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Artikel | saldo 07/2010

Der Euro fällt, nur die Preise nicht

Der Euro-Kurs fällt und fällt. Schweizer Unternehmen können deshalb billiger importieren. Doch die Konsumenten profitieren nicht.

Noch Mitte Dezember notierte der Euro bei Fr. 1.51. Dann setzte die Talfahrt ein, und am 1. April erreichte er Fr. 1.43. Von diesem rund 5-prozentigen Rückgang sollten eigentlich die Konsumenten in der Schweiz profitieren. Denn deutlich mehr als die Hälfte der Importe kommen aus dem Euro-Raum – in den vergangenen vier Monaten dürften es hochgerechnet Güter im Wert von rund 40 Milliarden Franken gewesen sein.

Der theoretische Abwertungsgewinn für die Schweiz beläuft sich somit allein für diesen Zeitraum auf stolze 2 Milliarden Franken. Der tiefe Euro sollte also zu einer Bremsung der Teuerung in der Schweiz führen. So zumindest die Theorie.


Preissenkungen so lange wie möglich hinausgezögert

Doch dem ist nicht so: Anstelle eines Rückganges meldete das Bundesamt für Statistik letzte Woche einen Anstieg der Teuerung von 1,4 Prozent. Ganz offensichtlich: Der schwache Euro hat noch nicht durchgeschlagen. Das hat verschiedene Gründe, unter anderem statistische. Das Ausland hat in der Teuerung nur ein Gewicht von 27,1 Prozent.

Der Hauptgrund für die Teuerung aber ist: Schweizer Unternehmen zögern Preissenkungen möglichst lange hinaus – so lange, bis sie die Konkurrenz zwingt, ihre Preise zu reduzieren. Beat Niederhauser, Stellvertreter des Preisüberwachers, bestätigt: «Alle versuchen, die Preise hoch zu halten.» Der Wettbewerb sei ein ganz wichtiges Element, damit Preise gesenkt würden.

Die Grossverteiler Migros und Coop nehmen zurzeit wegen des tiefen Euros keine Preisreduktionen vor. Coop-Sprecher Nicolas Schmied sagt, dass praktisch alle Importe von ausländischen Markenartikeln durch Schweizer Tochtergesellschaften der ausländischen Produzenten erfolge.

Coop zahlt diesen Schweizer Töchtern den Preis in Franken, die Währungsgewinne verbleiben also beim Importeur. «Seit Anfang März thematisieren wir nun bei unseren Lieferanten den tiefen Euro-Kurs und verhandeln auf Basis der neuen Kursentwicklung», sagt Schmied. Bei erfolgreichen Verhandlungsergebnissen werde Coop die günstigeren Einstandspreise weitergeben.

Die Amag, grösster Schweizer Autoimporteur, gibt den Währungsvorteil zurzeit ebenfalls nicht an die Kundschaft weiter. Die Preisfestsetzung geschehe im Rahmen einer langfristigen Planung. «Wir haben die Preise zum Teil auch nicht erhöht, als der Franken schwächer wurde», rechtfertigt sich Amag-Sprecher Dino Graf.


Preisüberwacher will bei Medikamenten eventuell Preiskorrekturen fordern

Auch die Pharma profitiert vom gesunkenen Euro-Kurs: Die vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) angekündigte Preissenkung von kassenpflichtigen Medikamenten basiert noch auf einem Euro-Kurs von Fr. 1.52 – das liegt deutlich über dem aktuellen Kurs von Fr. 1.43. Der Reduktion hat das BAG den durchschnittlichen Euro-Kurs von Juli bis Dezember 2009 zugrunde gelegt. Der Preisüberwacher verspricht saldo: «Bei einem weiteren Euro-Zerfall  wird die Lage gegen Ende Jahr nochmals überprüft und allenfalls eine Korrektur gefordert.»

Auch die Bücher werden zu einem zu hohen Wechselkurs verrechnet. Die «unverbindlichen Buchpreisempfehlungen» der Verteilzent-ren für die Buchhandlungen wurden zwar auf den 1. April um durchschnittlich 5 Prozent nach unten angepasst. Doch sie basieren immer noch auf einem Euro-Preis von Fr. 1.52. Zuvor war die Berechnungsgrundlage Fr. 1.57, vor dem 1. Mai 2009 gar Fr. 1.64.

11. April 2010 | Stefan Schuppli


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