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Artikel | saldo 04/2010

Abstimmungskampf: Gipfeli und Kaffee für die Journalisten

Die Pensionskassen und Versicherungen haben vor der Abstimmung zur geplanten Rentenkürzung die Medien massiv beeinflusst. Mit Erfolg.

Das war selbst für den «Blick» zu viel: «Mit allen Mitteln werden Journalisten umgarnt, um die Rentenkürzung populär zu machen», schreibt die Zeitung. Und berichtet von «Gipfeli, Kaffee, O-Saft und Fleischplatte» im «Berner Fünfsternehotel Bellevue». Der Versicherungsverband verwöhnte am 7. Januar die Schar der Bundeshausjournalisten zum Auftakt des Abstimmungsjahres grosszügig.


Zu Wort kommen Experten, die nicht unabhängig sind

An der gleichen Adresse informierten einen Tag zuvor Arbeitgeberverband, Economiesuisse, Gewerbeverband und Pensionskassenverband in der gleichen Sache. Der Tenor auch hier: Die Medien sollen doch bitte die Stimmbürger dazu anhalten, einem tieferen Umwandlungssatz bei den Pensionskassen zuzustimmen.

Die Botschaft der Lobbyisten zeigte schon an den beiden nächsten Tagen Wirkung:

  • In der Gratiszeitung «20 Minuten» konnte Ivo Furrer, Chef des Versicherungskonzerns Swiss Life Schweiz der Leserschaft in einem Interview unwidersprochen darlegen, «warum für ihn eine Senkung absolut notwendig ist».
  • Das Wirtschaftsblatt «Finanz und Wirtschaft» warnte seine Leser, dass «im Fall eines Neins zur Vorlage viele Kassen früher oder später in eine Unterdeckung geraten». Dem Artikel mit dem Titel «Wirtschaft warnt vor destabilisierender Altersvorsorge» fehlte eine Stellungnahme der gegnerischen Seite.
  • Die «Berner Zeitung» zitierte die Versicherer mit der Behauptung, die Linken übten «ideologisch motivierte Fundamentalkritik» – ohne dass die Angesprochenen selbst zu Wort kämen.


Auffällig ist auch, wie häufig in der Schweizer Presse «Pensionskassen-Experten» zu Wort kommen, die alles andere als unabhängig sind – ohne dass ihre Positionierung von den Zeitungsmachern klar deklariert wird.


«Bilanz»-Urteil: «Da wird teilweise grob dreingehauen»

So führen zahlreiche Blätter immer wieder Martin Janssen an, Professor an der Universität Zürich und «Pensionskassen-Experte», wie der «Sonntags-Blick» schreibt. Das Blatt stützt einen ganzen Artikel unter dem Titel «Die Jungen werden enteignet» auf diesen einen Experten ab. Nur in einem Nebensatz heisst es, dass Janssen Pensionskassen berät. Tatsächlich zählt dessen Unternehmen Ecofin zu den wichtigsten Dienstleistern für die Pensionskassen, denen es vorab Finanzmarktstrategien empfiehlt.

Mit anderen Worten: Die Kassen zählen zu Janssens Kunden. Und seine Firma ist Nutzniesserin der immensen offenen und versteckten Vermögensverwaltungskosten, die das Wirtschaftsmagazin «Bilanz» in der neuesten Ausgabe insgesamt auf über 8 Milliarden Franken schätzt. Die Redaktion der «Sonntagszeitung» lud Janssen gleich ein, um beim Verfassen eines «Thesen-Artikels» mitzuhelfen.

Vier Thesen führen zur Behauptung:«Die Destabilisierung des Systems nehmen die linken Kritiker in Kauf, einige arbeiten sogar darauf hin.» Der Artikel verschweigt Janssens Parteilichkeit in dieser Frage. Und er unterschlägt auch die Tatsache, dass einer der beiden Autoren – der «Sonntagszeitungs»-Redaktor Markus Schär – ein Mandat der von Versicherungen unterstützten Propaganda-Institution Avenir Suisse ausübt. Schär sieht nichts Verwerfliches an seiner doppelten Loyalität gegenüber der Leserschaft und seinem Auftraggeber Avenir Suisse. «Ich halte die beiden Aufgaben auseinander», sagt er.

Die «Bilanz» konstatiert mit Blick auf die Medien: «Da wird teilweise grob dreingehauen.» Das Magazin berichtet von einer Intervention des Pensionskassenverbandes Asip bei der Chefredaktion des «Tages-Anzeigers» wegen einer Kolumne von Rudolf Strahm. Der ehemalige Preisüberwacher ist einer der wichtigsten Kritiker der Pensionskassen-Lobby.


«Cash TV»: Sendet Abstimmungswerbung von Sponsor Swisscanto

Das TV-Wirtschaftsmagazin «Cash TV» von Ringier wiederum bot einem Swisscanto-Kadermann Anfang Februar eine Plattform, für einen tieferen Umwandlungssatz zu werben. Auch hier: Die Gegenseite kam nicht zu Wort und die Interessenbindungen des Swisscanto-Mannes wurden nur am Rande erwähnt. Pikant: Swisscanto ist Sponsor des Ringier-Fernsehens. Gegen Geld gibts offenbar gratis Abstimmungswerbung.

27. Februar 2010 | Rolf Hürzeler, Redaktionsleiter saldo


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