55-Stunden-Woche für Lehrlinge!

K-Tipp 05/2009 vom 11. März 2009

von Daniel Jaggi, Redaktor K-Tipp

Bauern-Lehrlinge arbeiten mehr als Erwachsene in allen anderen Berufen: Die Kantone setzen die Gesundheit der Jungen aufs Spiel – weil die Bauernlobby Druck macht.

Wenn er mal an einem Wochenende zu Hause ist, schläft er fast die ganze Zeit», klagt P. S. aus dem Berner Oberland. Kein Wunder: Sein Sohn, Landwirt-Lehrling im zweiten Lehrjahr, «chrüppelt» täglich bis zu 10 Stunden, inklusive Samstagen. Die rund 900 landwirtschaftlichen Lehrlinge in der Schweiz kommen so auf eine Wochenarbeitszeit von 55 Stunden. Zum Vergleich: In anderen Berufen sinds maximal 45 Stunden.

Für Erwachsene schreibt das Arbeitsgesetz eine wöchentliche Höchstarbeitszeit von 45 bis 50 Stunden vor – selbst für Angestellte am Schreibtisch. Für unter 18-Jährige gilt ein zusätzlicher Schutz. Sie dürfen maximal 9 Stunden pro Tag arbeiten – inklusive Überzeit. Sonntagsarbeit ist gänzlich verboten (siehe unten). Diese Bestimmungen haben gute Gründe, sagt der Aargauer Arbeitsmediziner Dieter Kissling: «Jugendliche brauchen ausreichend Erholungszeit und genügend Freizeit, um ihre sozialen Bindungen festigen zu können.» Zudem belegt eine Studie der Uni Oldenburg (D): Die Zahl der Arbeitsunfälle nimmt nach neun Stunden Arbeit deutlich zu. Kissling hält 55-Stunden-Wochen bei Lehrlingen für «eine katastrophale Situation».

Beim Schweizerischen Bauernverband hält man nichts von den Warnungen der Arbeitsmediziner. Ausbildungs-Sekretär Jakob Rösch: «Kürzere Arbeitszeiten würden die Ausbildung in Frage stellen.» «Kompletter Unsinn», sagt Hansueli Scheidegger von der Gewerkschaft Unia. Er kämpft schon länger für einen Gesamtarbeitsvertrag mit kürzeren Arbeitszeiten. «Die Bauernlobby hat dies immer wieder abgelehnt». Scheidegger ergänzt: «55 Stunden sind jenseits von Gut und Böse. Auf dem Bau mit ebenso harter Arbeit werden höchstens 40,5 Stunden pro Woche gearbeitet.»

Ganz im Sinne des Bauernverbandes argumentiert SVP-Nationalrat Elmar Bigger aus Vilters SG: «Wir können nur überleben, wenn wir so viel arbeiten.» Zur 55-Stunden-Woche für Lehrlinge sagt er: «Das ist nur eine Gewohnheitssache.» Parlamentskollege Jakob Büchler von der CVP sieht es ähnlich: «Wir arbeiten mit der Natur und den Tieren, da gelten andere Arbeitszeiten.»


Welsche Kantone sind etwas humaner

Davon will der Bündner Biobauer Andrea Hämmerle (SP) nichts wissen: «55 Stunden sind für Lehrlinge zu viel.» Kürzere Arbeitszeiten seien mit einer besseren Organisation des Betriebes durchaus realisierbar. Fest steht: Die extrem langen Arbeitszeiten für Bauern-Lehrlinge verstossen nicht gegen das Arbeitsgesetz, weil es für die Landwirtschaft nicht gilt. Die Bestimmungen in den Lehrverträgen regelt jeder Kanton in sogenannten Normalarbeitsverträgen. Laut Auskunft verschiedener Kantone hat der Bauernverband hier ein gewichtiges Wort mitgeredet.

Im Kanton Bern, wo der Sohn von P. S. die Lehre macht, heisst es in den Bestimmungen: «Die Arbeitszeit beträgt höchstens zehn Stunden pro Tag.» Bei einer Arbeitswoche von 5,5 Tagen schuftet der Lehrling also bis zu 55 Stunden wöchentlich. Dies gilt für die ganze Deutschschweiz. Einzig einige welsche Kantone liegen etwas darunter: Die Waadt hat die Arbeitszeit auf 52 Stunden pro Woche beschränkt, Genf auf 49 und das Wallis auf 48 Stunden.


Das müssen Lehrlinge wissen

  • Höchstarbeitszeit: Bis zum 18. Altersjahr beträgt die tägliche Höchstarbeitszeit inklusive Überstunden 9 Stunden. Mit Pausen muss sie innerhalb von 12 Stunden liegen (Ausnahmen: Landwirtschaft, Haushalt). Ab dem 18. Altersjahr gelten 14 Stunden als Höchstarbeitszeit.
  • Wochenarbeitszeit: In Industriebetrieben, für Büropersonal, technische und andere Angestellte sowie Verkaufspersonal in Grossbetrieben gilt: maximal 45 Stunden wöchentlich, 50 Stunden für alle übrigen Lehrlinge. Ausnahmen: Landwirtschaft und Haushalt.
  • Berufsschule: 8 Stunden Schule gelten als ganzer Arbeitstag, 4 Stunden als halber – dann muss man noch einen halben Tag in die Lehrfirma.
  • Überzeit: Sie muss mit Freizeit ausgeglichen oder entschädigt werden.
  • Abend- und Sonntagsarbeit: Bis 22 h möglich, ab dem 18. Altersjahr bis 23 h. Ein Lehrling darf ab dem 18. Altersjahr – sofern er einverstanden ist – an maximal sechs Sonntagen pro Jahr arbeiten.
  • Ausbildung: Botengänge und Putzarbeiten dürfen nicht dominieren. Wer sich ausgenutzt fühlt und denkt, er lerne nichts, sollte mit dem Chef oder dem Berufsbildungsamt reden.
  • Lohnabzüge: Der Lohn darf nicht einseitig geändert werden – etwa als Strafe für ungenügende Leistung. Erlaubt sind Abzüge nur, wenn ein Lehrling dem Betrieb absichtlich oder grobfahrlässig Schaden zugefügt hat.
  • Kostgeld: Lehrlinge dürfen frei über den Lohn verfügen. Eltern dürfen Kostgeld verlangen. Tipp: Vor jedem neuen Lehrjahr den Betrag und darin eingeschlossene Leistungen (Kleider, Essen usw.) vereinbaren.
  • Kleider: Lehrlinge müssen sich an Kleidervorschriften halten. Spezielle Arbeitskleider wie Uniform und Schutzkleider muss der Arbeitgeber zur Verfügung stellen und bezahlen.
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