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Ein britischer Ex-Finanzanalytiker erkundete auf den Bazaren von Marrakesch bis Shanghai, was die Weltwirtschaft im Innersten zusammenhält.
Unter Kameltreibern und Teppichhändlern
Conor Woodman war ein üppig bezahlter Analytiker in der Londoner City. Er merkt, dass er am falschen Ort ist, als er 400 Arbeiter einer Glas-Manufaktur der Rendite wegen entlassen muss. Er quittiert seinen Job, um herauszufinden, wie sich Menschen in den traditionellen Märkten Afrikas, Asiens und Südamerikas verhalten. Um seine Reise zu finanzieren, will er genauso geschickt Geschäfte betreiben wie die Einheimischen. Dazu muss er die Tricks der Händler durchschauen, die ihn mit haarsträubenden Geschichten zum Kauf verführen oder beim Preis herunterhandeln wollen.
In «Bazar statt Börse» beschreibt Woodman, wie er gegen gewiefte Verkäufer, Verarbeiter und Käufer antritt: Teppichhändler in Marokko, Kameltreiber im Sudan oder Jadeschnitzer in China. Er handelt mit sambischem Kaffee, südafrikanischem Rotwein, taiwanesischem Tee, kirgisischen Pferden, japanischem Fisch und brasilianischem Teakholz. Mit Rotwein, Kaffee, Chilisauce und Teakholz macht er satte Gewinne, mit Kamelen und Pferden aus Naivität happige Verluste. Die Jade bringt er nicht an den Mann: Aus Geldgier geht er auf ein vernünftiges Angebot nicht ein.
Nach sechs Monate kehrt Woodman heim: Mit einer Menge Geld, neuen Freunden und vielen Erfahrungen, wie die globale Wirtschaft wirklich funktioniert. Sein Buch bietet Lesespass. Die wichtigste Erkenntnis des Autors: «Die Welt wird nicht so von den grossen Unternehmen beherrscht, wie ich dachte.» Das grosse Geld sei nur die Summe aller kleinen Beträge, die in den vielen lokalen Zentren der Weltwirtschaft herumwirbeln.
Conor Woodman, «Bazar statt Börse. Meine Reise zu den Wurzeln der Wirtschaft», Hanser, ca. Fr. 32.–
Warum Menschen kaufen
Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich zeigt auf, wie die moderne Konsumkultur funktioniert. Hersteller versuchen mit Design und Marketing Konsumenten bei ihren Sehnsüchten zu packen: Wer beispielsweise ein Auto erwirbt, kauft damit oftmals das Gefühl, ein Pionier zu sein. So beschwört BMW mit der Werbung für den Roadster Z4 Allmachtsfantasien. Der Prospekt zeigt das Auto unter Wolkenhimmel, in der Sommerhitze und im Gewitter. Botschaft: Unser Auto passt zu allen Wetterlagen. Auch Toyota verheisst Omnipotenz mit dem Slogan «Alles ist möglich». Für den Autor ist klar: Heute machen nicht mehr Material oder Herstellung eine Ware erstrebenswert, sondern das, was sie ausstrahlt. Der Konsum befriedigt beim Käufer das Verlangen nach starken Gefühlen.
Wolfgang Ullrich, «Haben wollen», Fischer, ca. Fr. 17.–
Viel Ehre für den Falschen
Der 1972 entdeckte Sandimmun-Wirkstoff Cyclosporin unterdrückt die Abwehrreaktion des Körpers auf ein fremdes Organ. Er machte Transplantationen erst möglich und bescherte Sandoz und Novartis Milliarden. Stephan Bosch enthüllt nun: Anders als Sandoz und Novartis behaupten, fand nicht der Neuenburger Agronom Jean-François Borel den Wirkstoff. Der Entdecker war sein Chef Hartmann Stähelin. Borel ist für einen Sandoz-Forschungsleiter «ein Betrüger, der die Wahrheit bewusst zu seinen Gunsten unterdrückt». Dabei half ihm laut Bosch die Konzernspitze: «Den leitenden Köpfen passte Borel besser ins Marketingkonzept.» Borel konnte gut reden und repräsentieren. Boschs Streitschrift ist akribisch recherchiert und leicht lesbar.
Stephan Bosch, «Die Akte Sandimmun», Rüffer & Rub, ca. Fr. 38.–
TV verblödet seine Konsumenten
«Ganz offenbar unterscheiden sich die Ziele und die Methoden der öffentlich-rechtlichen Berichterstattung kaum mehr von jenen der angeblich weniger seriösen privaten Konkurrenz.» Dieses Fazit zieht Kulturjournalist Alexander Kissler in seinem neuen Buch. Zu dieser Schlussfolgerung kommt Kissler nach einer Analyse der ZDF-Berichterstattung zum Amoklauf eines Schülers in Winnenden. Wie der Titel des Buchs suggeriert, hält der Autor vom Medium Fernsehen gar nichts, weil «es uns verblödet». Entsprechend viele Beispiele findet er, um diese These zu stützen – von der «Dschungelshow» über öffentliche Schönheitsoperationen bis zu «Deutschland sucht den Superstar». Neu ist Kisslers Ansatz nicht. Trotzdem lohnt sich die Lektüre wegen der amüsanten Beispiele.
A. Kissler, «Dummgeglotzt», Gütersloher Verlagshaus, ca. Fr. 31.–
01. November 2009 | Petra Stöhr, ask, eb, hü
