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Sandra Scheiter, 52, arbeitet im Sicherheitsdienst von Coop
Nach Arbeitsanfang schlendere ich durch die Gänge, lege etwas in den Wagen, halte die Augen offen. Drei Abteilungen sind besonders interessant. Erstens Kosmetik: Diese Artikel sind teuer und leicht zu verstecken. Zweitens Spirituosen: Alkohol ist begehrt. Drittens Gemüsetheke: ein beliebter Ort für Taschendiebe, denn viele Kunden sind so mit der Auswahl beschäftigt, dass sie ihre Taschen ganz vergessen. Zudem füllen manche Kunden dort nach dem Ausdrucken des Preises das Säcklein auf.
Mit der Zeit bekommt man ein Auge für Langfinger. Der normale Kunde fixiert Regale und Waren. Ein Dieb schaut sich um und auf andere. Wer was mitlaufen lässt, steht unter Druck, ist verspannt, schwitzt. Sehe ich, dass jemand etwas einsteckt, folge ich ihm und achte darauf, ob er es sich nicht anders überlegt und die Ware irgendwo ablegt. Nach der Kasse fange ich ihn ab, weise mich aus und frage: Könnten Sie bitte mitkommen? 96 von 100 Kunden folgen lammfromm.
Ich habe Metzgerei-Verkäuferin gelernt, danach ging ich vier Jahre lang bei der Stadtpolizei auf Streife. Seit 15 Jahren bin ich Ladendetektivin. Ich liebe es, zu beobachten, blitzschnell zu entscheiden. Man entwickelt Jagdinstinkt, darf Konfrontationen nicht scheuen. Am wichtigsten ist der siebte Sinn, der einem sagt, dass etwas nicht stimmt. Andererseits ist das auch ein sehr einsamer Job. Man muss gut allein sein können.
Im Schnitt erwische ich alle fünf Stunden jemanden. Im Büro lasse ich die Person ihre Taschen leeren. Entdecke ich unbezahlte Ware, nehme ich die Personalien auf, lasse sie eine Erklärung unterschreiben. Ihre Daten bleiben zwei Jahre im Zentralregister. Wer Artikel für unter 10 Franken geklaut hat, muss 50 Franken Umtriebsentschädigung zahlen. Bei teureren Sachen sind es 150 Franken. Ist das Diebesgut über 300 Franken wert, erstatten wir Strafanzeige. Bei Wiederholungstätern auch. Sie bekommen zudem ein Hausverbot für die Coop-Gruppe.
Drei- bis viermal im Jahr erweist sich mein Verdacht als falsch. Ich entschuldige mich dann für den Fehler. Viele Kunden fühlen sich dennoch tief beleidigt. Wir suchen dann eine individuelle Abgeltung, etwa durch einen Gutschein. Auch Arbeitskollegen überprüfen wir. Ich mache Taschenkontrollen in Verteilzentren. Mich ärgern stehlende Mitarbeiter besonders, weil sie die Loyalität zum Arbeitgeber verletzen. Ob Coop mich auch überwacht, weiss ich nicht. Meine Tasche hat noch keiner kontrolliert.
Wir sind zu viert für 32 Läden in der Ostschweiz, im Tessin und in Graubünden zuständig. Im Coop-Sicherheitsdienst arbeiten 60 Detektive, meist Frauen, alle in Teilzeit. Wir wechseln fast täglich den Einsatzort. Unser Lohn hängt nicht von einer Fangquote ab.
Coop investiert viel in die Prävention. Hier im Megastore Winterthur hängen zwölf Kameras. Wenn wir zu zweit arbeiten, sitzt eine oben im Kontrollraum, eine ist unten. Wir verständigen uns per Handy. Wichtiger als die Technik sind aber die Verkäuferinnen. Sie haben den Auftrag, den Kunden stets in die Augen zu schauen. Sie sollen wissen, dass sie gesehen werden. Das wirkt.
Ich habe kein Mitleid mit den Erwischten. Ehrliche Kunden sollten nicht für die andern zahlen müssen. Das fordert mein Gerechtigkeitssinn. Letzte Woche habe ich eine 3-Jährige mit einem Pack Gummibärli ertappt, ihre Mutter hat nur gelacht. Und eine 91-Jährige, die einen Lippenstift eingesteckt hatte. Ich bin für null Toleranz. Kein Dieb konnte mir bisher vernünftig erklären, wieso er gestohlen hat. Aus Hunger tut das keiner. In den Coop-Märkten gibt es nicht mehr Diebstähle als früher. Nur professionellere, etwa von ausländischen Banden. Um die zu fassen, muss man noch aufmerksamer hinschauen.
24. Mai 2010 | Eric Breitinger, Redaktion saldo
