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Berufsleben
Das Schlüsselerlebnis hatte ich im Alter von fünf Jahren bei einem Familienausflug zum Munot. Es waren bei den SBB die letzten Jahre der Dampflokomotiven. In Schaffhausen stand auf dem Spielplatz ein ausrangiertes Exemplar – ich war begeistert und wollte unbedingt auch eine haben. Allerdings sind dann noch viele Jahre vergangen, bis ich mich wieder mit Dampflokomotiven befasste. Zuerst machte ich eine Buchdruckerlehre. Danach war ich in der Verlagsbranche tätig.
Das Interesse an historischen Kulturgütern liess aber nie nach. Ab 1996 nahm ich mein erstes grosses Projekt in Angriff: Im Auftrag der Südostbahn durfte ich ein Konzept für den Erhalt und die Revisi-on ihrer letzten Dampflokomotive «Schwyz» erarbeiten. Sie stand während Jahren als Denkmal vor dem Bahnhof Wädenswil ZH. Ich aber wollte sie wieder fahren sehen.
Die finanziellen Mittel für die Revision der über 130 Jahre alten Schwyz konnte ich vollumfänglich sicherstellen. Die Totalrevision kam auf rund 400 000 Franken zu stehen. Durch meine Initiative ist eine der ältesten Dampflokomotiven der Schweiz betriebsfähig der Nachwelt erhalten geblieben. Ein wunderbares Gefühl.
Seit fünf Jahren bin ich hauptberuflich damit beschäftigt, finanzielle Mittel für den Erhalt von historischen Kulturgütern zu beschaffen. Dabei kläre ich zuerst ab, inwiefern ein Objekt aus historischer oder technischer Sicht überhaupt erhaltenswert ist. Dabei arbeite ich mit Experten wie Industriehistorikern zusammen. Dann geht es darum, die Kosten für eine allfällige Revision zu eruieren, um dann die erforderlichen Mittel zu beschaffen.
Ich wende mich an Privatpersonen, Firmen, Institutionen, Stiftungen oder auch Gemeinden, die einen Bezug zum Objekt haben und deshalb bereit sind, finanzielle Mittel zur Verfügung zu stellen. Jährlich kann ich auf verschiedene Projekte verteilt höchstens 300‘000 bis 400‘000 Franken generieren.Es braucht viel Überzeugungsarbeit, obwohl ich inzwischen gute Verbindungen zu möglichen Geldgebern habe.
Die Industrialisierung ist ein bedeutender Teil unserer Geschichte, sie prägte Stadt und Land. Es ist wichtig, dass gewisse Zeugen dieser Zeit gezielt der Nachwelt erhalten bleiben. Ich jedenfalls bin fasziniert von der Industriekultur und investiere sehr viel Zeit und Herzblut in die Projekte – auch wenn ich damit nicht reich werde.
Die persönliche Befriedigung an meiner Tätigkeit betrachte ich als ein grosses Privileg. Mein Antrieb ist die Gewissheit, einen Beitrag für die Nachwelt leisten zu können. Vieles auf dem Gebiet der Erhaltung unserer historischen Kulturgüter wird in den nächsten Jahren von meiner persönlichen Initiative abhängig sein.
Ich kenne keine Grenze zwischen Arbeit und Freizeit, ich bleibe immer dran. Nebst der Geldbeschaffung gibt es jede Menge zu organisieren. Wie transportiert man beispielsweise eine Dampflokomotive von Basel nach Brugg? Wer kann die Lokomotive unter Berücksichtigung der technischen und historischen Aspekte revidieren?
Das alles hält mich ziemlich auf Trab, während ich darauf warte, für das nächste Projekt grünes Licht zu bekommen. Zurzeit arbeite ich unter anderem daran, die Finanzierung der Informationsplattform für schützenswerte Industriekulturgüter sicherzustellen. Diese soll dazu beitragen, die Nachwelt für den Erhalt der wertvollen historischen Industriekulturgüter zu sensibilisieren.
25. April 2010 | Marianne Siegenthaler
