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Die Berner Sicherheitsfirma EM Haustechnik nützt die Not von Arbeitslosen aus: Wer eine Stelle im Callcenter will, muss erst 1000 Anrufe tätigen und drei Verkaufstermine vereinbaren.
Endlich Aussicht auf einen Job! Katja Jäggi, Brigitte Gurtner und André Gusset dürfen sich bei der EM Haustechnik in Thun BE vorstellen. Die Firma verkauft in der ganzen Deutschschweiz Alarmanlagen. Die drei hatten sich fast gleichzeitig auf ein Inserat hin für die Stelle im Callcenter beworben. Bereits einen Tag nach der ersten Kontaktaufnahme können sie vorbeigehen. «Nach zehn Minuten war das Gespräch mit der Center-Leiterin aber schon wieder beendet», sagen sie übereinstimmend. Brigitte Gurtner: «Meine mitgebrachten Bewerbungsunterlagen hat sie gar nicht angeschaut.»
Einen schriftlichen Arbeitsvertrag erhält niemand. Alle drei können in der Folgewoche beginnen. Die Freude ist gross. Doch schon beim Start wird sie getrübt: Schriftlich müssen sich die Neuen verpflichten, in der ersten Woche für null Franken Lohn zu arbeiten. Damit nicht genug. «Die Chefin verlangte, dass wir bis Ende Woche für unser Verkaufs- personal im Aussendienst mindestens drei Hausbesuche vereinbaren, sonst gebe es keinen Arbeitsvertrag», sagt Katja Jäggi.
Arbeitsziel erfüllt – und dann entlassen
Gurtner und Jäggi schaffen die Vorgabe. Doch am Montag der Folgewoche erhalten sie noch immer keinen schriftlichen Arbeitsvertrag. Sie arbeiten dennoch weiter – für 18 Franken Stundenlohn. Ende der zweiten Woche werden die zwei Frauen trotz erfülltem Arbeitsziel entlassen. «Wir mussten unsere Kündigung unterschreiben. Darin stand, sie erfolge im gegenseitigen Einvernehmen.»
Konfrontiert mit diesen Aussagen, bestätigt Firmenbesitzer Markus Nydegger dem K-Tipp: «Solche Schnupper- oder Ausbildungstage sind in den meisten Betrieben unbezahlt und völlig normal.» Normal? «Mit diesem Vorgehen wird vor allem die Notsituation von Stellensuchenden ausgenützt», sagt Kaspar Bütikofer, Zentralsekretär der Gewerkschaft Kommunikation. Gratis-Probetage seien keineswegs branchenüblich. Dieser Meinung ist auch Dieter Fischer, Präsident des Callcenter-Verbandes Callnet.ch. «Es ist auch nicht so, dass wir Gratis-Probetage empfehlen.» Ein probeweise geführtes Telefon-Verkaufsgespräch sei aber sicher vernünftig.
«Wer arbeitet, hat ein Anrecht auf Lohn»
K-Tipp-Rechtsberater Hans Ruedi Schmid stellt klar:
Kunden am Telefon mit Lügen eingeschüchtert
Katja Jäggi, Brigitte Gurtner und André Gusset telefonierten für die Sicherheitsfirma EM Haustechnik ganze Dörfer durch: 1000 Anrufe täglich. Dabei spielte es keine Rolle, ob hinter der Adresse ein Stern gegen unerwünschte Werbeanrufe stand.
Erfundener Einbruch als Argument
Um die Alarmanlagen besser verkaufen zu können, hätten sie die Angerufenen belügen müssen: Man habe jeweils behauptet, in der Nähe sei gerade eingebrochen worden. «Obwohl das nicht stimmte, hörten danach viele zu, was wir anzubieten hatten», sagt Katja Jäggi. «Bei Hundebesitzern lautete das Argument: Die Einbrecher würden durchs Schlüsselloch Gas strömen lassen», ergänzt André Gusset.
Markus Nydegger, Inhaber der EM Haustechnik, dementiert die Darstellung vollumfänglich. Seiner Ansicht nach handelt es sich um Lügengeschichten frustrierter Mitarbeiter. Die EM Haustechnik ist nicht die einzige Sicherheitsfirma, die mit fragwürdigen Methoden per Telefon auf Kundenjagd geht. Darüber berichtete das Konsumentenmagazin «Saldo» schon mehrfach. So drängten Vertreter der Firma EKB Security Systems aus Schönbühl BE die Hausbewohner zum sofortigen Kauf einer Alarmanlage. Dies mit dem Hinweis, den «günstigen Spezialpreis» gebe es nur an diesem Tag. Die ursprünglich über 7000 Franken teure Anlage würde so «nur» rund 5000 Franken kosten.
Zudem wurde behauptet, bei EKB-Alarmanlagen – die EM Haustechnik vertreibt die gleichen Produkte – entstünde kein Wartungsaufwand. Trotzdem meldete sich die EKB rund ein Jahr später und behauptete, jetzt sei ein Service der Anlage fällig.
Tipps gegen Einbrecher
26. Oktober 2009 | Daniel Jaggi, Redaktor K-Tipp
