Auf das Ablaufdatum ist kein Verlass

saldo 14/2004 vom

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Lebensmittel, die noch geniessbar wären, landen zuhauf im Müll. Denn viele Konsumenten halten sich zu genau an die Ablaufdaten der Hersteller.

Egal, ob Joghurt oder Tomatenbüchsen - ich werfe alles weg, was abgelaufen ist.» Die Passantin auf dem Berner Bärenplatz ist mit dieser Einstellung nicht alleine. Viele Konsumenten denken: Ist das Ablaufdatum überschritten, ist das Produkt nicht mehr geniessbar. Die Konsequenz: Noch einwandfreie Lebensmittel landen im Abfall.

Farmerstängel, eine Bündner Nusstorte, Salzgebäck und Tomaten in Dosen: Diese und andere noch intakt verpackte Lebensmittel hat Kassensturz in 35 Abfallsäcken gefunden. Eingesammelt in Zürich Stadt und Land, in armen und reichen Quartieren. Die Lebensmittel waren alle mehrere Tage abgelaufen, das Salzgebäck gar einen Monat.


Stellenwert der Ablaufdaten wird überschätzt

Das hätte man noch lange geniessen können, meint der Zürcher Kantonschemiker Rolf Etter. «Salzcracker kann man probieren. Schmecken sie noch gut, dann esse ich sie, wenn sie nicht mehr so knackig sind oder eigenartig riechen, werfe ich sie weg.»

Bei vielen Konsumenten herrscht eine regelrechte Datumshysterie. Etter erklärt es damit, dass die Leute sich mit Lebensmitteln nicht mehr gut auskennen. «Früher hat man die Produkte selber hergestellt, man hat daran gerochen, sie probiert und konnte beurteilen, ob ein Produkt noch so schmeckt wie es sollte.» Da heute viele Esswaren industriell produziert werden, geht dieses Wissen verloren und die Haltbarkeitsdaten bekommen einen wichtigen Stellenwert.


«Verbrauchen bis» und «haltbar bis» ist nicht dasselbe

Dazu kommt, dass viele Konsumenten unter den Angaben «zu verbrauchen bis» und «mindestens haltbar bis» dasselbe verstehen. Dabei ist der Unterschied gross. Mit «zu verbrauchen bis» werden leicht verderbliche Lebensmittel wie zum Beispiel Fleisch und Fisch datiert, die kühl gelagert werden müssen. Diese Angabe sollte man beachten. «Mindestens haltbar bis» datiert Produkte, die relativ lange haltbar sind. Laut Kantonschemiker Etter ist bei diesen Lebensmitteln nicht genau zu sagen, bis wann sie noch geniessbar sind: «Die Hersteller entscheiden, was für ihr Produkt noch gut ist.»

Verbindliche Regeln gibt es keine, jeder Hersteller legt die Haltbarkeit seiner Waren selber fest. Willkürlich gehen dabei die Industriebetriebe vor: Viele setzen auch bei Essig, Honig, Zucker und Salz ein Ablaufdatum, dabei sind diese Produkte fast unbeschränkt haltbar.

Zudem legen die einzelnen Grossverteiler die Mindesthaltbarkeit ihrer Produkte ganz unterschiedlich fest. Das zeigt eine Kassensturz-Umfrage. So ist das Weissmehl von Carrefour und Migros mindestens ein Jahr haltbar, das Denner-Mehl nur sechs Monate. Grosse Unterschiede auch beim Greyerzer Käse: Coop datiert seinen Käse mit einer Mindesthaltbarkeit von 48 Tagen, Denner mit 30 Tagen (siehe Tabelle). Bei keinem Produkt, das Kassensturz überprüft hat, gaben alle Grossverteiler dieselbe Dauer an. Das Datum auf den Verpackungen scheint nichts weiter als ein Richtwert zu sein.

«Ich glaube, die Läden schreiben extra eine kurze Frist auf die Verpackungen, damit sie mehr verkaufen!» Die Vermutung einer Passantin in Bern liegt nahe, doch die Hersteller bestreiten sie. Peter Diethelm, Leiter Migros Milchprodukte: «Für uns spielt einzig die Qualität eine Rolle. Wir müssen dem Kunden garantieren, dass das Produkt am Ende der Haltbarkeitsfrist noch einwandfrei ist.»


Beim Joghurt ist eine Sicherheitsmarge einberechnet

Auch Emmi, grösster Milchverarbeiter der Schweiz und Lieferant von Carrefour und Coop, wehrt sich. Markus Stalder, Leiter der Qualitätssicherung, betont, dass die Qualitätssicherung des Produkts bei der Datierung im Vordergrund stehe und nicht die Ankurbelung des Verkaufs: «Ist das Datum abgelaufen, kann der Konsument selber entscheiden, ob er das Produkt noch konsumieren will oder nicht.»

Selbst der Lebensmittelingenieur rät also den Konsumenten, sich nicht genau nach den Haltbarkeitsdaten zu richten. Das gilt auch für Joghurt, obwohl es als leicht verderbliches Lebensmittel mit «zu verbrauchen bis» gekennzeichnet ist. Die Erklärung dafür: Auf den Joghurtbechern steht die Empfehlung, das Produkt bei 6 Grad zu lagern; das Verbrauchsdatum bezieht sich jedoch auf eine Lagerung bei einer Temperatur von 11 Grad. So wollen die Hersteller garantieren, dass ein Joghurt bei Ablauf des Datums auch dann noch einwandfrei ist, wenn es der Konsument nach dem Einkauf nicht sofort kühlt.


Zuschauer sind entsetzt, wie viel weggeworfen wird

Auf den Beitrag über die Haltbarkeit von Lebensmitteln hat das Kassensturz-Publikum mit einer Flut von Zuschriften reagiert. Viele zeigten sich entsetzt, dass in der Schweiz so viele Esswaren im Müll landen, obwohl sie noch einwandfrei sind. Stellvertretend für die grosse Mehrheit schreibt Agnes Salathé-Ruf aus Frenkendorf BL: «Für mich ist es selbstverständlich, dass ich an einem Produkt, das abgelaufen ist, rieche und es probiere. Mir scheint es absurd und verwerflich, wie heute bei uns mit Nahrungsmitteln umgegangen wird, während in anderen Teilen der Welt Menschen verhungern.»

Für ein Mal sind sich die Kassensturz-Zuschauer in ihren Zuschriften einig: Bei der Beurteilung, ob ein Nahrungsmittel noch essbar ist oder in den Abfallkübel gehört, ist nicht das Ablaufdatum auf der Packung entscheidend; wichtig ist der gesunde Menschenverstand. Dazu Marta Padrun aus Lavin GR: «Wir haben fünf Sinne und sollten diese auch verwenden.»



So werfen Sie nicht das Falsche weg

- Bei Fisch und Fleisch das Verbrauchsdatum unbedingt einhalten.
- Produkte mit Schimmel wegwerfen.
- Joghurt kann problemlos auch nach Ablauf des Verbrauchsdatums konsumiert werden. Einfach probieren, ob es noch gut schmeckt. Aber: Joghurtbecher und Büchsen, die aufgebläht sind, gehören in den Abfall. Sie enthalten garantiert Ware, die verdorben ist.
- Lebensmittel, die lange haltbar sind, wie zum Beispiel Spaghetti, Büchsen und Öl: Im Dunkeln lagern, wenn möglich in einem kühlen, trockenen Keller. So bleiben die Waren noch länger gut.
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