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Artikel | saldo 18/2009

Anti-Aging-Kosmetik: Viele Versprechen, wenig Beweise

Kosmetikhersteller werben mit Tests für ihre teuren Anti-Aging-Cremes. Doch laut Experten fehlen aussagekräftige Studien – genauso wie Angaben über Nebenwirkungen.

Mit makellosem Gesicht blickt der Hollywood-Star Sharon Stone den Leserinnen in die Augen. «Heute definitiv schöner als mit 20», steht auf dem Inserat zu lesen. Die Schauspielerin wirbt für die Anti-Aging-Creme Capture totale von Dior. Deren Wirkstoffe, so verspricht das Inserat im neuen «Weltwoche»-Sonderheft, bremsen den «Oxidierungsprozess» in der Haut.

Dior habe das mit einem «Test in vitro» nachgewiesen, wie das Inserat im Kleingedruckten erklärt. Anderes Beispiel: «Vichy entdeckt das ‹biologische Lifting›» – dank der Creme Liftactiv CxP. Nach kurzer Zeit soll auch hier die Haut «glatter» und «gestrafft» sein. Untersuchungen gibt es auch dazu, wie das Kleingedruckte im Inserat der «Schweizer Illustrierten Style» in Stichworten verrät: Anwendertest Qualität der Haut, 112 Frauen, trockene Haut.

Und: Selbstbeurteilung 500 Frauen. Die Werbung für die Creme Skin vivo von Biotherm geht noch weiter: Ihr Wirkstoff soll «Mikroschäden an der DNA» beheben und das Altern der Haut bremsen. Dies sei ebenfalls das Resultat eines «Tests in vitro».


«Tests im Reagenzglas lassen sich nicht einfach auf die Haut übertragen»

Vielen Experten sind die Werbungen für Anti-Aging-Cremes ein Dorn im Auge. Grund: Zu viele Versprechen, zu wenig Belege. Thomas Hunziker von der Dermatologischen Universitätsklinik am Inselspital in Bern: «Solche Versprechen über die Verjüngung der Haut sind nicht haltbar, solange die Firmen dazu keine aussagekräftigen wissenschaftlichen Studien vorlegen.»

Lars French, Direktor der Dermatologischen Universitätsklinik Zürich: «Tests im Reagenzglas können nicht einfach auf das komplexe System der Haut übertragen werden.» Denn wie die einzelnen Substanzen in der fertigen Creme und auf der Haut zusammenspielen, zeigen «Tests in vitro» nicht. Auch das Selbstbeurteilen einer Handvoll Probanden reiche als Nachweis nicht aus. Lars French: «Die Testpersonen urteilen subjektiv.»

Zu einem ähnlichen Ergebnis kam die unabhängige deutsche Stiftung Warentest bereits im März 2007. Sie prüfte verschiedene Anti-Aging-Cremes und kam zum Schluss: «Die in der Werbung geweckten hohen Erwartungen kann keine Creme halten, da die Wirkung kurzfristig ist und Falten nur um hundertstel Millimeter verkleinert werden.» Das Hautbild wirke zwar dennoch glatter und praller. Dies sei aber nicht auf die Wirkstoffe, sondern auf die Eigenschaft der Creme zurückzuführen, die Haut mit Feuchtigkeit zu versorgen.


Wirkstoffe in Anti-Aging-Cremes verhalten sich ähnlich wie Medikamente

Damit die neu entwickelten Inhaltsstoffe in den Cremes ihre Wirkung nachweisen könnten, müssten Hersteller kontrollierte Studien machen. Das heisst: Der Hersteller testet nicht nur die Creme an Testpersonen, sondern auch die Creme ohne Wirkstoffe an einer Kontrollgruppe. Nur so kann man eine Aussage machen, wie viel die Wirkstoffe taugen. Doch solche klinischen Studien zur Wirksamkeit dauern Jahre und kosten viel Geld.

In den Richtlinien für Tests der schweizerischen Lauterkeitskommission für Werbung heisst es, dass bei in Anzeigen erwähnten Tests «für den angesprochenen Durchschnittskonsumenten Quelle und Publikationsdatum klar und genau erkennbar sein müssen und klar angegeben sein muss, welche wesentlichen Eigenschaften bzw. Kriterien getestet wurden». Das erfüllt keine dieser Anzeigen.

Fachleute kritisieren, dass die Anpreisungen der Hersteller zu wenig kontrolliert würden. Denn solche Wirkstoffe könnten ähnliche Eigenschaften haben wie Medikamente. Hautspezialist Hunziker: «Um Schäden an der DNA zu reparieren, braucht es spezifische Wirkstoffe. Ich sehe da keinen Unterschied mehr zu Medikamenten.» Und damit müsste man Konsumenten auch vor allfälligen Nebenwirkungen schützen können. Auch Marc Schwenninger, Zürcher Rechtsanwalt und Sekretär der Lauterkeitskommission, kritisiert: «Die Hersteller positionieren ihre Produkte im Grenzbereich zwischen kosmetischen Mitteln und unzulässigen Heilanpreisungen.»

Céline Blaser von Christian Dior Schweiz verteidigt die Tests für ihre Anti-Aging-Creme: Dior hätte ja nicht nur im Labor den Oxidierungsprozess untersucht. Auch 60 Frauen hätten die Creme zwei Monate im Selbstversuch getestet, «unter Kontrolle eines Dermatologen». Schönheit sei subjektiv und individuell –  und lasse sich mit wissenschaftlichen Kriterien nicht vergleichen. Der Kosmetikonzern L’Oréal Suisse, zu dem Biotherm und Vichy gehören, wollte sich zu den Kritiken an seinen Inseraten nicht äussern.

Sprecherin Danielle Bryner versichert aber, dass alle Versprechen, die auf dem Produkt oder im Inserat zu lesen sind, «der Wirklichkeit» entsprächen und «durch Beweise» unterstützt seien. Bryner: «Wir berufen uns auf verschiedene Tests, die nicht veröffentlicht werden und im Besitz des Herstellers bleiben.» Sie würden nur Behörden bei einer Prüfung bereitgestellt. Andere Hersteller sind transparenter: Eucerin von Beiersdorf oder Pierre Fabre bieten immerhin auf ihrer Homepage Untersuchungen zu ihren Anti-Aging-Produkten und Testdetails zum Nachlesen.


Rückfettende Produkte genügen, um die Gesichtshaut zu straffen

Fachleute ziehen ein klares Fazit: Antifalten-Cremes braucht es nicht. Konsumentinnen können auf die zum Teil sehr teuren Produkte verzichten. Tatsächlich ist es in erster Linie die rückfettende Wirkung der Creme, welche die Haut feucht hält. Dies lässt die oberste Hautschicht aufquellen und strafft dadurch die Gesichtshaut. Hautspezialist French: «Das allein bringt schon etwas gegen Falten.» Auch das deutsche Fachblatt «Ökotest» kam in diesem September nach dem Test von Cremes zum Schluss: «Mehrausgaben für Antifalten-Cremes lohnen sich nicht, eine gute Pflegecreme erfüllt denselben Zweck.» 2 bis 3 Liter Wasser trinken täglich sorge ebenfalls dafür, dass die Haut genügend Flüssigkeit bekomme und sich das Austrocknen verzögere (saldo 15/09).

Für junge Haut sind zwei Dinge wichtig, wie Fachleute sagen: ein guter Sonnenschutzfaktor in der Pflegecreme und ein gesunder Lebensstil. French: «Wer sich ab dem 20. Lebensjahr konsequent vor zu viel Sonnenlicht schützt, nicht raucht, sich gesund ernährt und seine Haut mit rückfettenden Cremes pflegt, kann mit 40 durchaus wie 35 aussehen.»


Tipps: So bleibt Ihre Haut gesund

  • Pflegen Sie Ihre Haut im Gesicht jeden Tag, vor allem im Winter.
  • Schützen Sie sich vor intensivem Sonnenlicht.
  • Schlafen Sie ausreichend.
  • Verwenden Sie eine rückfettende Creme, wenn Sie viel im Freien sind.
  • Benützen Sie in geheizten Räumen eine Feuchtigkeits-Creme.
  • Trinken Sie mindestens zwei Liter Wasser pro Tag.
  • Hören Sie auf zu rauchen.
  • Ernähren Sie sich leicht, mit viel Gemüse, Salaten und wenig Fett und Fleisch.

 

01. November 2009 | Andreas Grote


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