Achtung: Finanzhai auf Kundenjagd

K-Geld 6/2001 vom | aktualisiert am

Innert weniger Monate lösten sich sauer verdiente Spargelder in Millionenhöhe von 338 kunden bei der Oltener Anlagefirma Sunvest AG in Luft auf. K-Geld weiss: Drahtzieher des Unternehmens ist ein wegen gewerbsmässigen Betrugs verurteilter Walliser.



Karin B. bekommt Besuch von einem Arbeitskollegen ihres Mannes. Das Handwerken ist ihm verleidet, heute vermittelt er Finanzgeschäfte. Er schwärmt von einer «genialen» Geldanlage, mit der man sein Geld innert kürzester Zeit verdoppeln könne. Begeistert zeichnet Karin B. gleich 10 Partizipationsscheine der Sunvest AG zu je 1340 Franken.



Das war im Mai dieses Jahres. Als Karin B. sich Ende September entschliesst, ihre Partizipationsscheine wieder zu verkaufen, stellt sie mit Schrecken fest, dass der «Kurs» um über 95 Prozent auf 51 Franken pro PS geschrumpft ist.



Karin B. befindet sich in guter Gesellschaft. Die Liste derjenigen, die mit Partizipationsscheinen von der Sunvest AG Geld verloren haben, ist lang. Darunter befinden sich Bauern, Lehrer, Gastarbeiter, eine geschiedene Frau mit Kindern. Sie alle und selbst die Vermittler haben an die Sunvest AG und ihr «geniales Konzept» geglaubt.



Von Karin B. informiert, recherchiert K-Geld die Geschichte der Sunvest AG. Als Verwaltungsräte der Sunvest AG sind bei der Gründung im August 2000 unbescholtene Leute eingetragen worden. Doch die dienten bloss der Tarnung. .



Millionen einkassiert: Insgesamt ist es  gelungen, mit dem Verkauf von 3000 Partizipationsscheinen der Sunvest rund 2 bis 21/2 Millionen Franken einzukassieren. Heute ist dieses Geld bis auf eine Hand voll Franken verschwunden. Ob es bei Anlagegeschäften verloren ging oder ob es auf anderen unbekannten Wegen verschwunden ist, weiss wohl nur der Sunvest-Gründer.



Die kurze Geschichte der Sunvest AG beginnt im Frühling 2000, als der Gründer nach mehreren Fehlschlägen den Zürcher Rechtsanwalt Andreas Haffter kennen lernt. Dieser rät ihm, in der Schweiz eine Aktiengesellschaft zu gründen, die Beteiligungen in Form von Partizipationsscheinen (PS) herausgibt. So kann er über die Gelder aus den verkauften PS schalten und walten, wie er will, ohne dass ihm - wie schon einmal - die Eidgenössische Bankenkommission (EBK) dazwischenfunkt. Haffter erkundigt sich bei der EBK und bekommt Recht: Eine Beteiligungsgesellschaft, wie er sie plant, untersteht nicht ihrer Aufsicht.



Im Sommer 2000 treffen sich Rechtsanwalt Haffter, der Sunvest-Gründer und zwei weitere Personen, die sie als Verwaltungsräte der neu zu gründenden Sunvest AG gewinnen wollen. Haffter informiert die Anwesenden, dass  im Wallis wegen des Verdachts auf gewerbsmässigen Betrug ein Strafverfahren läuft. Das erzählt später ein ehemaliger Verwaltungsrat.



Im August 2000 ist es so weit: In Olten wird die Sunvest AG gegründet und der Gründer zieht auch privat in die Geschäftsliegenschaft ein. Ohne einen einzigen Rappen zu investieren, hält er die Aktienmehrheit.



Für den Verkauf der Partizipationsscheine der Sunvest AG schliesst der Inhaber mit 43 Vermittlern auf Provisionsbasis so genannte Vermittlungsverträge ab. Die meisten Vermittler sind Handwerker und besitzen keine Kenntnisse im Finanzwesen.



Die PS der Sunvest AG haben einen Nennwert von 10 Franken. Die Sunvest bringt sie aber bereits im Herbst zu einem Kurs von 1000 Franken pro PS an den Mann, noch bevor  irgendwelche Anlagen getätigt wurden. Diesen Kurs hat er offenbar in Absprache mit Haffter festgesetzt.





 



seinen Geschäftspartnern gibt Sunvest vor, eines der ausgeklügeltsten Systeme für den Handel an der Börse entwickelt zu haben. Das Kapital lasse sich innert Jahresfrist jedoch nur dann verdoppeln oder gar vervierfachen, wenn er dafür mindestens eine Million US-Dollar zur Verfügung habe.



Am 1. Januar 2001 ist es angeblich so weit. Die angebliche Anlagetätigkeit beginnt. Der Kurs eines PS notiert an diesem Tag bei 1000 Franken. Auf der Website und im Vertrag ist im Zusammenhang mit dem Kurs immer auch von «Net Asset Value» die Rede. Mit dem Ausdruck «Net Asset Value» tut die Sunvest den Anlegern gegenüber kund, dass pro Partizipationsschein Vermögensanlagen der Sunvest im Gegenwert von 1000 Franken vorhanden sind.



Die wundersame Mehrung des Wertes: Wie sich die wundersame Mehrung des Werts eines PS mit einem Nennwert von 10 auf 1000 Franken schon am ersten Handelstag ereignet haben soll, weiss niemand genau, denn der Sunvest-Inhaber schliesst sich zum Schutz seines «Supersystems» regelmässig in seinem Büro ein. Ein ehemaliger Verwaltungsrat berichtet, er habe nie irgendwelche Konto- oder Depotauszüge zu Gesicht bekommen und niemand habe den Inhaber je bei einer Anlagetätigkeit gesehen.



Dennoch erscheint auf der Website der Sunvest AG wöchentlich ein neuer PS-Kurs. Dieser entwickelt sich mit über 20 Prozent Kurssteigerung bis Ende März so unglaublich hoch, dass ein misstrauisch gewordener Verwaltungsrat eine Revision verlangt.



Bis 1. Juni 2001 klettert der Kurs des Sunvest-PS unbeirrt um über 35 Prozent auf über 1300 Franken an - um dann bis zum 7. September über 80 Prozent zu verlieren. Sunvest macht heute den 11. September und das Swissair-Debakel für den Kurssturz verantwortlich - obschon diese Ereignisse nach dem Kurszusammenbruch seiner PS erfolgten.



Gelder spurlos verschwunden: Bei welchen Börseninvestitionen die Gelder auf der Strecke geblieben sein sollen, ist unklar. Die Verwaltungsräte sind inzwischen alle ausgestiegen. Und von der verantwortlichen Revisionsgesellschaft, der Zogg Treuhand AG in Dübendorf, kann man sich auch keine Aufschlüsse erhoffen, beschränkt sich doch ihr erster und einziger Bericht darauf, zu bestätigen, dass am 23. November 2001 die PS einen Wert von 30 Franken hatten.



  Sunvest kämpft auch noch mit anderen Sorgen. Am 4. Dezember wird der Inhaber wegen gewerbsmässigen Betrugs in seiner früheren Firma zu dreieinhalb Jahren Zuchthaus und zu einem fünfjährigen Berufsverbot verurteilt. Zudem häufen sich die Beschwerden der PS-Inhaber. Auf der Website der Sunvest AG ist nun zu vernehmen, dass die Sunvest AG liquidiert wird.



Karin B. hegt keine grossen Hoffnungen mehr, ihr Geld wieder zu sehen. Keine Ruhe lässt ihr aber, dass sie auf einen solchen Schwindel hat überhaupt hereinfallen können.



Rita kornfeld, Meinrad Ballmer







Vom Dachdecker zum Selfmade-Finanzjongleur



Der gebürtige Walliser hat einen speziellen Werdegang hinter sich. Die Chronologie einer steilen und seltsamen Karriere:



1996: Er betreibt erfolglos eine Transportfirma und chauffiert seine eigenen Lastwagen.





1997: Er wechselt in die Finanzbranche. Er gründet das Einzelunternehmen CSLT und kürt sich zum Berater in Finanz- und Börsengeschäften. Bald gesellt sich ein arbeitsloser Holländer zu ihm, der ihm Kundengelder aus Deutschland und Holland vermittelt.



Diesmal geht die Rechnung auf. Insgesamt zieht er über 400 Kunden und rund 9 Millionen Franken an Land. Innert Jahresfrist will er die Kundengelder vervierfachen.



Zwar will das Börsengeschäft gelernt sein - doch es  gibt auch ohne Börsenkenntnisse einen Weg. Er erstellt höchstpersönlich für seine Kunden fiktive Wertentwicklungen ihrer Geldanlagen. Seine Kunden sollen schliesslich glauben, dass er mit ihren Geldern an der Börse handelt und satte Renditen erzielt. In Wirklichkeit findet ein Börsenhandel - wenn überhaupt - nur in spärlichem Ausmass statt. Denn: Er hat mit den Kundengeldern was anderes vor: Er kauft sich, wovon viele Männer ihr Leben lang träumen: zwei Lamborghinis, einen Aston Martin, einen Jaguar, für den er beim Automobilkonstrukteur Franco Sbarro Extras im Wert von einer Million Franken in Auftrag gibt, sowie zahlreiche andere Wagen der gehobenen Klasse. Mit dem fremden Geld will er aber auch Gutes tun. Er versucht, eine Prostituierte aus einem Hamburger Bordell loszukaufen, und will ihr mit Geldgeschenken von über 800 000 Franken einen neuen Start ermöglichen.





1998: Die Eidgenössische Bankenkommission (EBK) bekommt Wind von der angeblichen Börsentätigkeit und schliesst seine Firma, weil sie die nach Börsengesetz notwendigen Kriterien nicht erfüllt.



Zu spät, die Kundengelder sind fast völlig aufgebraucht. Die CSLT gerät in Konkurs und gegen die Inhaber wird ein Strafverfahren eingeleitet. Die Walliser Strafbehörden werfen ihm gewerbsmässigen Betrug und Urkundenfälschung vor.




2000: Als er wegen einer liechtensteinischen Firma erneut in Schwierigkeiten steckt, lernt er im Mai den Zürcher Anwalt Andreas Haffter kennen. Dieser hilft ihm, bereits im Sommer eine neue Gesellschaft, die Sunvest AG, zu gründen.


2001: Doch der Gründer wird nun wohl für einige Zeit das Börsengeschehen aus der Ferne verfolgen müssen. Am 4. Dezember 2001 steht er im Oberwallis in Sachen CSLT vor Gericht.

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