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Die saisonale Grippeimpfung bringt den über 65-Jährigen gemäss einer neuen Studie nur einen geringen Schutz. Beim Bund hält man an den teuren Impfaktionen fest.
Die wissenschaftlichen Beweise für die Wirksamkeit von Grippeimpfungen sind mager, bilanziert eine neue Überblicksstudie der Cochrane Collaboration. Forscher des renommierten Wissenschafter-Netzwerks hatten 75 Studien überprüft. Resultat: Nur eine hielten sie für brauchbar, weil ihre Ergebnisse auf echten Grippefällen in der Kontrollgruppe beruhten und nicht nur auf in Bluttests festgestellten Antikörpern gegen Grippeviren.
Studienleiter: «Dünne Beweislage für die Effektivität»
Studienleiter Tom Jefferson zieht daraus den Schluss: «Solange die Beweislage so dünn ist, können wir kein endgültiges Urteil über die Effektivität der Grippeimpfung für Senioren fällen.» Jefferson geht jedoch von einer nur bescheidenen Wirksamkeit aus: «Unsere Schätzungen liegen durchwegs unter denen, die Ökonomen und Gesundheitspolitiker generell zitieren.»
Auch andere Studien relativieren den Nutzen von Grippeimpfungen. US-Forscher stellten 2007 in der Fachzeitschrift «Lancet» klar, dass gerade bei Älteren der Schutz von Impfungen vor den tödlichen Folgen einer Grippe «stark überschätzt» werde. Grund: Die Impfwirkung lasse bei Patienten jenseits der 70 rapide nach.
Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) rät Senioren dennoch, sich gegen die saisonale Grippe impfen zu lassen. Bei Älteren nehme die Influenza schliesslich oft einen schweren Verlauf mit Komplikationen. 60 Prozent der Senioren beteiligen sich laut BAG an der jährlichen Impfung. Die Kassen kostet das bis zu 21 Millionen Franken pro Jahr. Für die Leiterin der BAG-Impfprogramme, Virginie Masserey, ist der Aufwand gerechtfertigt: «Die Impfungen reduzieren die Zahl grippebedingter Todesfälle und Spitaltage.» Eindeutige Zahlen kann die BAG-Expertin jedoch nicht vorlegen: Sie räumt ein, dass entsprechende grosse Studien fehlen.
«Ohne Beweise keine Impfaktionen anordnen»
Der Arzt und Herausgeber der Fachzeitschrift «Pharma-Kritik», Etzel Gysling, kritisiert die Behörden: «Sie sollten solche Massnahmen nicht ohne wissenschaftliche Beweise anordnen.» Felix Schneuwly vom Krankenkassenverband Santésuisse doppelt nach und verlangt von der Eidgenössischen Impfkommission, ihre Grippeempfehlungen für Senioren zu überprüfen.
Zudem fordert er von den Gesundheitspolitikern, hier ähnlich konsequent wie bei der umstrittenen Komplementärmedizin zu handeln: «Ohne wissenschaftlich fundierten Nachweis ihrer Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit dürfen diese Impfungen laut Gesetz keine Pflichtleistung der Kassen sein.»
13. März 2010 | Eric Breitinger, Redaktion saldo
