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Artikel | Haus & Garten 04/2009

Reif für den Pinsel

Ob Wände, Fensterrahmen oder Gartenzaun: Bei jeder Renovation stellt sich die Frage nach dem geeigneten Streichmittel. Hier eine kleine Übersicht der gebräuchlichsten Farben, Lacke und Lasuren.

Rund 10'000 Anstrichstoffe oder Farbtypen sind auf dem Schweizer Markt erhältlich. Mit einigen wenigen Ausnahmen bestehen sie in der Regel aus vier Komponenten: Pigmente, Bindemittel, Lösemittel und Zusatzstoffe. Pigmente verleihen der gestrichenen Fläche Farbe. Die Bindemittel verankern die Beschichtung auf dem Untergrund, verbinden die Pigmente untereinander und bilden einen dauerhaften Beschichtungsfilm. Damit die Farbe streichfähig ist, braucht es Lösungsmittel. Nach der Verarbeitung verdunsten diese, und die Farbe wird fest und trocken. Zusatzstoffe werden je nachdem zur Konservierung, für mehr Elastizität oder andere Eigenschaften der Farbe eingesetzt.

Farben und Lacke verändern Oberflächen und Gegenstände nicht nur optisch, sondern können ihnen auch bestimmte Eigenschaften verleihen: Wasserfestigkeit, Glanz, Beständigkeit gegen UV-Strahlen, Schimmelresistenz und anderes mehr. Bei der Planung eines Anstrichs muss man sich als Erstes darüber klar werden, welche Eigenschaften erwünscht sind. Danach gilt es, eine entsprechende Farbe auszuwählen, die diese Anforderungen erfüllt. Aber nicht mehr, denn jede zusätzliche Eigenschaft bedeutet auch zusätzliche Inhaltsstoffe, welche die Umwelt belasten und die Gesundheit beeinträchtigen können. Konkret heisst das: Eine wetterfeste Dispersion gehört zwar auf die Fassade, jedoch nicht in die Küche.


Für jeden Zweck das geeignete Streichmittel

Produkte zum Streichen können nach unterschiedlichen Kriterien eingeteilt werden, zum Beispiel nach Art des Lösemittels (z. B. Kunstharzlack), nach ihrem Zweck (z. B. Fensterlack) oder nach Art des Untergrunds (z. B. Wandfarbe).

Die gebräuchlichsten Streichmittel sind:

 

  • Dispersion: Diese Farben werden zum Streichen von Decken, Wänden und Fassa-den verwendet. Als Bindemittel dienen Kunst- oder Naturharze, die fein und gleichmässig im Wasser verteilt sind. Nach dem Anstrich verdunstet das Wasser, zurück bleibt eine Art Kunststoff-Film. Dispersion lässt sich während der Arbeit mit Wasser verdünnen, nach dem Trocknen ist sie nicht mehr wasserlöslich.

    Sie eignet sich für Neu- und Renovierungsanstriche und kann auf sehr vielen Untergründen wie Zementfaserplatten, Putz, Beton und Raufasertapeten aufgetragen werden. Für den Aussenbereich gibt es spezielle Dispersionen, die  UV- und wetterfest sowie hart und elastisch zugleich sind. Weisse Dispersionsfarbe erhält durch Beigabe von Abtönfarben den gewünschten Farbton.
  • Lasuren: Bei diesen Farben ist der Pigment-Anteil so gering, dass die gestrichene Oberfläche nur eine Tönung erhält. Die Struktur von Holz oder Beton bleibt also durch den Anstrich hindurch sichtbar. Lasuren gibt es als lösungsmittelhaltige Kunstharzlasuren oder als lösungsmittelarme Acryllasuren. Für den Innenbereich sollte man nur wasserlösliche Acryllasuren verwenden.
  • Lackfarben: Man kann sie auf fast jeden Untergrund streichen: auf Holz, auf Metall oder auf Kunststoff. Kunstharzlacke basieren auf synthetisch hergestellten Harzen und organischen Lösemitteln, die auch zum Verdünnen verwendet werden. Beim Trocknen verdunsten die Lösemittel, deshalb müssen frisch gestrichene Räume gut durchlüftet werden. Nach dem Trocknen ist der Anstrich weitgehend stoss- und kratzfest und sehr zäh.

    Beide Lackarten lassen sich in getrocknetem Zustand nur noch mechanisch entfernen. Beim Acryllack ist das Hauptlösungsmittel Wasser. Der Lack ist mit Wasser verdünnbar und trocknet recht schnell. Allerdings ist Acryllack nicht ganz so widerstandsfähig wie Kunstharzlack. Lackfarben gibt es in vielen Farbtönen, als Klarlack und mit verschiedenen Glanzeffekten «matt», «seidenmatt» und «hochglanz». Wie stark eine Lackfarbe glänzt, sieht man erst, wenn der Anstrich trocken ist.
  • Mineralfarben: Sie enthalten ein mineralisches Bindemittel, in der Regel Kalk oder flüssiges Kaliumsilikat. Beim Streichen bildet sich nicht wie bei den anderen Farben eine Schicht, sondern der Anstrichstoff verbindet sich mit dem Untergrund. Man nennt dies Verkieselung. Dies funktioniert allerdings nur auf mineralischen Putzen und auf Beton.

    Mineralfarbe ist heute sehr beliebt, weil sie keine aggressiven Lösungsmittel enthält. Zudem reguliert sie die Feuchtigkeit und trägt so zu einem angenehmen Raumklima bei. Die Verarbeitung ist aber nicht ganz unproblematisch.  Weil Mineralfarbe ätzend ist, müssen Augen und Haut beim Streichen mit Mineralfarbe gut geschützt werden. Man überlässt diese Arbeit deshalb besser einem Profi.

 


Lösemittel in Farben vergiften die Raumluft

Besonders sorgfältig sollte man Anstrichstoffe für Wohnräume auswählen. «Wir Europäer verbringen rund 90 Prozent unserer Zeit in Gebäuden», gibt Roger Waeber vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) zu bedenken. «Ein schlechtes Innenraumklima kann deshalb das Wohlbefinden und die Gesundheit beeinträchtigen und Atemwegserkrankungen sowie Allergien begünstigen.»

Noch immer gibt es zahlreiche Farben und Lacke, die einen hohen Anteil an Lösemitteln enthalten. Diese verdampfen nach dem Anstrich und belasten die Raumluft. Die Folge: gereizte Schleimhäute, Kopfschmerzen, Übelkeit und Hautreaktionen. Doch nicht jede chemische Substanz in Farben ist gefährlich. Entscheidend für die Gesundheit der Bewohner ist, welche Stoffe in die Raumluft freigesetzt werden. Um dieses Risiko gering zu halten, sollte man für Innenräume wenn immer möglich nur Streichmittel auf Wasserbasis verwenden.

Ebenfalls wichtig: Die Farben brauchen genügend Zeit zum  Trocknen und Aushärten. Am besten wartet man nach dem Anstrich etwa zwei Wochen, bevor man sich im renovierten Raum wohnlich niederlässt. Das gilt erst recht im Kinderzimmer. Für Babys und Kleinkinder ist es eine enorme Belastung, wenn sie täglich über mehrere Stunden in einem frisch gestrichenen Zimmer verbringen müssen. Auch neue Möbel und Bodenbeläge können Schadstoffe in die Luft abgeben. Deshalb ist es besser, man lässt die Wände vorerst, wie sie sind, und schiebt einen Neuanstrich ein paar Jahre auf.


Kaufhilfe: Öko-Labels für umweltfreundliche Farben

Wer das Streichen nicht einem Profi überlassen will, sollte sich im Fachhandel beraten lassen. Denn nicht jede Farbe funktioniert auf jedem Untergrund. Eine gute Kaufhilfe ist das Label «Natureplus», das für besonders umweltfreundliche Naturbaustoffe verliehen wird. «Dieses Qualitätszeichen erhalten nur Farben und Lacke ohne umwelt- und gesundheitsbelastende Stoffe. Zudem müssen strenge Grenzwerte für Emissionen eingehalten werden», sagt Roger Waeber vom BAG. Die Zertifizierung erfolgt durch unabhängige Prüfinstitute und Konsumentenschutzverbände.

Das Label «Natureplus» dürfen demnach nur Produkte tragen, die umwelt- und gesundheitsverträglich sind, deren synthetische Anteile auf das technisch mögliche Minimum beschränkt sind und die nur sehr geringe gesundheitsbelastende Emissionen haben. Neben «Natureplus»-Farben empfiehlt das BAG auch Produkte mit dem Label «Oecoplan» des Grossverteilers Coop. Es zeichnet ökologische Baumaterialien aus, darunter Farben und Lacke. Hier ist die Wirkung der Materialien auf die Raumluft ebenfalls ein wichtiges Vergabekriterium.

«Oecoplan» wird zwar von Coop selber vergeben, aber durch unabhängige Organisationen wie die Empa kontrolliert. «Oecoplan»-Farben und -Lacke dürfen demnach keine gesundheitsgefährdende Inhaltsstoffe wie Formaldehyd und toxische Schwermetalle enthalten und sind praktisch lösemittelfrei. Allerdings gilt selbst bei «umweltfreundlichen» Farben und Lacken grundsätzlich: Immer gut lüften, sparsam damit umgehen und die Resten konsequent als Sondermüll entsorgen.


Tipp: Pinsel und Rollen gut reinigen

Pinsel und Rollen lassen sich mehrmals verwenden, wenn man sie gründlich reinigt. Pinsel kann man leichter reinigen, wenn man nur die vordere Hälfte in die Farbe taucht. Je nach Art der Farbe benötigt man unterschiedliche Reinigungsmittel, meist findet man einen Hinweis auf dem Farbeimer.

 

  • Bei Dispersion und Acryllack genügt Wasser, allenfalls mit einem Spritzer Spülmittel.
  • Für Kunstharzlack verwendet man speziellen Pinselreiniger oder Verdünner.
  • In jedem Fall muss man Pinsel und Rolle gut trocknen lassen, bevor man sie wieder versorgt.
  • Tipp: Unterbricht man die Arbeit nur für ein paar Stunden, kann man Pinsel und Farbroller möglichst luftdicht in eine Alufolie oder einen Plastiksack packen.



Infos und Links

 

  • «K-Tipp»-Ratgeber: «Umbauen und renovieren» (1. Auflage, 172 Seiten), mit Beratung, Tipps, Anleitungen und Checklisten. Hier bestellen
  • www.natureplus.ch: Alles über das Qualitätszeichen für umweltfreundliche Bauprodukte und ein Händlerverzeichnis.
  • www.umweltfarben.ch: Informationen und Tipps zum Thema ökologische Anstriche.
  • www.wohngifte.admin.ch: Informationsseite des Bundesamtes für Gesundheit zu den Themen gesund Wohnen, gesund Bauen und Schadstoffe in der Raumluft.

 

22. November 2009 | Marianne Siegenthaler


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