SternSternSternStern (0)Kommentare lesen  Tags  Drucken  Beitrag weiterempfehlen

Artikel | K-Tipp 18/2009

«Wir mussten gratis arbeiten»

Die Berner Sicherheitsfirma EM Haustechnik nützt die Not von Arbeitslosen aus: Wer eine Stelle im Callcenter will, muss erst 1000 Anrufe tätigen und drei Verkaufstermine vereinbaren.

Endlich Aussicht auf einen Job! Katja Jäggi, Brigitte Gurtner und André Gusset dürfen sich bei der EM Haustechnik in Thun BE vorstellen. Die Firma verkauft in der ganzen Deutschschweiz Alarmanlagen. Die drei hatten sich fast gleichzeitig auf ein Inserat hin für die Stelle im Callcenter beworben. Bereits einen Tag nach der ersten Kontaktaufnahme können sie vorbeigehen. «Nach zehn Minuten war das Gespräch mit der Center-Leiterin aber schon wieder beendet», sagen sie übereinstimmend. Brigitte Gurtner: «Meine mitgebrachten Bewerbungsunterlagen hat sie gar nicht angeschaut.»

Einen schriftlichen Arbeitsvertrag erhält niemand. Alle drei können in der Folgewoche beginnen. Die Freude ist gross. Doch schon beim Start wird sie getrübt: Schriftlich müssen sich die Neuen verpflichten, in der ersten Woche für null Franken Lohn zu arbeiten. Damit nicht genug. «Die Chefin verlangte,  dass wir  bis Ende Woche für unser Verkaufs- personal im Aussendienst mindestens drei Hausbesuche vereinbaren, sonst gebe es keinen Arbeitsvertrag», sagt Katja Jäggi.


Arbeitsziel erfüllt – und dann entlassen

Gurtner und Jäggi schaffen die Vorgabe. Doch am Montag der Folgewoche erhalten sie noch immer keinen schriftlichen Arbeitsvertrag. Sie arbeiten dennoch weiter – für 18 Franken Stundenlohn. Ende der zweiten Woche werden die zwei Frauen trotz erfülltem Arbeitsziel entlassen. «Wir mussten unsere Kündigung unterschreiben. Darin stand, sie erfolge im gegenseitigen Einvernehmen.»

Konfrontiert mit diesen Aussagen, bestätigt Firmenbesitzer Markus Nydegger dem K-Tipp: «Solche Schnupper- oder Ausbildungstage sind in den meisten Betrieben unbezahlt und völlig normal.» Normal? «Mit diesem Vorgehen wird vor allem die Notsituation von Stellensuchenden ausgenützt», sagt Kaspar Bütikofer, Zentralsekretär der Gewerkschaft Kommunikation. Gratis-Probetage seien keineswegs branchenüblich. Dieser Meinung ist auch Dieter Fischer, Präsident des Callcenter-Verbandes Callnet.ch. «Es ist auch nicht so, dass wir Gratis-Probetage empfehlen.» Ein probeweise geführtes Telefon-Verkaufsgespräch sei aber sicher vernünftig.


«Wer arbeitet, hat ein Anrecht auf Lohn»

K-Tipp-Rechtsberater Hans Ruedi Schmid stellt klar:

  • Wer arbeitet, und sei es nur kurz, hat ein Anrecht auf Lohn. Schriftlicher Vertrag hin oder her.
  • Wenn kein Lohn vereinbart wurde, gilt der in der Branche übliche Lohn – ein Callcenter-Agent ohne Ausbildung sollte gemäss Gesamtarbeitsvertrag mindestens 3450 Franken monatlich verdienen.
  • Reine Schnuppertage müssen nicht entlöhnt werden; es besteht aber auch keine Arbeitspflicht.
  • Arbeitsverträge, die ausschliesslich auf Provisionen basieren, sind ungültig.
  • Ausbildung am Arbeitsplatz gilt als Arbeitszeit und muss entsprechend entschädigt werden.



Kunden am Telefon mit Lügen eingeschüchtert

Katja Jäggi, Brigitte Gurtner und André Gusset telefonierten für die Sicherheitsfirma EM Haustechnik ganze Dörfer durch: 1000 Anrufe täglich. Dabei spielte es keine Rolle, ob hinter der Adresse ein Stern gegen unerwünschte Werbeanrufe stand.


Erfundener Einbruch als Argument

Um die Alarmanlagen besser verkaufen zu können, hätten sie die Angerufenen belügen müssen: Man habe jeweils behauptet, in der Nähe sei gerade eingebrochen worden. «Obwohl das nicht stimmte, hörten danach viele zu, was wir anzubieten hatten», sagt Katja Jäggi. «Bei Hundebesitzern lautete das Argument: Die Einbrecher würden durchs Schlüsselloch Gas strömen lassen», ergänzt André Gusset.

Markus Nydegger, Inhaber der EM Haustechnik, dementiert die Darstellung vollumfänglich. Seiner Ansicht nach handelt es sich um Lügengeschichten frustrierter Mitarbeiter. Die EM Haustechnik ist nicht die einzige Sicherheitsfirma, die mit fragwürdigen Methoden per Telefon auf Kundenjagd geht. Darüber berichtete das Konsumentenmagazin «Saldo» schon mehrfach. So drängten Vertreter der Firma EKB Security Systems aus Schönbühl BE die Hausbewohner zum sofortigen Kauf einer Alarmanlage. Dies mit dem Hinweis, den «günstigen Spezialpreis» gebe es nur an diesem Tag. Die ursprünglich über 7000 Franken teure Anlage würde so «nur» rund 5000 Franken kosten.

Zudem wurde behauptet, bei EKB-Alarmanlagen – die EM Haustechnik vertreibt die gleichen Produkte – entstünde kein Wartungsaufwand. Trotzdem meldete sich die EKB rund ein Jahr später und behauptete, jetzt sei ein Service der Anlage fällig.


Tipps gegen Einbrecher

  • Die Polizei bietet eine kostenlose Beratung an – ohne Eigeninteressen!
  • Zeigen Sie, dass das Haus bewohnt ist: Licht innen und aussen brennen lassen, auch bei Abwesenheit. Während der Ferien Nachbarn bitten, das Haus zu «beleben» (Briefkasten leeren!).
  • Nicht alle Wertsachen am selben Ort lagern; möglichst nichts einschliessen, weil dadurch ein wertvoller Inhalt signalisiert wird.

26. Oktober 2009 | Daniel Jaggi, Redaktor K-Tipp


Beitrag als PDF
«Wir mussten gratis arbeiten»
Download PDF 36 KB
SternSternSternStern Artikel bewerten Stichwort hinzufügen
Artikel weiterempfehlen Artikel drucken

Kommentare (0)

 
Urheberrechte
Smartphones und Tablet-Computer sollen teurer werden. Grund ist eine neue Gebühr für Urheberrechte. Was halten Sie davon?
...zum Artikel
Das ist Unsinn. Beim Kauf von leeren CDs und DVDs ist die Gebühr schon enthalten.
Richtig so. Damit werden Künstler unterstützt.
Alle Umfragen

Verwandtes Buch
Arbeitsrecht: Was Angestellte wissen müssen
Arbeitsrecht: Was Angestellte wissen müssen
Von der Bewerbung bis zum Arbeitszeugnis

Detail-Infos
Buchshop
 
Jetzt unterzeichnen: Volksinitiative
Jetzt unterzeichnen: Volksinitiative
Die Bundesbetriebe sollen nicht Gewinn erwirtschaften, sondern den Bürgern einen guten und bezahlbaren Service bieten.
Verwandte Artikel
Wegen sexueller Belästigung fristlos gekündigt Schönreden einer Anlage für die eigene Provision Der Chef darf vieles - aber nicht alles
Testsieger für Android-Handys
Testsieger für Android-Handys
Hunderte von Tests in der Hosen­tasche: Die neue App «Testsieger» machts möglich. (beide Apps haben den gleichen Inhalt)
Aktueller Ratgeber
Aktueller Ratgeber
Die Steuerabzüge für Angestellte und Selbstständige (16. Auflage 2012)
Aktuelle Beratungstexte
Hat mein Bruder einen Pflichtteil zugut? Muss ich den Vermieter für die Umtriebe entschädigen? Darf mein Chef Beiträge an AHV, IV und EO abziehen? Alle Beratungs-Artikel
Aktuelle Tests
Elektro-Rasenmäher IPL-Enthaarungsgerät Pommes frites Alle Test-Artikel
Aktuelle Diskussionen
24.05.2012, 13:37 | 4 AntwortenWoher kommen die Albträume? 24.05.2012, 13:28 | 7 AntwortenWas hilft gegen Cluster-Kopfweh? 24.05.2012, 13:27 | 3 AntwortenMyom: Welche Operation ist empfehlenswert? 24.05.2012, 13:26 | 4 AntwortenWie bringe ich den Zungenbelag weg?
Benutzer-Favoriten