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Artikel | saldo 09/2010

Buch-Tipps

Steigende Ölpreise erhöhen die Transportkosten. Deshalb werden heimische Produkte wieder attraktiver, sagt der kanadische Ökonom Jeff Rubin in seinem neuen Buch.


Globalisierung im Rückwärtsgang

Entfernungen misst man in der globalen Wirtschaft nicht in Kilometern, sondern in Dollar»,  schreibt der kanadische Energieexperte Jeff Rubin . Damit gibt er eine Leitidee vor, die sich durch die 280 Seiten seines neuen Buches zieht.

Für die Konsumenten hat er eine gute und eine schlechte Nachricht parat. Die schlechte: Angesichts schwindender Ressourcen wird der Ölpreis massiv steigen, was zu schmerzhaften Preiserhöhungen in praktisch allen Lebensbereichen führen wird – denn wo steckt schon kein Öl drin? Für Rubin ist klar: Die Menschen werden beim Lebensstil Abstriche machen müssen. Zudem müsse sich die Wirtschaft von der Ölabhängigkeit befreien.

Die gute Nachricht: Die lokale Produktion gewinnt an Bedeutung, da die Transportkosten stark ansteigen werden. Die Globalisierung legt den Rückwärtsgang ein. Rubin warnt vor der Illusion, dass eine effiziente Energienutzung automatisch den Energieverbrauch reduziert.

Verbesserte Energieeffizienz senkt zwar die Energiekosten,  doch dies fördert das Wirtschaftswachstum, was wiederum die Energienachfrage anheizt. Rubin belegt seine These anhand der Flugzeugindustrie: Trotz immer energieeffizienterer Maschinen hat hier der Treibstoffverbrauch insgesamt zugenommen.

Das Buch ist leicht lesbar und wendet sich an eine breite Leserschaft. Das ist auch den zahlreichen historischen Einschüben zu verdanken, etwa zur Entwicklungsgeschichte  des Nahverkehrs in den USA oder des Elektroautos.

Irreführend ist der Titel. Die Welt wird laut Rubin nämlich nicht kleiner, sondern grösser. Denn mit den steigenden Transportkosten werden die Distanzen nicht mehr so einfach überwindbar wie bisher.

Jeff Rubin, «Warum die Welt immer kleiner wird. Öl und das Ende der Globalisierung», Hanser, ca. Fr. 36.–


Mediale Auswüchse

Der deutsche Publizist Tom Schimmeck dokumentiert anhand zahlreicher Beispiele die Unglaubwürdigkeit der deutschen Medien. So belegt er, dass das von der konservativen Presse gerne angeführte Wort «Gutmensch» aus dem Repertoire der Nazipropaganda stammt. Oder er schildert mit viel Witz, wie eine Casting-Agentur Menschen für das Reality-TV rekrutiert – als Bauernbräute, Schwerverschuldete oder Fremdgeher.

Auch die aktuelle Wirtschaftspresse ist aus seiner Sicht nach der Bankenkrise unglaubwürdig: «Euphorisch hat sie am modischen Märchen mitgesponnen.» Schimmecks These: Medienkonsumenten  bekommen nur Oberflächliches oder gar Irreführendes vorgesetzt. Neu ist das nicht, aber unterhaltsam erzählt.   

Tom Schimmeck, «Am besten nichts Neues», Westend, ca. Fr. 33.–


Aus der Geschichte nichts gelernt

10‘000 Gulden – so viel wie für ein Haus in Amsterdam – verlangten Händler 1637 für eine Zwiebel der Tulpe «Semper Augustus». Das war der Höhepunkt einer Spekulationsblase, bei der Händler den Tulpenpreis mit undurchsichtigen Finanzprodukten in die Höhe getrieben hatten. Offenbar hat man daraus nichts gelernt.

Denn nach dem gleichen Muster sind seither viele Finanzkrisen abgelaufen – auch die jüngste. «Spiegel»-Journalisten und Wissenschafter zeigen auf, welch mächtige Rolle das Geld im Laufe der Geschichte gespielt hat. Die Lektüre regt immer wieder zum Schmunzeln an. Etwa wenn ein Autor beschreibt, wie gescheiterte Bankiers im mittelalterlichen Italien öffentlich ihren Hintern entblössen und erklären mussten, dass sie auf ihr Hab und Gut verzichten.     

Alexander Jung u.a., «Geld macht Geschichte», Spiegel, ca. Fr. 35.–


Warum Lärm nervt

Weshalb kann ein tropfender Wasserhahn jemanden fast in den Wahnsinn treiben, während das Tosen eines Wasserfalls als schön empfunden wird? Geräusche aus der Natur nimmt man nie als Lärm wahr, erklärt die ehemalige NZZ-Korrespondentin Sieglinde Geisel in ihrem Buch. Die Natur dämpfe auch den Lärm. So empfinde man Verkehrslärm als weniger laut, wenn Bäume die Strasse säumen.

Laute Musik hingegen hebe die Gewaltbereitschaft an, indem sie die Adrenalinausschüttung ankurble. Geisel zitiert ausgiebig Dichter und Denker und schlägt Brücken zur griechischen Mythologie. Die Lektüre des Buches lohnt sich: Nachher nimmt man plötzlich wieder das Klappern der Teller aus dem nahen Café und das Vogelgezwitscher wahr.    

Sieglinde Geisel, «Nur im Weltall ist es wirklich still», Galiani, ca. Fr. 30.–

09. Mai 2010 | Stefan Schuppli, hü, thl, sr


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