menschen reagiert darauf allergisch. Milben geben den Geist auf, wenn sie der Kälte und Trockenheit ausgesetzt werden.

Deshalb: Lüften Sie Ihre Matratze einmal im Monat ohne Bettwäsche und drehen Sie sie auf die andere Seite. So wird der Matratzenkern nicht immer gleich belastet, und die Matratze hält länger. Nach 10 bis 12 Jahren hat eine durchschnittlich gute Matratze ihren Dienst getan und sollte ausgemustert werden.



Die richtige Matratze

Beim Kauf einer Matratze müssen Sie in erster Linie auf folgende Punkte achten:

- Kaufen Sie Matratzen nur in Läden, in denen Probeliegen möglich ist.

- Ideal ist, wenn Sie eine Matratze zum Test nach Hause nehmen können (mit Rückgaberecht).

- Erstehen Sie keine Matratzen an Verkaufsveranstaltungen, an denen irgendwelche Gewinnversprechen gemacht werden.

- Hart bringts nicht - mittelhart ist besser: Die Matratze soll Halswirbelsäule und Hüften stützen, im Schulter- und Beckenbereich jedoch leicht nachgeben.

- Eine Matratze ist zu weich, wenn der Rücken durchhängt und auf Schultern und Hüften Druck spürbar ist.

- Eine Matratze ist zu hart, wenn sich bei Seiten- oder Rückenlage zwischen Taille und Matratze die flache Hand durchschieben lässt.

- Die billigsten Matratzen (Schaumstoffkern, 90 Zentimeter breit) kosten um 200 Franken. Eine qualitativ gute Matratze kostet etwas mehr, sie ist aber elastischer und reguliert Feuchtigkeit und Wärme.
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