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Nach Acomplia muss jetzt auch die Abspeckpille Reductil vom Markt. Die Nebenwirkungen sind zu gross.
Die Pille Reductil hat den Abspeckwilligen viel versprochen. Dem Gehirn gibt sie das Signal, dass man satt ist. Dem Körper befiehlt sie, er solle mehr Kalorien verbrennen. Auch der 37-jährige Bündner Hansjürg Waser war zuerst zufrieden. Der 140-Kilogramm-Mann testete vor zwei Jahren die Pille für die Zeitschrift «Gesundheitstipp». In vier Wochen nahm er 4 Kilogramm ab. Wasers Fazit: «Ich bin schneller satt als früher.»
Doch jetzt kommt für Reductil das abrupte Ende. Die europäische Arzneimittelagentur Emea hat der Abspeckpille die Zulassung entzogen. Auch die Schweizer Behörden planen, das Medikament vom Markt zu nehmen. Swissmedic-Sprecher Joachim Gross bestätigt, das Aussetzen der Zulassung stehe «kurz bevor».
Der Grund sind die happigen Nebenwirkungen. Eine internationale Studie kommt zum Schluss: Die Pille ist zu riskant für Herz und Gehirn. Ärzte beobachteten 10'000 Patienten mit Übergewicht, die während fünf Jahren Reductil einnahmen. Die Patienten hatten nicht nur Übergewicht, sondern zusätzliche Risikofaktoren wie etwa Diabetes, Bluthochdruck oder schlechte Cholesterinwerte.
Reductil greift zu stark in wichtige Körperfunktionen ein
Das Ergebnis der Studie: Das Risiko für Patienten, einen Herzinfarkt oder einen Hirnschlag zu bekommen, nahm mit Reductil um 16 Prozent zu. Fazit: Mit Reductil purzelten zu wenige Kilogramme, um das durch das Übergewicht ohnehin vorhandene Risiko für Herz-Kreislauf-Krankheiten zu senken.
Schon lange kritisierten Experten, dass die Pille zu stark in die Körperfunktionen eingreift. David Fäh vom Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Zürich: «Damit steigt eben auch das Risiko für Störungen wichtiger Körperfunktionen wie Blutdruck, Herzfrequenz und Atmung.» Reductil hatte aber eine Reihe weiterer Nebenwirkungen: trockener Mund, Kopfschmerzen, Schlafstörungen sowie erhöhter Puls und Blutdruck.
Schon Acomplia wurde wegen Nebenwirkungen vom Markt genommen
Die Heilmittelbehörde Swissmedic schreibt, dass für Patienten vorläufig kein Grund für ein «sofortiges Absetzen» der Pille bestehe. Sie empfiehlt aber den Patienten, Kontakt mit dem Arzt zu suchen. Reductil-Hersteller Abbott kritisiert den Entscheid der Behörden. Laut der Firma hat die Studie Mängel.
Sie sagt: «Es haben zu über 90 Prozent Patienten teilgenommen, die wegen ihrer Risikofaktoren Reductil gar nicht hätten nehmen dürfen.» Fünf Jahre Reductil zu schlucken sei zudem «deutlich länger als empfohlen». Abbott beharrt darauf, dass der Wirkstoff von Reductil sicher sei, wenn man die Pille für das nehme, wofür sie auch zugelassen sei.
Das Schicksal von Reductil steht nicht allein. Vor etwas mehr als einem Jahr musste bereits die Schlankheitspille Acomplia der Firma Sanofi-Aventis vom Markt. Auch hier der Grund: Happige Nebenwirkungen. Acomplia dämpft das Hungergefühl direkt im Suchtzentrum des Gehirns. Dies kann zu Stimmungsschwankungen führen, zu Depressionen, Übelkeit, Schwindel und Angst. Wegen des erhöhten Suizidrisikos und Depressionen war Acomplia in den USA gar nie zugelassen.
Auch Xenical und Alli sind bei Fachleuten umstritten
Die einzige rezeptpflichtige Abspeckpille auf dem Markt ist damit noch Xenical von Roche. Xenical wirkt ausschliesslich im Darm. Dort hemmt es die Fettverdauung. Das kann zwar so unangenehme Nebenwirkungen haben wie Blähungen und fettigen Stuhl. Gefährliche Nebenwirkungen im Gehirn bleiben jedoch aus. Kein Wunder, setzt Roche-Sprecherin Martina Rupp gerade jetzt zum Werbespruch an: «Xenical ist ein bewährtes Medikament, das stark übergewichtige Menschen unterstützt, ihr Gewicht zu reduzieren.»
Xenical ist für Roche ein Geschäft. Sie hat die Lizenz einer rezeptfreien Version an Glaxo Smith Kline verkaufen können. Die Pille Alli enthält die halbe Dosis von Xenical. Übergewichtige können sie seit Januar ohne Rezept in den Apotheken kaufen. Glaxo Smith Kline wirbt damit, Studien hätten gezeigt, dass Übergewichtige mit dieser Pille bis zu 50 Prozent mehr abnehmen können als mit einer Diät allein. Zudem würde Alli das gefährliche Bauchfett reduzieren.
Für Fachleute sind aber auch Xenical und Alli zum Abspecken keine gute Lösung. Stoffwechselexperte Kurt Läderach vom Inselspital Bern kritisiert, dass die Pille bei Patienten zu fettigem Stuhl führe, weil sie das Fettverdauen hemmt. Auch David Fäh hat keine guten Erfahrung mit Xenical gemacht: «Das Resultat ist bescheiden.» Als alleinige Massnahme würde die Pille zudem nicht nachhaltig wirken. Fäh: «Man kann genauso gut auch ohne diese Pille abnehmen.»
Nachteil der Diätpillen: «Sie wirken nur, solange Patienten sie einnehmen»
Medikamente sind laut Experten sowieso keine effiziente Abspeckmethode. Der Basler Ernährungsfachmann Ulrich Keller: «Alle haben den Nachteil, dass sie nur wirken, solange Patienten sie einnehmen.» Zudem sei ihre Wirkung relativ schwach. Hersteller zitierten Studien, die versprechen würden, dass Patienten 10 und mehr Kilogramm in sechs Monaten verlieren könnten. In der Praxis bleibe aber nur wenig davon übrig.
Für Fäh können Pillen allenfalls den Start ins Abnehmen erleichtern: «Die Langzeitwirkung der Medikamente alleine ist aber immer praktisch null.» Auch der Zürcher Hausarzt Thomas Walser hält nichts von Schlankheitspillen: «Langfristiges Abnehmen benötigt ein Umstellen des Ernährungs- und Lebensstils. Da führt keine Pille dran vorbei.» Die Firmen geben allerdings nicht auf. Acomplia und Reductil werden schon bald neue Medikamente folgen. Derzeit aussichtsreichster Kandidat in der Forschung sind sogenannte Inkretine. Sie verzögern die Darmtätigkeit und beschleunigen das Sättigungsgefühl.
Abnehmen: Das müssen Sie wissen
14. Februar 2010 | Andreas Grote
