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Der Verein Europa Donna fordert, dass sich Frauen regelmässig auf Brustkrebs testen lassen. Dafür wirbt er auch in einer neuen Broschüre. Ärzte kritisieren, dass die Informationen darin einseitig seien.
Seit sechs Jahren weibelt der Verein Europa Donna in der Schweiz für Massentests auf Brustkrebs. Er verlangt, dass sich alle Frauen zwischen 50 und 70 regelmässig die Brust röntgen lassen, um Krebszellen aufzuspüren. Dabei ist bis heute unklar, ob diese Massentests mehr Vor- oder Nachteile bringen. Vor einem Jahr stiegen die Frauen von Europa Donna aufs Zermatter Breithorn, um auf Brustkrebs aufmerksam zu machen. Dann demonstrierten sie vor dem Bundeshaus mit 18‘000 Büstenhaltern für Gratis-Brustkrebs-Tests in der ganzen Schweiz – sogenannte Screenings.
Röntgenbild sollte durch zwei routinierte Ärzte beurteilt werden
Jetzt hat Europa Donna eine neue Broschüre gemacht, die sie an Frauen verteilt: Es ist eine Kurzfassung der EU-Leitlinien zur Mammografie. Zum Beispiel sollten immer zwei Radiologen das Röntgenbild beurteilen. Zudem müssen sie mindestens 5000 Bilder im Jahr anschauen, um genügend Routine zu haben. Die Broschüre dient als «Lobby-Instrument» für flächendeckende Screenings, wie Vereinspräsidentin Bettina Borisch bestätigt. So heisst es dort, dass die Brustkrebs-Sterblichkeit dank Screening um 35 Prozent sinke.
Fehldiagnose kann zu unnötigen Eingriffen führen
Doch Ärzte in der Schweiz kritisieren solche Informationen als einseitig. Heiner Bucher, Leiter des Instituts für klinische Epidemiologie in Basel, sagt: «Die 35 Prozent sind eine masslose Übertreibung.» Seriöse Quellen sprechen von 15 bis 20 Prozent. Das bestätigt auch die Krebsliga. Zudem erscheint der Nutzen nicht mehr so überwältigend, wenn man ihn in konkreten Patientenzahlen ausdrückt: 1000 Frauen müssen zehn Jahre lang regelmässig zur Mammografie, um das Leben einer Frau zu retten. 999 von ihnen haben also keinen Nutzen vom Screening. Doch sie müssen mit negativen Folgen rechnen: So erhalten rund 50 bis 100 von ihnen einen falschen Krebsverdacht mitgeteilt.
Das ist belastend für die Frauen und führt zu unnötigen Eingriffen. Fachleute sprechen von «falsch positiven» Resultaten. Heiner Bucher: «Die Broschüre erwähnt dieses Problem nicht einmal.» Dabei sei es nicht zu unterschätzen. Das Fazit des Experten: «Solche Informationen helfen Frauen nicht weiter.» Europa-Donna-Präsidentin Bettina Borisch beruft sich auf schwedische Studien, die gezeigt hätten, dass die Sterblichkeit um 35 Prozent sinke. Sie sagt gegenüber saldo, die Rechnung mit konkreten Zahlen hätte ihre Tücken. Diese würden bloss den Eindruck erwecken, dass viel Aufwand wenig Erfolg bringe. Borisch betont zudem, dass falsche positive Resultate dank der EU-Leitlinien deutlich vermindert würden.
Mammografie am besten in einem Brustzentrum mit viel Erfahrung
Was diese Leitlinien insgesamt bringen, ist allerdings unklar. Ingrid Mühlhauser, Mammografie-Expertin aus Hamburg, sagt zwar: «Man kann davon ausgehen, dass bei Screenings nach EU-Leitlinie das Risiko von falschen Befunden und unnötigen Eingriffen kleiner ist.» Aber niemand weiss, ob diese Vorgaben die Brustkrebs-Sterblichkeit zusätzlich mindern. «Dazu gibt es keine Zahlen», sagt Mühlhauser. Das bestätigt Heiner Bucher. In der Schweiz gibt es bisher erst in der Romandie Screening-Programme. Ab Frühling wird der Kanton St.Gallen folgen.
Die bisherigen Programme halten sich aber nicht an alle Vorgaben der EU-Leitlinien. So beurteilen Ärzte in der Schweiz zum Beispiel oft nur 500 bis 1000 Bruströntgenbilder pro Jahr statt der geforderten 5000. «Das Problem ist bekannt», bestätigt Claudia Weiss von der Krebsliga. Fachleute seien daran, die Vorgaben für die Schweizer Programme zu überarbeiten. Experten empfehlen Frauen, für sich persönlich Vor- und Nachteile der Mammografie abzuwägen. Auch in Kantonen ohne Screening können Frauen den Untersuch machen. Aber die Krankenkasse muss dann nicht zahlen. Am besten wählen Frauen ein spezialisiertes Brust-Zentrum, wo man viel Erfahrung hat.
Mammografie: So können Sie sich entscheiden
So wählen Sie den Arzt:
15. November 2009 | Sonja Marti, Redaktion Gesundheitstipp
