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Im preisgekrönten Spielfilm «Home» erlebt eine Familie, wie ihr Leben durch eine neu eröffnete Autobahn zur Hölle wird.
Leben auf dem Pannenstreifen
Mit «Home» gelang der Schweizer Regisseurin Ursula Meier letztes Jahr ein fulminantes Spielfilmdebüt: Das Werk erhielt den Schweizer Filmpreis 2009 und wurde als Schweizer Beitrag für den Oscar 2010 in der Kategorie «Bester fremdsprachiger Film» eingereicht. Zu Recht: «Home» überzeugt mit gekonnter Regie und einer originellen Story.
Im Zentrum steht eine Familie, die in einer kargen, ruhigen Landschaft neben einer stillgelegten Autobahn wohnt. Vater, Mutter, die zwei Töchter und der Sohn leben friedlich in ihrem Haus, sonnen sich neben den Leitplanken und spielen auf dem Asphalt. Doch die Idylle hat ein Ende, als Bauarbeiter erscheinen und die Strasse neu asphaltieren. Kurz darauf rollt eine Blechlawine über die Autobahn.
Folgen des Verkehrs eindrücklich dargestellt
Das Leben ändert sich markant: Der Gang zum Briefkasten auf der anderen Seite der vierspurigen Strasse gerät zum selbstmörderischen Unternehmen. Die jüngste Tochter trägt eine Atemmaske aus Angst vor Feinstaub und sammelt vergiftetes Gras. Lärm und Gestank lassen die Familie allmählich auseinanderbrechen. Die Mutter hat einen Nervenzusammenbruch, die ältere Tochter flieht. Schliesslich zieht der Vater die Konsequenz. Auf der Suche nach Stille und Frieden mauert er sich und seine Familie in ihrem Haus ein.
Die absurde Geschichte ist vielschichtiger, als sie auf den ersten Blick scheint. Primär erzählt der Film von den Folgen des wachsenden Verkehrs und von den menschenunwürdigen Verhältnissen, in denen Anwohner von Autobahnen leben. Daneben spricht er von zerstörten Hoffnungen und wie Menschen darauf reagieren, wenn sich ihre brüchige Lebensidylle auflöst. Die Familie sucht keine Lösung, sondern verharrt passiv und bunkert sich ein. Alle Darsteller spielen glaubhaft und schaffen den Spagat zwischen skurrilen Situationen und dem Ernst dieser Fabel.
«Home». Ein Film von Ursula Meier. Schweiz 2008. 98 min. Anbieter: Filmcoopi AG 2009.
CD-Tipps
Pop/Rock: Computer trifft Indie-Rock
Zu viele Gitarren langweilen auf die Länge. Das haben Delphic aus Manchester erkannt – und tun etwas dagegen. Auf ihrem Erstling «Acolyte» liefern sie einen atmosphärischen Mix aus Elektronik und Indie-Rock. Treibende Beats, gigantische Synthieflächen und flirrende Computersounds treffen auf verfremdete Gitarren, groovende Bassläufe und butterweichen Popgesang. Trotz aller Liebe zur elektronischen Musik orientieren sich Delphic an traditionellen Songstrukturen. Unüberhörbar ist auch der Einfluss von urbritischen Grössen wie New Order und Pet Shop Boys. Dennoch findet das Trio seinen eigenen Ansatz. Ein gelungenes Debüt, das von der englischen Musikpresse zu Recht bejubelt wird.
Delphic, «Acolyte», Universal
Klassik: Bachs Gambenwerk
Die Gambensonaten von Johann Sebastian Bach sowie für Klavier und Violoncello transkribierte Choräle aus dessen Orgelbüchlein – das ist der Stoff, aus dem die neue CD von Jan Vogler (Violoncello) und Martin Stadtfeld (Klavier) gemacht ist. Die beiden Musiker gehen temperamentvoll zur Sache. Dabei pflegen sie einen vollen und zugleich elastischen Ton, der sowohl den Sonaten als auch den Chorälen mit einer spielerischen Leichtigkeit begegnet. Bisweilen ist ihre Klanggebung aber auch von einer anrührenden Sanftheit geprägt: Vogler und Stadtfeld legen die zwischen Überschwang und Melancholie schwankenden Stimmungen von Bachs Werk aufs Trefflichste frei.
Vogler, Stadtfeld, «J. S. Bach Gambensonaten», Sony Classical
Jazz: Zukunftsmusik
Mit seinem neuen Album, das er mit einem eher ungewöhnlich instrumentierten Oktett (u.a. Tuba und Vibrafon) eingespielt hat, gelingt dem Altsaxofonisten Steve Lehman die Quadratur des Zirkels: Er bringt die spontane Expressivität des Jazz mit der Komplexität zeitgenössischer E-Musik zusammen. Lehman zählt sowohl den Ultra-Bop-Altisten Jackie McLean als auch den französischen Spektralmusik-Tonsetzer Tristan Murail zu seinen Vorbildern – entsprechend vielschichtig klingt seine zwischen mysteriösen Sounds und verschachtelten Grooves oszillierende Zukunftsmusik. Überragend spielt der Schlagzeuger Tyshawn Sorey.
Steve Lehman Octet, «Travail, Transformation, and Flow», Pi Recordings
14. Februar 2010 | Marc Mair-Noack, thl, trü, tom
