24 preisgünstige Rotweine aus dem Supermarkt im Vergleich - Trinkvergnügen für wenig Geld

Haus & Garten 1/2000 vom

Wie viel Weingenuss gibts für gut 10 Franken? K-Spezial fand ein paar echte Gaumenschmeichler, aber auch einige «Gurgelputzer».

«Das Leben ist zu kurz, um schlechten Wein zu trinken.» Gerne nehmen Weinliebhaber dieses geflügelte Wort in den Mund, wenn sie sich mit Kennermiene geniesserisch über den Rand des Bordeaux-Glases hinweg zuzwinkern.

In der Tat: Hin und wieder mit Bedacht einen edlen Tropfen zu schlürfen kann ein unvergessliches Erlebnis sein. Aber wer kann sich diesen kostspieligen Genuss schon jeden Tag leisten?

«Beim Weinkauf ist nach wie vor der Preis der entscheidende Faktor», sagt etwa der Weinjournalist Stefan Keller. Eine Erfahrung, die Schweizer Grossverteiler bestätigen. Ihre Verkaufszahlen belegen: Gefragt sind weniger die teuren und berühmten Spitzengewächse, sondern gute Alltags-Weine, die das Budget nicht zu stark belasten. So erstaunt es nicht, dass Weine, die im Laden weniger als 10 Franken kosten, in der Schweiz zu den meistverkauften gehören.

Dabei ist die Vielfalt gewaltig - und für jemanden, der sich mit Wein nicht besonders gut auskennt, ziemlich verwirrend. Wer die Weinregale in einem Supermarkt abschreitet, dem kann allein schon beim Anblick der aufgereihten Flaschen schwindlig werden. Die richtige Wahl zu treffen fällt oft schwer. Und ob der Inhalt den Erwartungen entspricht, stellt sich erst nach dem Öffnen einer Flasche heraus - oder spätestens am «Morgen danach», wenn der Schädel brummt.


Auch günstige Weine sollen etwas Charakter zeigen

Aber was darf der Konsument überhaupt von einem «Billig-Wein» erwarten? Stefan Keller: «Auch ein preisgünstiger Wein muss korrekt ausgebaut sein. Es dürfen keine weinfremden Aromen vorhanden sein oder Aromen, die auf Fehler bei der Herstellung schliessen lassen.» Ausserdem sollte der Wein trinkreif sein, das heisst: weder zu alt noch zu jung. Und er sollte minimale Merkmale aufweisen, die den auf der Etikette angegebenen Bezeichnungen (Traubensorte, Herkunft, Ausbauart) eigen sind.

Wie weit preisgünstige Rotweine aus dem Supermarkt diese Anforderungen erfüllen, zeigt dieser Test. K-Spezial fragte sieben Grossverteiler: In welcher Preislage verkaufen Sie am meisten Wein? Und bat um die Namen einiger «Verkaufsschlager». Mit diesen «Hit-Listen» ging ein Redaktor auf Weinkaufstour. Die Ausbeute: 24 Flaschen Rotwein, nur zwei davon teurer als 10 Franken.

Vier Weinfachleute verkosteten die Weine, und zwar «blind», das heisst mit verdeckter Etikette. Bekannt waren lediglich die Preisspanne (von Fr. 3.80 bis Fr. 11.90), die Wein- oder Traubensorte und der Jahrgang.

Beim konzentrierten Schnüffeln und Schlürfen blieben den Degustatoren die Stärken und Schwächen der verkosteten Tropfen nicht verborgen.


Viele «brave» Weine für den Alltag

Die meisten Weine entsprachen ziemlich genau dem Image, das ihnen anhaftet: anständige, «brave» Alltags-Weine, die zwar keine Fehler haben, aber auch keine hervorstechenden positiven Eigenschaften.

Sie rollen angenehm über die Zunge wie der Rioja «Paternina, Banda Azul» (Denner, Fr. 6.95), sie eignen sich zum Zechen in gemütlicher Runde wie der Beaujolais «La ferronnière» (Coop, Fr. 6.50) oder sie sind ideale Tischgenossen wie der Hallauer Beerli «Winzerfreud» (Epa, Fr. 8.20), wenn rustikale Schweizer Spezialitäten auf den Teller kommen.

Die geübten Weinnasen spürten aber auch ein paar äusserst attraktive Tröpfchen auf: «Vielschichtig und charaktervoll - ein heisser Anwärter aufs Siegerpodest», kommentierte der Önologe Martin Wiederkehr den Châteauneuf-du-Pape von Jumbo (Fr. 11.90). Und die Runde war mit ihm einig: «In dieser Preislage ein sehr guter Wein.»

Begeisterter Beifall erntete auch der Douro «Mandos» von Jumbo (Fr. 6.90). «Einfach genial!», lautete das Urteil von Wein-Autor Ernst Meier. Und der Weinjournalist Stefan Keller war ebenfalls angetan vom Schmelz und der Fülle des Portugiesen: «Meine Empfehlung: sofort eine Kiste davon kaufen!»

Das ausgezeichnete Preis-Qualitäts-Verhältnis machte den Douro zum Testsieger.

Wie in dieser Preisklasse nicht anders zu erwarten, fanden sich unter den 24 getesteten Weinen auch ein paar recht freudlose Gewächse. So etwa der Dôle du Valais (Jumbo Fr. 7.90), ein «dünner» Wein ohne jeden Schmelz, der bereits deutliche Alterserscheinungen zeigte. René Zimmermann, Wirt im Zürcher Restaurant «Neumarkt», stach der unverkennbar faulige Modergeruch in die Nase: «Für einen 1998er nicht akzeptabel.»

Ebenso schal und ausgezehrt schmeckte der Côtes du Rhône «Caves des Papes» (Denner, Fr. 4.95).


Ein berühmter Name bürgt nicht für Qualität

Dass man sich beim Weinkauf nicht allein auf bekannte Namen verlassen sollte, zeigte einmal mehr der Bordeaux «Lemoine Lacarrière» (Volg, Fr. 9.60). «Stinker», «dünnes Möstlein», «eine Katastrophe», lauteten die wenig schmeichelhaften Urteile der Fachleute.

In seinen üblen Eigenschaften übertroffen wurde der Bordeaux nur noch vom Côtes du Rhône «Croix d'Amont» (Coop, Fr. 4.40, Literqualität). Der Wein war derart geprägt von Säure, dass die Tester sofort zum Spucknapf griffen.

Fazit: Wer für einen guten Tischwein nicht viel Geld ausgeben will, muss nicht auf dem Trockenen sitzen. Weingenuss gibts auch zu kleinen Preisen. Etwas Experimentierfreude und Glück beim Kauf gehören allerdings dazu. Die «Trouvaillen» findet nur, wer sich ab und zu auf Unbekanntes einlässt.

Unser Tipp: Packen Sie beim nächsten Weinkauf einmal sechs verschiedene Flaschen in einen Karton. Laden Sie ein paar Freunde ein. Und statt einen Abend lang an Ihrer «Hausmarke» zu nippen, stellen Sie zwei oder drei neue Weine auf. Probieren Sie, vergleichen Sie - vielleicht ist eine echte «Trouvaille» dabei.

Barbara Jud



Die meistverkauften «Billigweine»

- Auswahl der Weine: Es handelt sich um die meistverkauften Weine im unteren Preissegment der Grossverteiler (nach eigenen Angaben). Je grösser der Marktanteil im Weingeschäft, desto mehr Weine wählte K-Spezial aus einem Sortiment.

- Degustation: Die Degustationsrunde bestand aus Martin Wiederkehr, Önologe, René Zimmermann, Wirt im Zürcher Restaurant «Neumarkt», Ernst Meier, Autor des «Westentaschen Weinkenners», und Stefan Keller, Redaktor der Wein-Fachzeitschrift «Vinum». Sie verkosteten die Weine mit verdeckter Etikette und bewerteten sie anschliessend. Stefan Keller fasste die Ergebnisse in einem kurzen Kommentar zusammen. Die Bewertung entspricht dem Notendurchschnitt.
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