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Der Untergang der Bohrinsel im Golf von Mexiko gehört schon jetzt zu den grössten Ölkatastrophen. Noch verheerender ist aber, dass weltweit jede Stunde rund 675 Tonnen Abfall im Meer landen.
Die Ölpest im Golf von Mexiko nimmt immer gewaltigere Ausmasse an. Zuerst wollten Experten mit einer knapp 100 Tonnen schweren Stahlglocke das auslaufende Öl auffangen und abpumpen. Der Versuch misslang. Nun versucht der Ölkonzern BP, das Öl durch ein Rohr abzusaugen. Die Zeit drängt. Momentan fliessen gemäss Schätzungen der Küstenwache jeden Tag 800‘000 Liter Öl ins Meer.
Umweltschützer befürchten, dass es noch viel mehr ist. Das Öl hat sich Beobachtern zufolge schon auf einer Fläche von 6500 Quadratkilometern ausgebreitet. Doch neben der sichtbaren Verschmutzung auf der Meeresoberfläche entdeckten Wissenschafter auch in der Tiefe riesige Ölfahnen. Und bereits liegt nach Angaben der Experten der Sauerstoffgehalt in der Nähe der Ölschwaden rund 30 Prozent unter den Normalwerten, was für die Meerestiere eine ernste Gefahr ist.
Die Katastrophe könnte so folgenschwer wie die bislang grösste Ölkatastrophe überhaupt werden: Als sich die Soldaten Saddam Husseins 1991 im Golfkrieg aus dem besetzten Kuwait zurückzogen, sprengten sie vor der Küste Bohrplattformen in die Luft und zerstörten Tanklager. 700 Kilometer Küste wurden verseucht, rund 1 Milliarde Liter Öl lief aus.
Riesiger Teppich aus Plastikabfall zwischen Hawaii und Kalifornien
Doch nicht allein solche Katastrophen bedrohen den Lebensraum Meer. Laut Schätzungen der Meeresschutzorganisation Oceana werden weltweit jede Stunde rund 675 Tonnen Abfall direkt ins Meer geworfen. Der Müll gelangt vom Land aus ins Meer. Also durch Abwässer, Landwirtschaft, Mülldeponien, illegale Abfallentsorgung an der Küste sowie Freizeitaktivitäten. Und durch Abfall von Schiffen, Aquakultur- und Offshore-Anlagen.
Am auffälligsten ist die Meeresverschmutzung zwischen Hawaii und Kalifornien. Dort hat sich der grosse kalifornische Abfallstrudel aus gut 3 Milliarden Kilogramm Plastikmüll gebildet. Und das auf einer Fläche so gross wie Mitteleuropa.
Besonders schlimm ist Plastik. Er macht etwa 70 Prozent des gesamten Meeresabfalls aus. Sehr oft halten Meeresschildkröten die zerfetzten Plastiksäcke fälschlicherweise für ihre Lieblingsmahlzeit Quallen. Das führt gemäss dem Greenpeace-Meeresbiologen Thilo Maack oft zu Darmverschlüssen. Oder Giftstoffe gehen langsam in den Körper über, was einen qualvollen Tod zur Folge hat.
Aber auch viele Meeresvögel ernähren sich ausschliesslich von dem, was sie auf offener See finden. Und oft verwechseln sie die auf der Wasseroberfläche schwimmenden Plastikteile mit Futter. Das ist fatal: Der Plastik verstopft ihre Mägen, für Flüssigkeit und eigentliche Nahrung gibt es keinen Platz mehr.
Zudem verfüttern die erwachsenen Tiere den Müll an ihre Vogelkinder, die dann elendiglich zu Grunde gehen. Aber auch in Mägen von Walen, Delfinen und Robben finden Forscher oft Plastikgegenstände. Besonders schlimm sind laut WWF Flaschenhälse aus PET, an denen Meerestiere oft ersticken.
Zigarettenfilter: Schluckt ein Fisch einen Stummel, stirbt er
Zwischen 2002 und 2006 untersuchte das Institut für Marine Ressourcen in Bremen (Imare) und das Forschungs- und Technologiezentrum Westküste der Uni Kiel (FTZ) 304 verendete Eissturmvögel in der Nordsee. Bei 95 Prozent waren Plastikteile vorhanden. Und zwar mit einer Durchschnittszahl von 31 Plastikteilen pro Vogel. Hinzu kommt: Die Abbauzeit von Plastik beträgt 450 Jahre. Noch länger dauert es nur bei Aluminium, das 500 Jahre braucht, bis es sich zersetzt hat.
Aber auch ein weggeworfener Zigarettenfilter benötigt 200 Jahre, um von der Natur abgebaut zu werden. Zudem sind Zigarettenstummel hochgiftig und können von Fischen geschluckt werden, was diese jeweils nicht überleben. Gemäss dem Bericht des UN-Umweltprogramms 2009 stellen Zigarettenfilter und Zigaretten mit weltweit mehr als 25 Millionen Stück den grössten Anteil an den rund 103 Millionen Stück Meeresabfall, die für die Untersuchung katalogisiert wurden.
Für die erste Untersuchung dieser Art wertete das in Nairobi, Kenia, angesiedelte United Nations Environment Programme (UNEP) Müllfunde aus zwölf Meeresregionen aus. Darunter etwa aus dem Mittelmeer, der Ostsee und der Karibik. Viel Müll stammt dem Report zufolge auch aus dem Tourismus.
Ein gutes Beispiel dafür, dass Tourismus und saubere Meere sich nicht ausschliessen, seien Mauritius und die Seychellen. Sie trügen nahezu nichts zum Müll im westlichen Indischen Ozean bei, obwohl sie beliebte Reiseziele seien. Doch das sind Ausnahmen. Entlang der Strände von Nordsee und Nordatlantik liegen zum Beispiel nach Angaben des deutschen Bundes für Umwelt und Naturschutz auf einem 100 Meter kurzen Strandabschnitt durchschnittlich 712 Abfallteile, mancherorts gar 1200.
Meer als Deponie für Pestizide und radioaktive Abfälle missbraucht
Eine weitere Gefahr sind Fischereiartikel. Viele Tiere verfangen sich in verlorenen Netzen, Angelschnüren oder Tauen. Etwa ein Zehntel des gesamten Mülls in den Weltmeeren geht zu Lasten der im Wasser treibenden oder auf den Grund gesunkenen Fischereiausrüstung.
Ölteppiche wie derjenige im Golf von Mexiko verursachen gemäss WWF zwar grosse Schäden, sind aber laut einer Studie des US National Research Council nur für 12 Prozent des Ölabfalls im Meer verantwortlich. Rund 36 Prozent gelangen als Abfallstoffe und Oberflächenabflüsse von Städten und der Industrie durch Abwasserkanäle und Flüsse ins Meer.
Nahezu jedes Lebewesen im Meer ist nach Angaben des WWF mit Chemikalien belastet. Der Grund: Bis in die 70er-Jahre wurden die Ozeane als Abfallhalde betrachtet. Man war davon ausgegangen, dass die Ozeane gross genug sind, um Unmengen an Giftstoffen so stark zu verdünnen, dass diese nicht mehr gefährlich sind. Fast alles wurde im Meer deponiert. Auch Pestizide, chemische Waffen und radioaktive Abfälle. Doch die Giftstoffe sind nicht verschwunden. Gefährlicher noch: Sie gelangen teils konzentriert via Nahrungskette wieder zum Menschen zurück.
Zu viel CO2 im Wasser: Verheerende Folgen für die Nahrungskette
Durch die zunehmende Verbrennung fossiler Brennstoffe wie Öl, Kohle und Gas wird immer mehr CO2 in die Atmosphäre freigesetzt. Die Ozeane haben laut WWF seit Beginn der Industrialisierung etwa die Hälfte des CO2 aus der Atmosphäre aufgenommen. Lange hielten das Klimaforscher für einen Segen. Doch neueste Untersuchungen zeigen, dass das CO2 im Wasser chemisch aktiv ist. Das senkt den pH-Wert, was zu einer Versauerung der Meere führt mit Auswirkungen für viele Kalkschalen bildende Organismen.
Das sieht auf den ersten Blick nicht nach einer Tragödie aus. Aber der tiefe pH-Wert stellt Steinkorallen und Planktonorganismen wie Kalkalgen vor riesige Probleme: Er behindert die Skelettbildung und führt dazu, dass sich bestehende Kalkskelette auflösen. Und da Plankton am Anfang der Nahrungskette im Meer steht, könnte diese Entwicklung verheerende Folgen für das ganze Ökosystem im Meer haben.
Umweltschutz: Das kann jeder selber dazu beitragen
24. Mai 2010 | Werner Fischer
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